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Jüdische Schulzeitung · 1931-02-16 · 2 (16.2.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
2 (16.2.1931)
Date
1931-02-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Dlumnicz 2 Und er gerät in dichterische Begeisterung und bringt den wunderschönen Salz hervor: „Sie atmen beglückt die geordnete Lust “ Kann mir einer sagen, was geordnete und was ungeordnete Lust ist? Ein Kantor schreibt: „2m übrigen ist der hebräische Text kompositorisch frei von dem Ballast der sonst durch das Versmaß angelegten Zwangsjacke." Es ist schon ein starkes Stück, daß .ein Tondichter das Versmaß als eine Zwangsjacke empfinden soll; nun macht der Schreiber sogar noch aus der Zwangsjacke einen Ballast. Ich mill nun die „Schön"-Schreiber in den Hintergrund treten lassen. Stoff haben sie mir noch eine ganze Menge geliefert. Aber es fei genug. Die Beispiele, die ich jetzt anführen werde, beweisen, daß manche Schreiber nachlässig arbeiten, daß sie sich nicht die Zeit nehmen, auch über die Form ihrer Arbeit gründlich nachzudenken. Wir sprachen schon von der Hast, in der die Tagesschriftsteller arbeiten müssen. Unsere jüdischen Zeitschriften erscheinen in Zwischenräumen von mindestens einer Woche, so daß im allgemeinen hinter denen, die für sie schreiben, die Peitsche nicht ist. In einem Aufsatz über Hofmannsthal sagt ein Schrifsteller: 2 „Zielloses Suchen und Nie-Finden-Können, unbewußte Diskontinuität mit geistigen Sphären, denen er entstammte, war die Hauptursache seiner lastenden Schwermut: „Wer versteht dem Satz nach einmaligem Anhören? Und dann: Unbewußte Diskontinuität mit geistigen Sphären, denen er entstammte! Das soll heißen: „Er entstammte dem Judentum und hatte den geistigen Zusammenhang mit ihm verloren, war sich dessen aber nicht bewußt". Ich will annehmen, daß das richtig ist, und daß des Dichters Schwermut auch daher stammte. Aber warum wird das nicht leicht verständlich gesagt, und warum das häßliche Wort „Diskontinuität"? ' Ein Lehrer sagt in einer Buchbesprechung: „Dichter der letzten Jahrzehnte erhalten das Wort, stehen in allen Brennpunkten des wirklichen Lebens, spüren mit uns jeden Schnittpunkt der alten Ideale mit der neuen desillusionierenden Nüchternheit des Seins, bauen also unsere Welt auf." Der gute Mann hat ein merkwürdiges Also. Und dann: Brennpunkte, Schnittpunkte, desillusionieren. Was wirbelt da alles durcheinander! Ob er vielleicht auch zu den Schön-Schreibern gehört? Ein-anderer Lehrer schreibt „aufoktroyiert". Es gibt auch Leute, die abphotogräphieren sagen. In demselben Aufsatz spricht er von „Fürsorgezöglingen mit ihren psychischen Abnormisierungen." „Abnormisierung" setzt ein Abnormisteren voraus, nämlich ein Veranlassen, daß jemand abnorm wird. Gemeint ist Abnormität. Aber warum spricht er nicht deutsch? Psychische Abnormität: seelische Mißbildung. In dem Aufsatz steht auch „resistent und ungefügig". Hätte „ungefügig" nicht genügt? Bei aufmerksamem Arbeiten wären die Fehler vermieden worden. Ein -anderer Lehrer spricht von einer „Intensivierung" des jüdischen Lebens. Wenn der Schreiber nur eine ganz kurze Weile nachgedacht -hätte, so hätte er das häßliche Wort Intensivierung vermeiden können: Stärkung, Kräftigung, Verinnerlichung. Wie nachlässigmanmal gearbeitet wird, mögen ihnen noch zwei Beispiele zeigen. Ein Rabbiner schreibt von „Tatsachen und Fakten". Was ist ein Faktum? Eine Tatsache. In dem Bericht über einen Vortrag, der in einer Lehrerversammlung gehalten wurde, steht folgender Satz: „Alle Gesichtspunkte, die gegen den Fortschritt in der Bildungsfrage ins Feld geführt werden, sind nicht stichhaltig." Gesichtspunkte werden ins Feld geführt und sind nicht stichhaltig!! Sie werden mir vielleicht sagen: Das war wohl eine unerfreuliche und mühselige Arbeit, die Beispiele zu suchen. Unerfreulich? Ja. Mühselig? Nein. Ich -habe Ihnen nur einen Seite 3 ganz kleinen Teil meiner Sammlungen dargeboten. Und im Grunde genommen habe ich gar nicht gesucht. Auch diese Beispiele haben sich mir aufgedrängt, und ich mußte bald Schluß machen, sonst wäre es des Guten, nein, des Bösen zu viel geworden. Und doch, ich muß Ihnen noch zwei schlechte Beispiele geben. Ein Lehrer sagte einmal in der Aussprache über einen Vortrag: „Wir haben keinen anderen Gesichtspunkt in die Wagschale zu werden." Ein anderer: .„Es hat sich noch keine Richtschnur herauskristallisiert." Verzeihung für solche Sünden. Was der Augenblick eingibt, das kann nicht immer die rechte Form haben. Und auch bei den schriftlichen Verfehlungen wollen wir denken: „Wir sind Sünder allzumal." Und weil dem so ist, weil wir so leicht mündlich und schriftlich uns an der Sprache versündigen können, darum ist es gut. wenn wir uns fragen: Wie bewahren wir uns vor Sprachoerfehlungen? Und darüber hinaus: Wie kommen wir zu einer edlen Ausdrucksweise? Wie? Man bilde seinen Stil an guten Vorbildern. Gut wäre es, wenn man eine 'zeitlang keine Zeitung läse. Warum, das brauche ich wohl nach dem, was ich über die Zeitung ausgeführt, nicht zu erörtern. Wem kann man das aber heutzutage zumuten? Darum wollen wir uns bescheiden und sagen: Man beschränke das Zeitungslesen auf ein ganz geringes Maß. Aber man kehre immer wieder zu seinem Lessing und seinem Goethe zurück. Wie klar und -wahr schreiben sie! Man greife zu Hebel! Wie schlicht und anschaulich ist seine Darstellung! Seinen Humor kann man ihm freilich nicht nachmachen. Vor dem Nachmachenwollen soll man sich überhaupt hüten. Der Hörer oder Leser merkt bald, daß die angenommene Art etwas Fremdes ist. Grimms Märchen lese man hin und wieder und die Meister der plattdeutschen Dichtung, vor allem Reuter und Eroth. Wer Grimm, Reuter und Groth zu Freunden erkoren hat, dessen Ausdrucksweise wird immer mehr frei von allem unehrlichen Beiwerk. Auch das Lesen unserer Hl. Schrift, sowohl im Urtext wie in guten Uebersetzungen. veredelt -den Stil. Noch viele gute Vorbilder gibt es. Ich wollte nur einige vorzügliche herausgreifen. Ein anderes Mittel, den Stil zu veredeln, ist, daß man die Zeitschrift des Deutschen Sprachvereins -liest und sich mit Werken über die Sprache beschäftigt, z. B. mit dem schon erwähnten Buch von Engel „Deutsche Stilkunst". Schon seine Ausdrucksweise ist bildend. Gut ist es auch, wenn man sich bemüht, fehlerhafte oder unschöne Sätze, die man in Zeitungen oder Büchern findet, in gutes Deutsch zu übertragen. Vor allem aber nie vergessen: Wir sollen immer und überall Werdende sein. Das wird auch der Sprachpflege in den Kreisen, in denen wir unsere Lebensarbeit leisten, zum Segen gereichen. Methodisches Neuland. Bon 3fsi Bayer» Bingen. Auf der Suche nach einem knappen und zufammenfafsenden Titel für eine Reihe von Anregungen. Wünschen und Beobachtungen betreffend die Ausgestaltung des Religionsunterrichtes für jüdische Kinder, kam ich zu der Formel „Methodisches Neuland". Es liegt mir vollständig fern, zu behaupteil, ich hätte neue methodische Länder entdeckt. Vieles oder gar alles, was ich hier vorbringe, ist sicherlich schon alt und längst einmal dagewesen. Es ist nur zeitweilig verschollen gewesen und muß nun wieder hervorgeholt und in Gebrauch genommen werden. Drei Grundpfeiler kennt jede Kultur bzw. Kulturarbeit: das Sprechen, das Schreiben, das Lesen. (Ich bitte. Kultur hier im weitesten Sinne zu nehmen, so daß Religion und Religionsunterricht, der ja auch „jüdischer" Unterricht ist. mühelos einbezogen werden können.) Ich bin nun der Me> Jüdifche Schulzeitung.

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