Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 2 (16.2.1931)
- Date
- 1931-02-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung. nung, dah diese Dreistützenformel, vom Sprechen, Schreiben, Lesen, ein wenig in Vergessenheit geraten ist. zu wenig beachtet wird, und dah dadurch unser Religionsunterricht unnatürlich ötHüöffetm ist. Die Folger mangelnder Erfolg. Dos ist eine sehr allgemeine Diagnose und es wäre sehr wenig damit gedient, wollte man als Therapie, als Abhilfe sich auf die allgemeine Rede beschränken und sagen: drei Grundpfeiler fundieren jegliche Kulturarbeit, Sprechen. Lesen und Schreiben, alle drei gehören zusammen, keiner darf fehlen. Selbst auf die Gefahr hin, fachlich-allzufachlich zu werden, müssen wir ins einzelne gehen und 'ganz konkret davon sprechen, was zu tun ist. Ueber das Hebräisch-Lesen braucht nicht viel gesagt zu worden. Wir stecken nicht mehr im Chederzeitalter. wir lesen nicht mehr, wie es in jenem bekannten jiddischen Volkslied hciht: Komoz-olef-o, wir haben nicht mehr die Buchstabiermethode» sondern die Lautiermethode. Bezüglich des Lesenlernens konnten wir einfach die neuesten Methoden der allgemeinen Schule auf unseren Religionsunterricht übertragen. Und da das jüdische Kind den: Religionsunterricht in der Regel erst im zweiten Schuljahre zugeführt wird, wo cs schon deutsch lesen kann und den Lernweg der Methode des Deutschlesens noch innehat, können wir kaum anders, als nach den Methoden das Lesen lehren, nach welchen das Kind bereits unterrichtet wurde. Und hier mühte ich eigentlich schon anfangen, vom Schreiben zu sprechen, denn das Lesen wird in enger Verbindung mit dem Schreiben erlernt, bzw. sollte in enger Verbindung mit dem Schreiben erlernt werden. Darüber aber später, beim Kapitel „Schreiben". Bei unserem Religionsunterricht müssen wir durch das Medium des Hebräischen hindurch und wir müssen hebräisch lesen lernen. Wir lesen aber auch deutsch. «Selbstverständlich wird man sagen. Vielleicht nicht so ohne weiteres. Was sollen wir denn deutsch lesen? Kurz und konkret gesagt: Wir sind dabei, in unserem Unterricht ein neues Fach zu gestalten, das sehr umfassend ist, und dem wir viel Zeit widmen,- wir nennen es Quellenlesen. In sieben bis zehn Jahren Schulzeit lesen wir — und zwar, in deutscher Sprache — die ganzen 24 Bücher der heiligen Schrift, die wichtigsten Bücher der Apokryphen, die wichtigsten Gebetterte aus dem Machsor (und ich meine damit das Wort in seiner ursprünglichsten Eebrauchsbedeutung, also wirklich die Gebete für das ganze Jahr: Werktage, Sabbathe, Festtage, Fasttage. Kinoth, S'lichoth, Piutim), wir lesen Kapitel aus dem Schulchan Aruch, aus der Mischna, dem Talmud, aus dem Midrasch, aus dem Sagenschatz des jüdischen Volkes (Bin Gorion), wir lesen die Quellenbücher von Härter, über deren Qualität kein Wort gesprochen zu werden braucht. Das sind die Grundlinienunseres Leselehrplans, der natürlich nicht bis in alle Einzelheiten ausgearbeitet vorliegt. Ich bin jedoch bereit, einen solchen Leselehrplan auszuarbeiten. Aber ich fürchte, er wird' nur für mich verwendbar sein. Denn überall herrschen andere Verhältnisse und überall liegen somit andere Bedürfnisse vor» Ich hoffe aber, dah die Idee des Leselehrplans klar geworden ist und dah klar geworden ist. warunr wir lesen müssen, warum wir^nlcht^ zuweilen, sondern systematisch lesen müssen. Zwar: Ein Schulrat sagte einmal zu einem Kreise junger Kollegen: „Wenn ich in eine Klasse komme und man führt mir eine Lektion vor. beispielsweise in der Geschichte und der Lehrer sagt nach einigem Durchfragen: „So, jetzt wollen wir die Geschichte einmal lesen", so weih ich, dah der Lehrer mit seinem Latein 311 Ende ist, und dah es für mich Zeit ist, einzugreifen". Kassen wir uns weder einfchüchtern, noch zu schematischem Denken verführen. Für uns ist das Quellenlesen kein Weg der faulen Bequemlichkeit. Unsere Situation ist so: zur Bewältigung eines riesigen Stoff- Nummer 2 - j gebietes stehen uns ein paar abgekargte Stunden zur Der- . ) fügung. Marimale Arbeitslast — minimale Arbeitszeit, das ist unsere Arbeitsbedingung und Arbeitslage. Wollten wir kn das riekige Gebiet des Roligkonsunlerrichtes unter strikter Einhaltung des Frageprinzips eindringen. so mühten wir anstatt der drei Wochenstunden, die uns zur Verfügung stehen, — das ist nämlich der Normalfall hierzulande — 30 Stunden haben. Deshalb müssen wir „lesen". Nicht schematisch. nicht herunterlesen. Ueberall da. wo etwas zu erklären ist. wird Halt gemacht und es werden, je nach Bedarf, kürzere oder längere Erllärungen abgegeben. Auf diese Weise durchqueren wir weite Strecken, der Schüler sieht vieles, betrachtet das Wichtigste genauer. Bei dieser Gelegenheit entlasten wir auch den Geschichtsunterricht. Man könnte auch sagen: wir stützen ihn. Noch genauer gesagt: Geschichtsunterricht und Quellenlesen wird sehr oft ein und dasselbe sein. I Es ist natürlich sehr leicht, die Forderung aufzustellen. | all diese genannten Stoffe mühten gelesen werden, und zwar i hebräisch. Der Schüler mühte in den Sand gesetzt werden, j Gebetbuch. Tenach, Piutim und sonstige mittelalterliche Dich-! tung im hebräischen Original mit vollem Verständnis lesen Q' j zu können, und die Kollegen ^wissen, dah in unserer „Schul- ‘ j zeitung" auch diese Forderung schon erhoben worden ist. j Selbstverständlich bleiben diese Forderungen auf dem Papier - stehen. Ganz abgesehen von der geringen Stundenzahl, die! wir zur Verfügung haben, ganz abgesehen davon, dah in 1 unseren Gemeinden wie Familien meist kein starker jüdi^ j scher Pulsschlag, kein dominierendes jüdisches Milieu vorhanden j ist, setzen solche Forderungen eines voraus: dah der Lehrer [ nicht nur ein perfekter Hebraist, sondern mehr noch ein hochj klassiger Judaist ist. dem nichts „Jüdisches fremd ist", um! ein bekanntes Wort zu variieren. [ Und mit befer Frage sind wir zum Punkt „Sprechen"? gekommen und wir haben bereits denjenigen eine Antwort r erteilt, die sich für einen „Sprechunterricht", so möchte ich es j einmal nennen, einsetzen. und die verlangen, der Schüler müsse i durch Hebräisch zur hebräischen Sprache erzogen werden. j Darauf gibt es nur eine Antwort: man kann nur das f lehren, was man selbst kann, und zwar sehr gut kann. f Ich halte diese Ausführungen als eine Art Fortj setzung meines Artikels in der Nr. 4 der Jüdischen Schul- /-'nJ zeitung vom 15. April 1930. Der Artikel lautete: „Einige v-^'| Gedanken zur Methodik des Religionsunterrichts." Einige Wochen nach Erscheinen des Artikels besuchte mich ein Kol-! lege, der als tüchtiger Lehrer bekannt ist. und sagte zu mir: *. j „Da hast du aber einen schönen Quatsch zusammengeschrieben". 1 Ich bekomme einen roten Kopf und frage zurück, wie er das j meint, der Artikel handelt ja von verschiedenen Fragen, ob f alles Quatsch sei, oder nur ein Teil. evtl, welcher Teil..'.";? Darauf der Kollege: „Das betr. des Schreibens ist Unsinn. ] meine Kinder schreiben nicht und können bestimmt nicht f weniger als deine Schüler." „Na, was machst du denn mit ihnen, frage ich zurück. Antwort: „Ich spreche mit ihnen hebräisch." Die Sache ist nämlich die: der Kollege ist ein eifriger und vor allem perfekter Hebraist und hat seinen Sprachkenntnissen sogar durch einen mehrmonatigen Aufenthalt in Erez Israel letzten Schliff gegeben. Er kann hebräisch sprechen. Ich aber kann leider — bis jetzt — nur hebräisch radebrechen und kaum das, unb das Eros der Kollegen ist in der gleichen Lage. Und solange nicht die jüdischen Lehrer hebraisiert sind — ob und wie das 311 geschehen hat, sind zwei völlig andere Fragen — kann der Religionsunterricht nicht hebraisiert werden. Perfekte Hebraisten mögen auf dem sprachlichen Wege gute Erfolge erzielen. Dem Gros der Lehrerschaft ist dieser Weg noch verschlossen. j-' ■i':