Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 3 (16.3.1931)
- Date
- 1931-03-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2825247-2825248-2825251--0484-2826090- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Bewegung weite, ja weiteste Kreise des deutschen Volkes stehen. Bei der Rücksichtslosigkeit, bei der Brutalität, bei der Rohheit, mit der die Antisemiten austrcten, ist es heute nicht nur möglich, sondern ist Tatsache geworden, das; man vielfach nicht mehr an Juden verkauft und von Juden kauft, daß man Juden — oder „jüdisch aussehende" Personen — tätlich angreift, daß man allen Ernstes ihre staatsbürgerlichen Rechte beseitigen will. — Niemand unter uns wird so leichtfertig sein, um weit, mit einer wegwerfenden Handbcwcgung, diese Forderung der programmatischen Judenfeinde für abgetan oder undurchführbar zu halten, nachdem ein sehr erheblicher Teil der deutschen Wählermnsscn diesen erklärten Judenfeinden seine Stimme bei der letzten Reichstagswahl gegeben hat. — Es ist ferner Tatsache geworden, daß unsere Söhne und Töchter nur sehr schwer in den großen Fabriken, in den kaufmännischen Betrieben, auf den Büros, Banken und Zeitungen Eingang finden. Den Gründen für diesen Umschwung und diesen Wandel der Gesinnung im deutschen Volke nachzugehen, erfordert eine besondere Untersuchung, die aber heute nicht angestellt werden kann, da sie in den Nahmen meiner Darstellung der „Apologetik im Untericht" nicht paßt. Aber das Ergebnis einer solchen Untersuchung ist uns allen klar: wir stehen mitten driu in einer gefahrvollen Brandung, die unsere eigene Kraft gewiß nicht abdämmen kann. Doch haben wir in dem augenblicklichen Ringen glücklicherweise auch Helfer der manigfachsten Art, auf deren Beistand wir angewiesen sind, deren wir nicht entraten können. Aber darüber herrscht.doch wohl bei uns allen völlige Klarheit, daß es unsere schicksalhafte Bestimmung ist, zu kämpfen. Wohlan, laßt uns kämpfen und im Kampfe nicht erlahmen, sondern in ungebrochenem und unerschütterlichem Optimismus daraus bauen, daß es ein gutes Ende für uns nehmen wird. Wenn ich so mit einigen Strichen die wahre Lage des Judentums in Deutschland weder schön gefärbt noch schwarz gemalt, vielmehr ungeschminkt gezeichnet habe, so ist damit schnell der Zusammenhang mit der Schule aufgezeigt, ist leicht die Begründung dafür gegeben, daß auch in der Schule der bisher nicht immer und vor allem nicht immer mit der notwendig scharfen Herausstellung beachtete Zweig des Religionsunterrichts, nämlich die Apologetik, mehr und mehr in den Vordergrund gerückt werden muß, daß sie st a r k betont im Unterricht auftreten muß. Das geschieht einmal, damit die Heranwachsenden Knaben und Mädchen für das spätere Leben im Staatsgesüge und im Beruf gegen Angriffe gewappnet sind; dann aber auch, damit schon die kleinen, kaum zehnjährigen Kinder den Anrempelungen, denen sie heutzutage häufig durch ihre Altersgenossen ausgesetzt sind, irgendwie gewachsen sind. Während man uns in unserer Jugend beim Streit allenfalls „Jud" oder auch eine derbere Verlängerung dieses letzbetonten Wortes nachrief, gibt man sich heute nicht mehr mit solchen Kleinigkeiten ab. Da wird in unseren Tagen auch von Kleinen schon politisiert, werden die Staatsform und die Flaggenfrage besprochen, wird vom Heimatrecht der Juden gehandelt, werden Rasseprobleme erörtert und sonstige politische und wirtschaftliche Fragen dislutiert. Da müssen eben notgedrungen unsere Jungen und Mädchen mit diesen im Brennpunkt der Erörterung stehenden Wissensgebieten vertraut sein, uni nicht ganz in diesem Meinungsstreit zu unterliegen. Diesen wichtigen beiden Gründen für die Pflege der Apologetik im Unterricht — also Aneignung von Wissen zum Zwecke der Abwehr in verschiedenen Lebenslagen— gesellt sich der meiner Meinung nach noch wichtigere Grund bei, der seine Wirkung auf die Seele der Kinder abzielt. Bei den fortgesetzten, zermürbenden Angriffen, denen wir alle und vor allem unsere Kinder ausgesetzt sind, muß ein dauerndes, intensives Seelen st a rkungs mittel dem Organismus zugeführt werden, wenn der psychische Zusammenbruch verhindert werden soll. Und diese Heilkraft der Seelen unserer Jugend erblicke ich eben in der Apologetik, da sie imstande ist. Nummer 3 Minderwertigkeitskomplexe zu verdrängen und an deren Stelle die Kenntnis der Eigenwerte zu setzen. Unter diesen Umständen geht es einfach nicht an, ja. es wäre eine schwere Unterlassung von Schule und Elternhaus, wenn sie die Kinder gleichsam in einem Wölkenkuckucksheim aufwachsen ließen, wenn sie alle diese — gewiß häßlichen — Dinge von ihnen wie von einem Blümchen Rllhr-mich-nicht-an fernhalten wollten, anstatt sie zu den harten Notwendigkeiten des Lebens in unseren Wirren und gefahrdrohenden Zeiten zu erziehen. Nach dieser Begründung für die betonte und absichtliche Apologetik im Unterricht gehe ich dazu über, eine Darstellung dessen zu geben, was ich zu unserem Thema und — in einigen Andeutungen — w i e ich es im Unterricht durchzunehmen für notwendig halte. Ich werde nur in Kürze die Eedankenrichtung angeben. Die Ausführung im einzelnen muß dem eigenen Ermessen jedes Lehrers überlassen bleiben. Schon früh wird dem jüdischen Jungen das beleidigende Wort „Judenangst" entgegengeschleudert. Wir müssen darum bei 9—10 jährigen Knaben die Gedanken verscheuchen, als ob unsere Vorfahren „Angst" gehabt hätten! Wie leicht läßt sich das alljährlich bei der Chanukkah - Geschichte aufzeigen. Die Heldentaten eines Juden mit seinen tapferen Scharen sind dazu angetan, Begeisterung in dem für Heldentaten besonders empfänglichen Gemüt zu wecken und den schimpflichen Gedanken abzuweisen, als hätten unsere Vorfahren „Angst" gehabt, als feien sie nicht eines Patriotismus fähig, der für i h n sein Leben in die Schanze schlägt. Das gleiche gilt für die Behandlung und Darstellung der Kämpfe gegen die Römer in dem Aufstand 61—66, während der Belagerung Jerusalems im Jahre 70, unter Var Kochba 132 bis 135, die wir bei der alljährlichen Wiederkehr des Tischoh-beaw besprechen. Sie alle sind als mutvolle, Begeisterung weckend?, Taten lebendig zu machen, so daß der Knabe das seelische Gleichgewicht gewinnt und nicht verzagt und entmutigt den Vorwurf der „Angst" ertragen muß. Auch die kühnen Taten der Richter: des'Josua, des Barak, des Gideon, die gewaltige Körperkraft des Simson, die tapferen, wagemutigen Ereignisse im Leben Davids sind so wirkungsvoll auf der Mittelstufe derVolksschule und derUnterstufe derMittelschule darzustellen, daß. diese Altersstufe durch das Schimpfen übelwollender Altersgenossen nicht, erschüttert' werden kann in dem Glauben an eine ruhmreiche Vergangenheit. Gewiß werden wir bei der Darstellung nicht versäumen, auf das gläubige Gottvertrauen, das unsere Väter beseelte, hinzuweisen und den Beistand Gottes, der dem Tun unserer Helden Erfolg verlieh, als wichtigsten Faktor bei aller menschlichen Tätigkeit anzuer^ kennen. Jedoch schließt das nicht aus, daß wir die rein menschlichen Eigenschaften von Kraft, Mut, Tapferkeit in kindlich verständiger Art aufzeigen. Nun wird man mir vielleicht das schöne Wort entgegenhalten: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist spricht der Herr", und wird mir gar kriegerische Tendenzen unterstellen, wenn ich bei meine,c soeben dargelegten Ausführungen stark auf dieses Kriegerische, Heldische, auf das Kraftmeiertum, wie man verächtlich zu sage.', liebt, hingewiescn habe. Was mich hierbei leitet, ist nicht eine Gegnerschaft gegen das jesajanische Friedensideal, sondern entspricht vielmehr der — bei uns viel zu wenig beachteten — psychologischen Tatsache, die auch nicht der Wunsch der Erwachsenen aus der Welt schaffen kann, daß die Knaben (häufig aber auch die Mädchen) bis zur Beendigung ihrer Pubertätszeit mit Vorliebe Heldengeschichten lesen, sich an ihnen begeistern und ihren Helden nachzuftreben suchen. Wir erinnern uns gewiß alle noch der Zeiten, in welchen wir mit Leidenschaft die griechischen und altgermanischen Heldensagen verschlungen haben. Die starke Betonung dieser heldischen Geschichte der biblischen Jüdische Schulzeitung.