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Jüdische Schulzeitung · 1931-03-16 · 3 (16.3.1931) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
3 (16.3.1931)
Date
1931-03-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Jüdische Schulzeitung. Nummer 3 weitern. Die Ausbildung der jüdischen Lehrer mutz eine intensiv jüdische sein, mehr als bisher. Wir müssen in zehn Jahren soweit sein, datz die jüdische Lehrerschaft die hebräische Sprache wirklich in Wort und Schrift beherrscht. Ich bitte diejenigen, die es angeht, sich für diese Forderungen einzusehen und dabei zu bedenken, das; es sich nicht etwa um politische, sondern um jüdische und pädagogische Forderungen selbstverständlichster Art handelt. Je höher der Lehrer steigt, desto höher wird er die Jugend führen können. Judentum und Judenheit können bestimmt dabei nur gewinnen. Literarisches Kurt Sabatzky: Der Jude in der dramatischen Gestaltung. Königsberg i. Pr., Buchverlag der Königsberger Hartungschen Zeitung und Verlagsdruckerei. 6b S. Eine ausgezeichnete Studie, die eine willkommene Ergänzung bildet zu Arbeiten, wie Arthur Sakheims „Das jüdische Element in der Weltliteratur" und gewisse Schriften Julius Babs. Die Darstellung des Juden auf der Bühne greift, wie der Verfasser dartut, bis auf die Mysterienspiele und Moralitäten des frühen Mittelalters zurück.. Es bedarf keiner besonderen Versicherung, datz in jenen Zeiten höchster Intoleranz, in denen es ja selbst nicht an blutigen Glaubensverfolgungen fehlte, von der noch bescheidenen christlichen Dramatik alle Nichtchristen als amoralische und verabscheuenswürdige Menschen hingestellt wurden, und ganz besonders die Juden, die vielfach geradezu als Verkörperung des Bösen galten. Auch „Der Jude von Malta", ein Stück von Marlowe, dem Vorläufer Shakespeares, zeichnet den Juden als einen durchaus rohen und wüsten Gesellen, während Chylock doch schon einige menschliche Züge aufweist und sich zum mindesten durch seine persönliche und dramatische Charakterisierung über den bisherigen schematischen Typ siegreich hinaushebt. Sabatzky sieht mit einem grotzen Teil der modernen Literaturkritik in'dem venezianischen Juden eine Gestalt, die um ihr Recht kämpft und bei allen unsympathischen Zügen zum guten Teil doch auch von einem Nechtsgedanken beseelt ist, um ihr Recht aber schlietzlich betrogen wird. Nicht erst Lessings „Nathan der Weise", sondern schon sein Jugendlustspiel „Die Juden" bedeutet eine merkliche Wende. Denn schon dieses ist vom Geiste echter Toleranz getragen, wenn ihm auch nicht entfernt die humanistische und kulturelle Bedeutung des grotzen späteren Toleranz-Evangeliums zukommt. Während sich das Schauspiel Cumberlands „Der Jude" gleichfalls judenfreundlich gibt, sucht Karl Sessas „Judenfchule" ihr Heil im Gegenteil. Ueber Freytags Schmock, Grillparzers „Jüdin von Toledo", Halevys „Jüdin" und Gutzkows „Uriel Acofta" kommt der Verfasser zu den Modernen. Bühnendichtungen von Sudermann. Hauptmann, Schnitzler, Lion Feuchtwanger, Wilh. v. Scholz, Ernst Toller. Stefan und Arnold Zweig. Franz Werfel, Dietzenschmid, Shaw, Ealsworthy und weniger bekannten Autoren werden auf ihre Beziehungen zum Judentum untersucht. Die Schrift kommt zu folgendem Schluß: „Betrachtet man die Charakterisierung des Juden durch die Dramatiker, so ist festzustellen, datz besonders in vergangenen Zeiten, in denen die Juden vielfach stark bedrängt wurden, die Dichter — wenn man von Lessing absieht — sich von Zeitströmungen nicht haben freimachen können. Gerade aber von den modernen Dichtern, die Juden auf die Bühne stellten, ist zu sagen, datz sie im wesentlichen die Juden ohne Verzerrung gesehen haben." — Der Wert von Sabatzkys Schrift liegt nicht zuletzt in ihrer Sachlichkeit und Objektivität, die sich von Parteigeist streng fernzuhalten sucht. E. Der Morgen. Zweimonatsschrift. Nr. 6. Berlin. Philo- Verlag. Das neue Heft des „Morgen" (Nr. 6, Jahrgang VI> beginnt mit dem Abdruck eines Vortrages über „Geist und Blut", den Leo Baeck auf der Jubiläumstagung der Gesellschaft für freie Bhilosophie in Darmstadt hielt. Regierungsrat Dr. Friedrich M e r kon sch ln ge r gibt in feinem Aufsatz „Rasse und Volk im Lichte der Biologie" eine wissenschaftlich fundierte Kritik der völkischen Rassetheorien. „Die Bedeutung der Orgel in der Synagoge" erörtert Hans Samuel auf Grund neuer Erkenntnisse. In einer sehr aufschlußreichen methodischen Darlegung „Was ist uns Nichtjuden der Antisemitismus" behandelt Studienrat Dr. Müller-Claudius die psychologische Einstellung der einzelnen nichtjüdischen Gruppen zum Antisemitismus. Profesior Erich Stern schreibt über den Zusammenhang von religiösen und neurotischen Konflikten: „Religiöse Entwurzelung und Neurose." Mit dem besonders wichtigen und aktuellen Problem der Minderheiten beschäftigt sich Gerhard Schacher in seinem Aufsatz: „Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Minderheiten in Südosteuropa." Martin B u b o r gibt ein Blatt aus der neuen Jetemia-lkebersetznng- Eine Reihe von Buchbesprechungen beschließt das Heft. William Stern, Psychologie der frühen Kindheit bis zum sechsten Lebensjahre. Mit Benutzung ungedruckter Tagebücher von Clara Stern und Beiträgen von Kurt Lewin und Heinz Werner. 6. Auflage. Quelle & Meyer, Leipzig I960. W. Sterns Psychologie ist das unbestrittene Standardwerk der vorschulischen Entwicklungsperiode. Als 1914 die erste Auflage erschien, durfte der Verfasser sich rühmen, seit Preyer die erste Gesamtdarstellung der seelischen Entwicklung des Kleinkindes gegeben zu haben. Seitdem ist die Literatur ins Unübersehbare gewachsen, aber die Bedeutung des Sternschen Gründwerkes ist dadurch nicht gemindert worden. Die Gründe liegen wohl in der prachtvollen Klarheit, die das Werk für Eltern ebenso brauchbar macht wie für Pädagogen und Psychologen. in der Freiheit von jedem abseitigen Doktrinarismus, wie er in so vielen Psychologien der Neuzeit zu finden ist. und endlich in der Begründung der Theorien durch ein vielseitiges und umfangreiches experimentelles und Beobachtungsmaterial. Der „psychologische Ort", von dem aus Stern das Seelenleben betrachtet, ist zugleich der Grundbegriff seiner Philosophie: der P e r s o n a l i s m u s. „Alle Trennungen innerhalb der Persönlichkeit sind nur relativ, nur Abstraktionen ...; alle Teilentwicklungen einzelner Funktionen sind stets getragen von der persönlichen Eesamtentwicklung". Das ist die Ganzheitspsychologie in ihrer letzten Konsequenz. „Wo Gestalten sind, mutz ein Gestalter sein", wie Stern in bezug auf die Kestaltpsychologie zu seinen Schülern zu sagen pflegt. — Das Grundgesetz der seelischen Entwicklung kommt in der Konvergenztheorie zum Ausdruck: „Seelische Entwicklung ist nicht ein bloßes Hervortrctenlassen angeborener Eigenschaften, aber auch nicht ein bloßes Empfangen äußerer Einwirkungen, sondern das Ergebnis einer Konvergenz innerer Angelegenheiten mit nutzeren Entwicklungsbedingungen". Diese Theorie ist mehr als eine geschickte Formulierung, die den Gegensatz von Nativismus und Empirismus, von Vererbungs- und Milieutheorie verkleistert: sie ist objektiv richtig. Wie diese Grundhaltung des Verfassers in den Einzeldarstellungen sich auswirkt, kann hier nicht verfolgt werden. Hingewiesen sei aber auf die für den Pädagogen sehr wertvollen kritischen Auseinandersetzungen mit Adler und besonders Freud, sodann auch mit der Pädagogik der Montcssorischule. Was der Verfasser in den einleitenden Kapiteln über „Aufgabe und Entwicklung der Kindespsychologie", „Methoden der Kindespsychologie". „Die seelische Entwicklung" bietet, gibt Aufschluß über den Stand und die Problematik der Gegenwartspsychologie, die kein Lehrer entbehren kann. Wie denn eine „Psychologie der frühen Kindheit" nicht nur für Mütter und Kindergärtnerinnen wichtig und darum bestimmt ist. Denn wie es kein Verständnis einer bestimmten Stufe der organischen Entwicklung ohne Kenntnis der Grundlagen gibt, so wenig kann ein Lehrer seine Schüler verstehen, wenn er nicht um ihre Kindheit weiß. Dr. H. St e rn. Josef Ka st ein: Sabbatai Zewi. Der Messias von Jsmir. Ernst Rowohlt Verlag, Berlin. Ursache und Wirkung. Gewicht und Gegengewicht, Belastung und Befreiung. Sind das Weltgesetze? Oder gesetzmäßig wirkende Menschengewohnheiten? Sabbatai Zewi ist Wirkung, bevor er Ursache wird. Nicht seine leibliche, seine geistige, mehr noch und richtiger: seelische Erscheinung ist die Antwort auf das Ueberflietzen eines tausendjährigen Leidenskelches. So wird er bewegt, erzeugt Bewegung, die ihn aufnimmt, weitertreibt, fortschwemmt und — untergehend hinwegschwemmt. Weil zwar Eigensucht aber nicht Eigenkraft in ihm war. Sonst hätte er. wenn auch nicht Erlösung, doch vielleicht Glaubenserneuerung bewirkt. So aber hinterließ er, wie ein Komet abbröckelndes Schweifgestern, nur eine vegetierende Sekte, die heutigen Dönmehs. wunderlicherweise noch heute bestehend, weil noch immer Erlösungsbedürfnis besteht. Ein Ekstatiker mit Kalkulation. beinahe zur Größe sich berauschend, um jäh und jäher zur Schande abzustürzen, länger als verdient hochgehalten von Leidensmasse und Leidenschaft eines gequälten Volkes, das an Wunder und Erlösung glauben — will. Belastung — Befreiung! Josef Kaste in (der wirkliche Name?) hat dieses Schicksal gestaltet. in enger Anlehnung an die Geschichtsberichte, bescheidenerweise der Verführung zum romanhaften Gestalten ausweichend. So entstand weniger eine Biographie als eine Zeitbeschreibung.

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