Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 3 (16.3.1931)
- Date
- 1931-03-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer .‘3 Jüdische Schulzeitung. Seite 7 weniger blitzender Schwung als vielmehr fachdienende Eindringlichkeit,' weniger auffällig persönliches als vielmehr allgemeingültig jüdisches Schicksal. (Vergleich mit Poljakoffs Werk.) .' Manches kluge Wort von allgemeiner Wahrheit ist in diese Zeitbeschreibung eingestreut. Martin Bubers Vorbild wird in Diktion und literarischer Absicht sichtbar. Zwar, der Meister wird nicht erreicht; aber es bleibt ein respektherschender, sympathischer und hoffnungsvoller Schüler. Die Handlung selbst braucht wohl nicht beschrieben zu werden. I s s i B a y e r - Bingen. Paul O e st r e r ch , Der Einbruch der Technik in die Pädagogik. Cotta, Stuttgart und Berlin. 2n dieser Schrift zeigt Paul Oestreich, wie der fortschreitende Technisierungsprozeß neben den zunächst in die Augen fallenden Vorteilen auch recht ungünstige Folgeerscheinungen ausgelöst hat. Denken wir z. V. an den Arbeiter früherer Zeiten. War auch seine Kraftanstrengung wegen der längeren Arbeitsdauer und der primitiven Hilfsmittel größer, er hatte aber die Möglichkeit, fein Erzeugnis bis zur Fertigstellung zu verfolgen. Heute must er, um nach dem Taylorsystem Höchstleistungen zu erzielen, immer dieselbe Teilarbeit ausführen. Der Maschinist ist nicht mehr Aufseher der Maschinen, er ist ihr Diener und mit Besorgnis sieht er den Tag kommen, an dem er durch weitergehende Nationalisierung seine Beschäftigung verliert. — Unter dem Einfluß der Technik hat die höhere Schule ihren einheitlichen Charakter cingebüstt. Starkes Hervortreten der mathematischen und naturkundlichen Fächer sowie der modernen Sprachen liest neue Schultypen entstehen und begünstigte das Vordringen des Arbeitsunterrichts. Technisierung und wirtschaftliche Entwicklung hatten zur Folge, dast unsere Jugend ihre Verbundenheit mit der engeren Heimat verlor, dast sie allzufrüh der einseitigen Berufsausbildung in die Arme getrieben wurde. Um das schwindende Heimatgefühl wieder zu beleben, macht Oestreich den Vorschlag, Schulen in den Städten an ihre Peripherie zu verlegen. Dort sollen sie Natur und Heimat kennen und lieben lernen. Nicht Prunkbauten, sondern bewegliche Baracken, die ohne Schwierigkeit einen Ortswechsel gestatten, seien der Aufenthaltsort für die Jugend, die „in der technischen Wendezeit zum vollen Menschentum" heranreifen sollen. Die kleine Schrift, mit ihrer Fülle von Anregungen sei allen Interessenten bestens empfohlen. S. Sonn-Berlin. Fraenkel, Michael: Ludwig Traube. Ein oberschlesischer Wohltäter der leidenden Menschheit. Oppeln 1930. Der rührigen Feder des Breslauer Gelehrten verdanken wir wieder ein Erinnerungsblatt aus Oberschlesiens Kulturgeschichte. Das Bild Ludwig Traubes, des berühmten Arztes, des Lehrers von Virchow u. ci., wird mit wenigen Strichen klar und deutlich gezeichnet. Der Mensch und der Arzt Traube sind gleich hochwertig. Was am meisten zu bewerten ist — ich sagte es bei einer früheren Besprechung — dast Oberschlesiens Juden, dast oberschlesische Kultur rm weiteren Deutschland bekannt werden. Das ist das nicht hoch genug einzuschätzende Verdienst des Verfassers. M. Upton Sinclair: Leidweg der Liebe. Malik-Verlag, Berlin. Liebe treibt zwei junge Menschen zusammen, Corydon das Mädchen, dem Weibsein beinahe Beruf ist, und Thyrsis den Jungen, dem Mannheit nichts, seine Schriststcllermistion aber alles bedeutet. Der „Leidweg der Liebe" dieser beiden Menschen ist aber nur die Folie, nur der Hintergrund, aus dem hervor der groste „Wahrhcitshörer" Sinclair feine Anklagen gegen eine morsche, versumpfte, korrupte Gesellschaft und mehr noch Gesellschaftsordnung schleudert. Die Hintergründe und Untergründe der Gesellschaft zu schildern, ihre Untiefen und Laster zu enthüllen, das hat Sinclair, mit heißem Herzen unternommen. Aber vielleicht ist diese Kritik kleinlich, sie soll wenigstens offen fein — hat der groste Menschheitsfreund, der Kämpfer um ein besseres Diesseits der Apostel des Schönen u n d Guten sich verschworen, kein Buch unter 600 Seiten zu schreiben° Manche Länge des Buches würde der Rezensent gerne entbehren, so den Briefwechsel zwischen den Liebenden, der einfach nicht enden will, ohne irgendwie Wesentliches zu offenbaren. Um dieses Buch wahrhaft lieben zu können, must man seine Tendenzen lieben. Dies bekennt der Unterzeichnete gerne und deshab ist .ihm die Lektüre dieses Buches — trotz alledem — wert und lohnend gewesen. Jsfi Bayer. Kurt Ziclenziger: Judenin der deutschen Wirtschaft. 288 S. Acht Bildnisse auf Tafeln. Der Heine-Bund, eine jüdische Buchgcmeinde. Berlin- W 57, Palasstr. 10-41. Mitgliedsbeitrag jährlich 12 RM. (für 3 Bände jährlich nach freier Wahl). Aus dem Handel und dem Geldgeschäft hervorgegangen — haben sich die Juden inerhalb der deutschen Vollswirtschast zur Zeit von deren höchster Entfaltung nur als Händler und Bankleute betätigt? Haben sie nicht an dem großartigen Aufschwung der Industrie teilgenommen? Waren sie nur Mittler, Zwischenglieder oder haben sie Leistungen von schöpferischer Kraft vollbracht, von phantasievollem Erfassen neuer Ausgaben, vom Ahnen „kommender Dinge"? Des Verfassers Antwort ist eine indirekte. Er behandelt eine Reihe von typischen Wirtschaftsführern jüdischen Geblüts: die alten Bankfamilien: die Bleichrödcrs. Mendelssohns u. a., die Leiter der modernen Bankkonzerne: Wassermann, Goldschmidt u. a.. die Warenhausdynastien der Tietz, den Kupferhirsch, den Flinten-Loewe, den Stickstoff-Caro, den Tiefbau- Berger, den größten aller Reeder Ballin, den Schöpfer der AEG. Emil Rathenau. und andere Größen. Man sieht, was sie geleistet, aber nicht minder die Voraussetzungen des Aufstiegs: Begabung, Bildung, Familie, das Milieu, die gesamten Zeitverhältnisse. Im Verein mit der Einleitung „Vom Ghettohändler zum Wirtichaftsführer" und dem „Ausblick" am Schluß ergeben diese Porträts im Rahmen der deutschen Volkswirtschaft von 1800 bis 1930 ein Bild von den Sozial- und Wirtschaftswandlungen unter den deutschen Juden, ihrem Abstieg in der Gegenwart, ihrer wirtschaftlichen Zukunft. M. N. Vaupel, Karl: Die Kinder und ihre Tiere. Bilder und Erzählungen von Kindern einer Dorfschule. Ravensburg. Otto Maier. 1930. 69 S. 5 Ml. „Der Jugendfchriftler und Schulmann wird dieses Buch mit großer Freude begrüßen. Es ist nicht nur kindertümlich, es ist kindeseigen." So sagt Leo Weismantel im Vorwort. Wir können den Kreis viel weiter fassen. Jeder, dem es ernst ist mit der Kenntnis der Kindesseele, mit ihrem Werden und Wachsen, wird das Buch als ein Dokument der psychischen Einstellung des Kindes zum Tiere anfehen. Wir wissen, dast nur Kinder wahrhaft Tiere lieben, daß ihnen der lebendige Hund zehnmal lieber ist als der Gummihund oder der Teddybär. „Wenn ein Kind bei einem Tier ist, dann kann es sich manchmal stundenlang mit ihm unterhalten. Bei ihm ist das Kind lieber als bei einem Menschen." (S. 25.) Und so liebevoll beobachtend, ist das Kind der beste Tiermaler. Das Buch wird Kindern Freude machen, wir Erwachsenen werden aus Bildern und Geschichten die Seele.des Kindes lesen. Selbstverständlich merkt man hier und da die glättende, führende und verbessernde Hand des Lehrers. M. M. Stengel, Jwri onauchi, illustrierte hebräische Fibel. Verlag Josef Belf, Wien I. 3.60 Schilling. Ein tadelloser Druck, eine auf pädagogischen Erfahrungen ausgebaute Reihenfolge des Fortschrittes,' die durch kurze Sätze schnell und gut geschaffene Zusammengehörigkeit der Lektionen geben der neuen Fibel eine Berechtigung und erhöhen ihren Wert. Immer wird wie bei jedem Lehrbuche auch hier die Arbeit des Lehrers für den Erfolg entscheidend sein, aber man kann sich vorstellen, daß das vorliegende Buch die Lust der Kinder reizt und erhält. Die beigegebenen Bilder sind bisweilen sehr gut, muten aber auch bisweilen — bei den sportlichen Darstellungen — etwas eigenartig an. Beigcgcben sind Stücke aus dem Gebetbuch mit deutscher Üebersetzung und andere nützliche Angaben. Ein Mangel dürfte es wohl sein, daß beim Alphabet nicht schon die Schreibschrift vermerkt ist. Wer sich von seiner alten Fibel lossagen kann, greife zu dieser neuen, die unbedingt zu empfehlen ist. Rabbiner Dr. A. Posner, Kiel. Denkwürdigkeiten des Aron Ifak (1730—1817). Herausgegeben und eingeleitet von I. Holm. 208 S. 8 Tafel- und 2 Textbilder. Heinebund, Berlin. Preis 6 ML Ein schlichter Mann (1730 zu Treuenbrietzen i. d. M. geboren, gest. 1817 zu Stockholm) erzählt sein abenteuerliches' Leben: Petschaftstecher in seiner Heimatstadt, nachher im mecklenburgischen Bützow, wo er mit den Professoren gut Freund war und viele adelige Kunden hatte; Galanteriehändler im siebenjährigen Krieg; zuletzt Hofjuwelier und Schützling Gustavs IH. von Schweden und sein Kriegslicferant im russischen Krieg, den er im Hauptquartier genau kennengelernt. Ein schlichter Mann, doch von politischem Scharfblick, diplomatischer Gewandtheit und Tatkraft, der es verstand, den streng kirchlichen Schweden das Niederlassungsrecht für seine Klaubens-' genossen förmlich a-bzutrotzen und so zum Begründer der ersten jüdischen Gemeinde in Schweden wurde. Ein schlichter Mann, aber ein geborener Schriftsteller, besten naiver treffsicherer Ausdrucksweise ein großer Reiz anyaftet, und der eine der kuriosesten Lebensgeschichten, ein höchst aufschlußreiches Zeitdokument hinterließ. M. N.