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Jüdische Schulzeitung · 1931-04-15 · 4 (15.4.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
4 (15.4.1931)
Date
1931-04-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 4 die christlichen beim Gottesdienst, bei den Ansprachen aus Anlatz von traurigen oder freudigen Ereignissen die PsNlmen Ntttz Prophetenworte verwenden. Auch das von höchster Bedeutung für die Schönheit der Psalmen erfüllte Wort Alexander v. Humboldts mag den Beweis für die Wichtigleit und den bleibenden Wert dieser Dichtungen bekräftigen, wenn er sagte: „Wenn der Fall denkbar wäre, daß es eine Sintflut gäbe, die alle Literaturschätze der Erde vernichtete und es bliebe nichts weiter übrig als der IN-l. Psalm, so wäre die Menschheit noch unendlich reich." . Mit derlei Argumenten werden gewiß die Schüler die Ueberzeugung gewinnen, daß man solche literarischen Erzeugnisse, wie Psalmen und Propheten, nicht totschwcigen kann. Leicht sind sie dadurch in die Lage versetzt, dem Vorwurf der mangelnden Originalität oder des Fehlens von Ideen entgegenzutreten. Mit Stolz werden sie sehen, daß auch das „germanische" Denken — um dieses heute so beliebte Wort zu gebrauchen — noch nach vielen Hunderten von Jahren nach Entstehung der hier zur Behandlung stehenden literarischen Erzeugnisse m Israel keine originelleren, auch keine eindrucksvolleren und tieferen Formen menschlichen Empfindens Gott gegenüber gefunden hat, und es müßte sonderbar um den geistigen Habitus unserer Kinder bestellt sein, wenn sie nicht dafür Sinn hätten und mit Stolz böswilligem Gerede entgegentreten möchten. Für die ' folgende Altersstufe, also vom 15. Jahre an, nach Verlassen der Volksschule, nach Uebertritt in die Fortbildungs- bzw. Gewerbe- oder. Handelsschule, bei den Mittel schulen etwa von Obertertia an, könnte man sogar die Forderung vertreten, die Apologetik zum Zentralstoff, zum Ausgangspunkt des Unterrichts zu machen und von ihr aus zur jüdischen Ethik, zur Geschichte, zur Literatur, zur Politik, kurzum: zu allen den Religionsunterricht ausfüllenden oder auch nur berührenden Stoffen vorzudringen. Doch das soll der Einsicht und auch der Absicht jedes Lehrers überlassen bleiben, welchen Weg er einschlagen soll. Einmütigkeit wird bei uns allen darüber herrschen, daß nun all die schwebenden, in Zeitungen, Zeitschriften, Büchern und Versammlungen zur Erörterung stehenden Fragen aufgegriffen und gründlich besprochen werden müssen. In der nachbiblischen Geschichte wird zunächst die Entstehung des Christentums ihre Behandlung finden müssen. Ich pflege dabei zu zeigen, daß in dieser Anfangszeit des neuen Glaubens grundlegend Neues nicht zu erkennen ist, daß lediglich einige rituelle Vorschriften neu aufgekommen sind, daß aber. der jüdischen Sittenlehre kaum eine neue Idee oder eine Verbesserung, wie beispielsweise bei den Gesetzen Hammurabis, die durch den Dekalog einen sehr bedeutenden ethischen Fortschritt erfahren, hinzugefügt wurde. Hat doch der Stifter der neuen Religion selbst erklärt, daß er nicht gekommen sei, um das Gesetz — das jüdische Gesetz — aufzulösen, sondern es zu erfüllen! Es wird weiter zu zeigen sein, daß die Erundlehren des Judentums,' vor allem die zehn Bundesworte, auch das Fundament der Tochterreligion bilden. Wie wenig es auch die Absicht war, eine neue Religion zu schaffen, beweist die Bezeichnung des Stifters der anderen Religion als „König der Inden". Es sind ja auch rein jüdische Gedanken, die diesen Jünger Jesajas veranlassen, das durch die Qualen und Drangsalierungen eines grausamen Feindes, des Römers, aufgebrachte und empörte Volk durch friedliche, gottergebene Reden zu beruhigen und ihm jenseitigen Lohn 'zu verheißen. Erst später haben Apostel und Kirchenväter bewußte Gegensätze geschaffen, die sich aber auch meistens auf Ritus und Zeremonien bezogen, die aber auch die Fundamente der jüdischen Ethik übernahmen. Beim weiteren Fortschreiten in der Behandlung der Geschichte werden bald die Kapitel des ersten Auftretens der Juden in Deutschland durchgenommen werden. Sie geben Anlaß, vom Heimatrecht der deutschen Juden zu sprechen, von jener Frage, die so häufig von gegnerischer Seite ebenso sachunkundig wie bewußt böswillig dargestellt wird. Behaupten Seite 3 doch manche Lästerzungen, die deutschen Juden seien erst in tzen ketztög Jahrzehnten aus dem Osten üingewanSökk. Zn der außerordentlich lehrreichen kleinen Schrift mit dem Titel „Vom Heimatrecht der deutschen Juden" führt Dr. Rieger den Nachweis. daß die Juden schon viel länger auf deutschem Boden ansässig sind als große Bevölkerungsteile des heutigen Deutschland, daß sie durch ihre, urkundlich nachweisbar bis ins dritte Jahrhundert zurückreichendc Anwesenheit in Deutschland sich wahrlich wenigstens ein gleiches Heimatrecht erworben haben wie die slawischen Stämme der Wenden, Kasuben, Obotriten, der Refugics, der Hugenotten und sonstigen Bevölkerungsteile, die im Laufe der wechselvollen Geschichte unseres Heimatlandes in ihm ausgenommen wurden und sich zum Teil sozusagen noch „stammesrein" erhalten'haben. Wenn ich mir auch wohl bewußt bin, daß der Antisemit nur sehr selten der Belehrung zugänglich ist. so soll durch die Kenntnis solcher Tatsachen der Gegner nicht in erster Linie belehrt werden, als vielmehr soll das Selbstbewußtsein unserer Heranwachsenden Jugend gestärkt werden, und ihre Selbstsicherheit soll festen Halt bekommen. Weitere Fragen auf dieser Stufe betreffen vor allem die Berufsschichtung unserer Glaubensgenossen, zu deren Darstellung die mittelalterliche Geschichte die nötigen Anknüpfungspunkte ergibt. Die politischen, kulturellen nud wirtschaftlichen Verhältnisse dieser Zeit, in Verbindung mit den einschränkenden Erlassen gegenüber den Juden, machen die einseitige' Abdrängung in einen einzigen Berufsstand verständlich und geben günstige Anhaltspunkte, den in dieser Hinsicht gegen uns erhobenen Angriffen wirkungsvoll entgegenzutreten. Auf der Oberstufe ist eine große Reihe von Themen so geläufig in aller Munde, so sehr der Inhalt der Tagespolitik, so häufig in den Spalten der Zeitungen verschiedener Richtungen lebhaft und leidenschaftlich besprochen, daß sie einer genauen Erörterung unterzogen werden muß. An erster Stelle ist es der Talmud. der als ein Buch mit sieben Siegeln eine beliebte Zielscheibe unserer Haffer geworden ist. Ferner sind es einzelne religiöse Fragen, über die unsere Schüler Aufklärung erhalten müssen. Hierzu sind zu nennen: das Kol Ridre-Gebet, die Schechita, die Blutschuldlüge, die jüdische Internationale und vor allem sind es Rasseprobleme. Für alle diese Themen steht eine Fülle aufschlußreichen Materials zur Behandlung im Unterricht zur Verfügung und kann von den Bibliotheken oder Buchhandlungen bezogen werden. Doch da der Kampf der Antisemiten gar häufig nicht das Judentum — die religiöse Lehre '— treffen will, sondern die Bekenner der Lehre, die Iudenheit als wirtschaftlichen Faktor in Unserem staatlichen Gefüge, so sind wir gezwungen, häufig darauf' bezügliche Kapitel zu besprechen. Als solche sind zu nennen: jüdische Zeitungen, jüdische Banken, jüdische Geschäfte. Eine Fülle von Stoffeinheiten habe ich aufgczählt und zur Behandlung vorgeschlagen; so viel, daß nur die zur Behandlung notwendige Zeit als nicht vorhanden entgegengehalten werden kann. Ja, ich muß das ohne weiteres zugestehen, daß zur ausgiebigen Besprechung all der angeführten Stoffgebiete, besonders auf der Oberstufe, ein vielfaches an Stunden zur Verfügung stehen müßte. Doch da das nicht der Fall fein kann, müssen wir uns damit bescheiden, den Schülern einen Hinweis gegeben, ihrer freiwilligen Arbeit eine Richtung aufgezeigt zu haben in der Hoffnung, aber auch in der sicheren Gewißheit, daß sich viele selbständig weiter vertiefen werden. Einen kleinen methodischen Hinweis, der auch ein wenig förderlich sein soll, werde ich weiter unten geben. Und diese Beschränkung der Zeit erfährt noch eine bedeutende weitere Einengung durch die lehrplanmäßige Feststellung, daß nicht die gesamten, für den Religionsunterricht der Mittelschulen vorgesehenen zwei Stunden ausschließlich mit Apologetik ausgefüllt sein sollen. Mit Nachdruck betone ich, daß trotz der Jüdische Schulzeitung. BV4WWP, Wiy ■ j-'wwwi. m,1 i >>. ■

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