Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 2 (16.2.1931)
- Date
- 1931-02-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Jüdische Schulzeitung. Seite 2 Ja, dein ist so, und nicht nur sprachlich wenig Geübte kommen in die andächtige Stimmung. Das kommt aber daher, Latz fromme Gewohnheit diesen Leuten die Weihestätte lieb und wert inacht, das; iljmnt die Stunden, die sie im Gütteohnuse uerüringen, an sich erhebend sind. Von der stimmungerzeugenden Macht der Töne sprachen wir schon. Auch das Bewußtsein, ein frommes Werk mit dem Beten zu verrichten, fördert die Andacht. Kennen wir nicht das Ceschichtchen von jener Frau, die am Versöhnungstage alles betete, von acion olam bis zum Schluß, und dann noch dreimal inbrünstig Rödelheim rief? Der Name des Druckortes stand da in hebräischen Buchstaben. Solche Menschen bringen die Andacht mit, sie wird in ihnen aber nicht erst durch die Worte der Gebete und Gesänge erzeugt. Ein besonders wichtiger Bestandteil des Gottesdienstes ist die Predigt. Für einen, der als einziger in seiner Gemeinde das Predigeramt ausübt, ist es nicht leicht, sich mit der Frage zu befassen, wie im allgemeinen bei uns gepredigt wird. Ein Arzt wurde einmal von einem Rabbiner gefragt, warum er so selten den Gottesdienst besuche. Darauf antwortete der Arzt: „Ja, Herr Doktor, wenn Sie Sprechstunde haben, habe ich auch Sprechstunde." Ich höre nur selten einen anderen predigen, da ich, wenn die anderen auf der Kanzel stehen, eben selbst Sprechstunde habe. Aber heutzutage werden Predigten in unseren Zeitungen veröffentlicht. Regelmäßig erscheinen in manchen Blättern religiöse Betrachtungen, die Aehnlichkeit mit Predigten haben und auch zumeist von Predigern herrühren. Und in Zeitungsaufsätzen und Vereinsoorträgen von Rabbinern und Lehrer- Predigern verleugnen die Verfasser auch nicht ihre Art. So kann sich jemand, der selten Predigten hört, aber jüdische Zeitungen liest, doch ein Urteil darüber bilden, wie im allgemeinen in den Synagogen gepredigt wird. Da sind wir denn auch schon bei der Presse angelangt, und so will ich mit der Erörterung über die Predigten die über die Presse verbinden. Heine hat ein bitterböses Wort über Predigten gesprochen. Er sagt in seinem Buch Le Grand: „Sie haben gar keine Idee von der Hölle, Madame. Wir erlangen dorther wenig offizielle Nachrichten. Daß die armen Seelen da drunten den ganzen Tag all die schlechten Predigten lesen müssen, die hier oben gedruckt werden — das ist Verleumdung. So schlimm ist es nicht in der Hölle, so raffinierte Qualen wird Satan niemals ersinnen." Dieses Urteil ist selbstverständlich stark übertrieben, sowohl, was die Predigten überhaupt, als auch, was die jüdischen Predigten im besonderen betrifft. Wir dürfen wohl sagen, daß bei uns im allgemeinen würdevoll und mit Geist und Gemüt gepredigt wird. Ob nicht manchmal mit einem Ueberschuß an Geist, das wird sich noch zeigen. Das eine habe ich gefunden, daß manche Prediger in dem Bestreben, sich besonders schön auszudrücken, sich an der Sprache versündigen. Ein Rabbiner hielt in seiner Predigt eine Ansprache an einen Barmizwoh. Ich habe ihn selbst gehört. Unter anderem sagte er folgendes: „Gott erleuchtet mit einem Scheinwerfer deinen Lebensweg, mit den Worten der Thora." Wir merken: da soll ein besonders wirksames Bild gebraucht werden, und noch dazu ein Bild aus der Anschauungswelt unserer Tage. Aber es ist ein falsches Bild. Wohl ist die Thora ein Licht, aber einen Scheinwerfer kann man sie nicht nennen. Auf die Lehrer der Religion träfe das Wort vielleicht zu, weil sie das Wort der Thora weithin erstrahlen lasten. Aber erfreulich wäre das Bild auch nicht. Ich habe jene Predigtworte aus dem Gedächtnis angeführt, bin aber sicher, das; ich den Satz inhaltlich richtig wiedergegeben habe. Vielleicht sagen Sie mir, ich müste mich doch irren, so etwas könne nicht Vorkommen. Daß so etwas oorkommt, mögen Ihnen die folgenden Beispiele, die ich schwarz auf weiß habe, dartun. Ein anderer Rabbiner knüpft an die Geschichte von den Kundschaftern an. Er führt die Stelle Ahi seli banegew: „Steigt Nurnmer 2 || hier hinauf ins Südlaitd usw." nicht wörtlich an, sondern er gibt ihren Inhalt wieder. Ich glaube, wirksamer wäre das Gegenteil. Aber man kann gelten lasten, was der Verfaster getan, zumal es sich um einen religiösen Aufsatz, nicht um eine Predigt handelt. Hören Sie, wie „schön" er hat schreiben wollen! „Diese Männer . . . sollten Land und Leute (Stabreim!) erkunden und dann dem Volke Bericht erstatten sowohl über die Beschaffenheit | des Erdbodens, ob er fett und fruchtbar oder dürr und dürftig (wieder Stabreim!), als auch über die Eeartung der Bewohner, ob sie stark oder schwach, gering oder zahlreich." Daß dem Bibelwort hier Schönheitspflästerchen aufgeklebt werden, zeugt nicht von Achtung vor ihm und vor der Sprache überhaupt. Die Stelle „Zieht hinauf usw." ist in ihrer Schlichtheit und Anschaulichkeit so schön, daß sie keiner Verschönerung bedarf. Aber der Verz fasser will nicht nur schön schreiben, er will auch etwas ganz Be-! sonderes bieten. Er schreibt nicht: „(sollten . . . Bericht er- ' k statten . . .) auch über die Bewohner, ob sie stark oder z schwach usw. . . ." Das genügt ihm nicht. Nun könnte er j schreiben „über die Art der Bewohner" oder „die Artung". Das | tut's aber auch noch nicht, und so gebraucht er das absonderliche Wort „Eeartung". , In der Pcßach-Vetrachtung einer Zeitung sagt ein Rabbiner: „Das Schwert des Titus, die brennenden Scheiterhaufen des' , Großinquisitors Torquemada, die losgelassenen Bluthunde zaristischer Regierungen vermochten nicht, die Lebendigkeit des ägyptischen Erlebens einzuschläfern, geschweige denn aus« zuläfchen." Man denke: Ein Schwert, ein Scheiterhaufen, ein Bluthund sollen auslöschen und einschläfern können! Wenn man f mit Worten Bilder zeichnen will, mutz man sie vorher in Gej danken gesehen haben. Derselbe Schreiber verlangt in einem anderen Festaufsatz, man solle „seinen Gesichtswinkel auf eine f höhere Warte stellen." Ein anderer Prediger sagt in einer relij giösen Betrachtung: „Doch schon fein erster Schritt war klagj lich gescheitert." Ein Schritt kann nicht scheitern, d. h. in j Scheite, in Stücke gehen. Aber auch hier wieder: Es muß etwas Besonderes sein. j Wohel: kommen diese „Schönheits"-Sünden? Ich glaube,; daher, daß viele unserer Prediger zeigen wollen, was sie können, |; wie geistvoll, wie fein sie zu reden verstehen. Und daher rührt j; auch eine andere Versündigung an der Sprache, nämlich die, j. daß solche Prediger einem Worte einen Sinn aufzwängen, der? ihnen gerade paßt. Sie lasten das Wort sich dienen, und sie sollten doch bescheidene Diener des Wortes sein. Ein in dieser - Hinsicht besonders lehrreiches Beispiel entnahm ich einem Zeitungsbericht, der mir aber abhanden gekommen ist, so daß 1 ich mich auch hier auf mein Gedächtnis oerlasten mutz. Ein j berühmter Kanzelredner hatte in einer Versammlung über die! Verhältnisse in Palästina gesprochen, und ein anderer Rabbiner 1, berichtete über den Vortrag. Er bezeichnete ihn als feinsinnig. Der Redner hatte u. a. gesagt: „Auf dem Hl. Lande liegt noch j. Schatten. Hoffen wir, daß er der Schatten des Allmächtigen ist." j Das ist nicht feinsinnig, denn der Satz ist durch einen Taschen- V spielerkniff entstanden. Der Vortragende wollte zunächst sagen: „Wir wissen nicht, wie es in Palästina werden wird." Dafür kann man sagen: „Es ruht Dunkel auf dem Hl. Lande". Statt Dunkel sagen wir Schatten, und daraus machen wir im Handumdrehen den Schatten des Allmächtigen, d. h. seinen Schutz. Wird nicht manchmal von unseren Predigern mit zu viel . Geist geredet? Doch nun sei es mit dem Predigen genug. Ich will mich jetzt nur noch mit Stilwidrigkeiten befassen, die ich in Prefleäutzerungen fand. Auch hier spielt manchen Schreibern das Bestreben, sich schön auszudrücken, einen bösen Streich. Ein Religionslehrer will von den Amtsgenosten, „die schon lange vor der Eehaltsregelung im Amt waren", sagen: Sie sind glücklich darüber, daß sie nun in geordneten Anstellungsoerhältniffen leben. Aber das ist doch zu schlicht, das kann doch jeder sagen. TW!W! yifpr,