Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 3 (16.3.1931)
- Date
- 1931-03-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 3 Jüdische Schulzeitung. Seite 5 hebräischen Literatur aller Zeiten, wir erschreiben sie uns, sei es der More nehuchim. lei es der GckmlchtM ckkitch. Die Begriffe der Religionslehre, sei es Mukzo oder Netilas Lulow, wir erschreiben sie uns. Die hauptsächlichsten geschichtlichen Ereignisse, wir erschreiben sie uns. Die wichtigsten Begriffe in der Geographie des Landes Palästina, wir erschreiben sie uns. Ich selbst muß gestehen, ich bin den Weg der konsequenten Ausnützung des Schreibens noch nicht gegangen, da ich noch nie eine Klasse vom Schulanfang bis zum Schulende geführt habe. Aber ich bin dabei, den Schreibstoff zusaminenzustellen, so daß er für jeden Lehrer gebrauchsfertig vorliegt, ohne daß natürlich die. Notwendigkeiten der Auswahl beschränkt werden. Die Büchlein, von denen ich gesprochen, sind der Anfang dazu. Verschiedene Umstände haben es mir unmöglich gemacht, die Arbeit bis zum heutigen Tage weiter zu fördern, so daß ich in dieser Hinsicht bis jetzt nur über eine „Skizze" verfüge. Aber ich kann schon von klarsprechenden Erfolgen berichten. So haben wir zu den Herbstfeiertagen Gebete wie die Feiertags-Schmone Esre, Owinu malkenu und andere ohne weitere Vorbereitung gelesen und — nach einiger Mithilfe des Lehrers — verstanden. Dies geschah in den unteren Klaffen eines Lyzeums. 14. Unsere Schreibgewandtheit gestattet uns eine weitere Annexion zu machen: das hebräische Lied. Hier bin ich nun in der angenehmen Lage, ein vollständiges Manuskript eines hebräischen Schulliederbuchcs vorlegen zu können, welches nicht nur sehr, viele neue Melodien enthält, sondern auch gerade für unsere deutschen Schulen bestimmt und berechnet ist. Selbstredend kann man auch andere Liederbücher benützen und ich selbst besitze und benütze ca. 10 verschiedene hebräische Liederbücher, aber es ist fraglich, ob jedem Kollegen mit einem so allgemeinen Hinweis auf zehn Liederbücher gedient ist. Ich bin bereit, dieses Liederbuch zum Druck zur Verfügung zu stellen. Ich bin sogar bereit, binnen Jahresfrist einen zweiten Band, folgen zu lassen. Das vorliegende Manuskript hat 45 Erstveröffentlichungen und enthält häusliche religiöse Gesänge für Sabbath, Freitag abend, Sederabend. Lieder für die Feste des ganzen Jahres, Neigentanzlieder, Kinderlieder, Wanderlieder, Spiellieder, Jugendlieder, Marschlieder, Kanons, Niggunim (wortlos) und in einem Anhang zehn jiddische Lieder. Das hebräische Lied schmückt unsere Stunden ans, es bringt uns mühelos, ohne Anstrengung Vertrautheit mit jüdischem Denken und jüd. Brauch und macht uns vor allem mit der hebräischen Sprache bekannt, ohne das; wir nötig haben, zu „lernen". Ich gebrauche nicht gerne Schlagwörter. Aber hier muff ich schon sagen: das hebräische Lied, gemeinsam gesungen, bindet die Klasse unter sich und mit dem Lehrer zusammen. Das Lied wirkt höchst gemeinschaftsbildend. Und da wir schnelle Schreiber sind, nimmt uns alle diese Arbeit nicht die kostbare Zeit unserer wenigen Neligionsstunden weg, sondern wir schreiben fast alles als Hausaufgabe. Das ist wenigstens die Regel. Wenn wir einmal in der Stunde ein Lied aufschreiben, so nimmt das dank unserer Schreibfertigkeit auch nur wenig Zeit in Anspruch. 15. So sehen wir das eine: das Schreiben ist der Notnagel, der überall angebracht wird. Mit Hilfe des Schreibens „strecken" wir unsere knappe Unterrichtszeit, mit Hilfe des Schreibens halten wir die Schüler zur systematischen Arbeit an, wir befestigen unser Sprachwissen damit, kurzum: das Schreiben durchdringt und intensiviert, kontrolliert, stützt unseren ganzen Religionsunterricht. Wir kommen an einen Namen der spanischen Iudengeschichte wie Iehuda Halewi, er ist uns schon bekannt, wir haben ihn schon geschrieben, wir sprechen von der Mischna, wir kennen das Wort schon. Chanukkah kommt: Das Wort liegt schon längst in unserem Archiv, wir holen es hervor. Ueberall begrüben wir Bekannte, deren Schriftbild wir schon kennen. Und siehe da, durch intensive Pflege ist unser krankes Kind, das Schreiben, gesund, sogar sehr gesund, und sehr stark ge- Mir scheint, auch das Wachstum der anderen,Kinder (geheißen Losen und Sprechen) war seither durch das kranke Kind „Schreiben" beeinträchtigt. Wir sind durch das Schreiben noch keine Hebraisten geworden, aber wir sind, das lügt sich ganz unzweifelhaft feststcllen, in die Höhe gekommen. Das Schreiben ist unser wichtigstes Hilfsmittel geworden. Ich komme zu einem besonderen Kapitel, geheißen Filialunterricht. Der Filialunterricht richtet sich nicht nach dem Stundenplan, sondern nach dem Fahrplan der Reichsbahn und wird zwischen Kommen und Gehen erteilt. Einmal in der Woche meist, das muff genügen, zu mehr reichen Geld und Zeit nicht. Ich habe vorhin bei jeder Gelegenheit den eminenten Wert des Schreibens betont, inzwischen sind mir die Superlative ausgegangen. Ich finde tatsächlich kein Wort, um die Wichtigkeit des Schreibens gerade für den Filialunterricht zu bezeichnen. Wichtiger als irgendwo ist da die Aufgabe der schriftlichen Hausarbeit. Und in diesem Zusammenhänge möchte ich noch von einem weiteren Hilfsmittel reden. Unter dem Namen „Loschen hakodesch", stecken noch hier und da, kümmerliche und obendrein verkümmerte, verkrüppelte Neste eines früheren hebräischen Sprachbewufftseins, einer früher lebendigenhebräischen Umgangssprache. Ich nenne einige bekannte Wörter: mius: häßlich, mees: Geld, rösche: Bösewicht, awere: Sünde. Es ist nicht schwer, 200 bis 300 solcher Wörter zusammenzustellen, Diese Wörter aber geben ein vorzügliches Fundament für einen hebräischen Sprachschatz. Ich bin dabei, diese Wörter zu sammeln: . aber ich kann auf Grund meiner Erfahrung schon fetzt behaupten, daß sich mit diesem halbverschütteten und reparaturbedürftigen Material ganz gute Erfolge erzielen lassen. Ich bin am Ende meiner methodischen Vorschläge. Ich habe das Gebiet des Religionsunterrichts nicht Furche für Furche beackert, sondern nur durchstreift.. Darum konnte ich auch nicht alles, sondern nur manches auflesen, sammeln und der Oeffent- . lichkeit unterbreiten. Hoffentlich ist es in deutlicher Form geschehen. Ich möchte aber nicht schließen, ohne folgendes gesagt zu haben: die Anzahl der Wochenstunden für unseren Religionsunterricht ist gering, die Basis unserer Arbeit ist schmal. Nur mit großer Mühe können wir den Bau unseres Erfolges hochführen, und gar oft stehen wir vor dem Einsturz. Wir sind direkt gezwungen, ein schultechnisches „Taylor-System" einzuführen, mit der Zeit nicht nur hauszuhalten, sondern direkt zu geizen, wenn wir etwas erreichen wollen. Wir sind zu einem Hetztempo gezwungen. Das ist kein natürlicher Zustand. Mit drei Religionsstunden kommen wir nicht aus. Das christliche Kind, das nicht durch das Medium einer immerhin fremden Sprache und Schrift hindurch muß, das inmitten einer großen kulturbildenden Gemeinschaft lebt und nicht wie das jüdische Kind, von der Literatur zum Leben wandern muff, sondern den natürlichen, umgekehrten Weg gehen kann, dieses christliche Kind erhält schon im ersten Schuljahr zwei Neligionsstunden, im zweiten Schuljahr zwei und von da ab wöchentlich vier Neligionsstunden. Wir müssen auch für unseren Religionsunterricht die obligatorische vierte Wochenstunde fordern. Ich erklärte mich bereit, einen Leselchrplan auszuarbeiten, muß jedoch eine Einschränkung machen. Man muß mir zu diesem Zwecke eine geeignete Bibliothek zur Verfügung stellen, denn so groß sind die Lehrergehälter nicht, daß man imstande wäre, die nötigen, wirklich nötigen Bücher anzuschasfen. Trotz aller Finanznot wären unsere Gemeinden hier in der Lage, mit kleineren Mitteln Großes zu wirken. Ueberall müssen Echul- und Eemeindebibliotheken entstehen. Ich betrachte zwar keineswegs jede jüdische Lektüre vom Standpunkt der Hilsesuchung für den Religionsunterricht. Aber die Auswirkung einer solchen Bibliothek ist ohne weiteres für den Religionsunterricht eine ungeheuere Stütze. 2n noch einer Hinsicht müssen wir unsere Arbeitsbasis er-