Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 3 (16.3.1931)
- Date
- 1931-03-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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<Seite 4 5. Wir ersteigen eine weitere Stufe. Wir schreiben dke Münatsimmett. Noch iinmek muß das Kiud wenig „übersetzen", es hat leicht zu merken und.gewöhnt sich an das -Hebräische. Von den Monatsnamen kommen wir auf die Feste. Hier müssen wir schon übersetzen, aber es ist leichte Uebersetzung, es ist Anknüpfung an bekannte Namen und Begriffe. Jeder mag' ermessen, wie viel an Neligionslehre bei solchen Gelegenheiten einfließt. Wie überhaupt nach meiner Meinung, die einzelnen Lehrfächer des Religionsunterrichts sehr oft ineinanderflietzen. Selbstverständlich, darf aus dem Ineinander kein Durcheinander, kein Tohuwabohu werden. 6. Und nun, nachdem wir bereits gut schreiben und lesen tonnen, schlagen wir die Fibel auf. lesen und machen uns mit deni Inhalt vertraut, auch sprachlich. Von nun ab wird in der Stunde. im Unterricht selbst wenig geschrieben und zur Stütze unserer ganzen unterrichtlichen Tätigkeit tritt in den Vordergrund: 7. Die schriftliche Hausaufgabe. Ich möchte ganz deutlich sein: schon aus der allerersten Stunde nehmen die Schüler eine schriftliche Aufgabe mit nach Hause. Das geschieht manchmal höchst einfach so: der Lehrer trägt die gelernten Buchstaben oder Wörtchen (man kann nämlich in der ersten Stunde schon kleine Wörtchen, wie ja, da. du, lernen) in das Schülerheft ein, rechts auf der 'Seite den Buchstaben hebräisch, links deutsch, den Zwischenraum füllt der Schüler zu Hause aus. Das Schreiben, an und für sich eine mechanische Tätigkeit, hat zu diesem Zeitpunkt noch Reiz für den Schüler, das -nützen wir aus. der architektonische Charakter der hebräischen Druckschrift hilft uns dabei, und nach einigen Wochen ist die unvermeidliche mechanische Arbeit des > Schreibens überwunden, weil beherrscht. 6. Dann machen wir uns einmal eine vergnügte Stunde und schreiben — nennen wirs einmal Scherzschrift. Hierzu benützt man am besten auch deutsche Namen, vielleicht die Namen der anwesenden Schüler. Wie macht man das? Man schreibt Schomajim und zieht den rechten Arm des Schin zu einem Himmelsbogen aus. man schreibt Gaul und macht mit eingeknickten müden Buchstaben einen müden Gaul, man schreibt das Wort Gag: Dach mit zwei langgezogenen Gimmelbuchstaben in Dachform aneinandergelehnt. Also: der Phantasie sind ziemlich weite Grenzen gezogen. Der Unterricht erfährt eine Belebung, das Können erfährt eine Vertiefung, spielerisch, aber durchaus produktiv lernen die Kinder mit der Schrift umgehen und werden mit ihr gut Freund. Nach diesem Ausflug ins Gebiet der Scherzschrift kehren wir zur Frage der schriftlichen Hausaufgabe zurück. Ich betone schriftliche Hausaufgabe. Sie ist für den Rcligi rsunterricht doppelt wichtig. Denn, machen wir uns nichts vor, der Religionsunterricht ist immer noch das Stiefkind der Schule. Mehr noch, er ist das Stiefkind der jüdischen Eltern. (Die Gründe hierfür sind allzu bekannt.) Zu Hause kommt immer erst die Vorbereitungsnrbeit für den profanen Unterricht, zuletzt die Arbeit für die Religionsfchule. Verlasst man sich auf die mündliche Vorbereitung, sagt man den Schülern, dieses oder jenes Gebet soll zu Hause präpariert werden, so — ist man. verlassen.. Vor allen Dingen, die schriftliche Vorbereitung ist kontrollierbar, die mündliche nicht. Das müsste kein Schüler sein, der diese Situation nicht ausniitzte. Deshalb ist bei uns die Hausaufgabe so wichtig, sie ist das „Salz des Bundes", sie führt den Schüler dauernd und bindet ihn an den Arbeitskreis des Religionsunterrichtes. Was wird nun als Hausaufgabe geschrieben? Zuerst die Buchstaben, dann deutsche Namen, dann einzelne Fibelseiten, einzelne Lobsprüche, deren Texte wir uns so einprägen, wir schreiben Vokabeln, und zwar derart, daß für jedes Wort eine Zeile reserviert wird, in welche das Wort einmal deutsch und —jenachdem — vier- bis fünfmal hebräisch hineingeschrieben wird. Die Haus- Nummer 3 aufgabe lautet dann: acht Wörter reihenweise schreiben. Woher haben wir diese Wörter? Entweder sie haben sich im Unterricht ergeben, oder sie werden ohne besondere Vorderetkung vom Lehrer an die Tafel geschrieben, abgeschrieben, als Vorlage selbstredend und zu Hause wird die Aufgabe daraus gemacht. Oder die Schüler besitzen das Wörterverzeichnis des „Schare Zedek" von Abraham und Levy und schreiben, sei es nach Angabe oder nach eigener Wahl da heraus. Manchmal reihenweise, manchmal jedes Wort einmal hebräisch einmal deutsch, manchmal ca. 30 Wärter nur -hebräisch und jedes Wort nur einmal. ,Dann heißt eben die Aufgabe: Fünf Zeilen laufend schreiben, wie wir es nennen. Je größer nämlich die Vertrautheit mit dem Hebräischen und die Schreibgewandtheit werden, desto leichter prägen sich Vokabeln ein. Wollte man immer nur reihenweise schreiben, würden die Schüler mit zu wenig Wörtern bekannt werden. 9. Sobald das Schreiben schnell geht, kann mancherlei gemacht werden. Ich habe, mich nun daran gemacht, ebenso wie vorher den Lesestoff, auch den Schreibstoff zusammenzustellen, und zwar gebrauchsfertig für die Hand des Lehrers. Zn Büchlein, die ich hierfür anfertige, gebe ich eine Sammlung all der Wörter, die ein Schüler sich nach und nach aneignen muß. Ich habe ganz einfach ein hebräisches Wörterbuch vollständig — nicht abgefchrieben — sondern exzerpiert. So habe ich ein Schulwörterbuch gewonnen. Dieses Schulwörterbuch ist „maximal" angelegt. Denn es soll in die Hand des Lehrers gegeben werden. Dem Lehrer soll nichts darin fehlen. Wenn er nicht jedes Wort braucht, fo ist dies ja kein Schaden. Hingegen wäre es peinlich, sollte das Buch zu wenige Wörter enthalten. 10. Nun haben wir doch wenig Zeit, wir müssen die Zeit „strecken". Das machen wir auf folgende Weife. Das Schul-, Wörterbuch schreibe ich nochmals auf Zettel und die Zettel wandern hinaus unter die Schülerschaft, werden von diesen als Vorlagen für die Hausaufgaben benutzt und kommen wieder an mich zurück. So sparen wir Zeit. Solange das Buch noch nicht gedruckt ist. müsien wir diesen Weg einschlagen. 11. Beim Abschreiöen von Wörtern und kleinen Brochosformeln bleiben wir nicht stehen, wir schreiben zuweilen auch geschloffene Stücke ab z. B.: Abschnitte des Tischgebetes, das Sch'ma, Oschamnu bogadnu, Keduscho, Kiddusch. Kaddisch. Birchas Kohanim, Psalmen wie Schir hamalos und Al naharos bowel. Darüber kann man nur ein Schema aufstellen, nicht aber starre Vorschriften geben. 12. Immer aber beginnen unsere Stunden mit der Behandlung der Hefte, die, wenn der Lehrer eintritt, schon aufgeschichtet auf dem Pult liegen. Sind Vokabeln geschrieben worden, so wird kurz abgesragt, oder es werden nur Stichproben gemacht, manchmal hat man es eingerichtet, daß alle Schüler gleiche Wörter haben,«manchmal fo, daß jeder Schüler verschiedene Wörter hat, fo daß in einer Stunde möglichst viele Wörter berührt und auch grammatisch, nach ihrem Wortsinn, oder nach ihrer religiösen oder nach ihrer kultijcyen Bedeutung behandelt werden. Die ganze Prozedur nimmt 5—10 Minuten in Anspruch. Auf diese Weise unterliegt der Schüler einer strengen und dauernden Kontrolle. Die disziplinären Wirkungen dieser Methode sind ganz ungeheuer. Ohne daß die kindliche Natürlichkeit verdrängt oder beeinträchtigt wird, gewöhnt sich der Schüler an systematische Arbeit. Und jedes Fach des Religionsunterrichtes erfährt seine Stützung durch das Schreiben. 13. Denn Vokabeln und Gebetsstückchen zu schreiben, ist uns nicht genug. Wir schreiben Namen und Begriffe aus dem ganzen jüdischen Leben. Die Namen der 24 Bücher der heiligen Schrift, die Namen der Fest- und Fasttage, der Monate, die Zahlen, all das eignen wir uns auf dem Wege über das Schreiben an, meist als Hausaufgabe. Die Namen der jüdischen Geschichte, von Adam bis Mofes Mendelssohn und weiter, wir erschreiben sie uns, denn erlernen können wir sie -heutzutage kaum. Die Namen der Jüdische Schulzeitung.