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Jüdische Schulzeitung · 1931-02-16 · 2 (16.2.1931) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
2 (16.2.1931)
Date
1931-02-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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7. Jahrgang 2; / Monslsschrrft für Pädagogik und Schulpolilik Herausgegeben vorn „Neichsverband der jüdischen Lehrervereine" Die „Iüd. Schulzeiluug" erscheint runden 15. eines ledeiiMonals und wird allen Okilgliedern der dein „Neichsverband der jüdischen Lehrervereine" angeschlossenen Vereine kostenlos zugestellt. — Post - Bezugspreis für Nichtmitgliedcr: Mk. 1.30 pro Quartal. Hamburg» 16. Februar 1931 Druck, Verlag und Geschäftsstelle: M. Lehmann, Hamburg, ABC-Straße 57. Tel.: Sammelnummer C4 Dammtor 0737 Verantwortlich für dön redaktionellen Teil. M. Steinhardt- Magdeburg, für den Inseratenteil: L.K u udse n, Hamburg. Anzeigenpreis 40 0 für die Ogefpaltene Nonpareille-Zeile. JnhaltdieserNummer: Die Pflege der deutschen Sprache in Schule, Synagoge und Presse von L. Meyer, Lünen. (Schlug.) Methodisches Neuland von Jssi Bayer, Bingen. Das Quellenbuch von Dr. Julius Höxter. Bon meiner Palästinareise von Otto G e i s - m n r. Literarisches. Bei der Schriftleitung eingegangene Bücher. Notizen. Die Pflege der deutschen Sprache in Schule» Synagoge und Presse. Vortrag, gehalten von L. Meyer, Lünen. (Schlug.) Wir sind in unserer Betrachtung bis an das Tor der Synagoge gekommen. Gehen wir hindurch! Im Gottesdienst wird die deutsche Sprache in mehrfacher Weise angewandt. Manche Teilnehmer benutzen Bibel- und Geöetübersetzungen, weil sie den Ilrtext nicht oder doch nicht genügend verstehen. Ich habe von den Uebertragungeu schon gesprochen und kann mich'daher kurz fassen. Line deutsche Wiedergabe des Inhalts, die das Sprachgefühl .verletzt, beeinträchtigt die Erhebung, und, was ich schon vorhin sagte, je schöner die Uebertragung, desto inniger ist die Erbauung. Die Frauen benutzen gern deutsche Andachtsbücher. Die Gebete genügen leider nicht immer den Anforderungen, die wir an Geisteserzeugnisse in deutscher Sprache stellen dürfen. So heißt es in einem „Gebet beim Eintritt in das Gotteshaus", das also nicht für besondere Gelegenheiten verfaßt ist: „Niedergebeugt und gedrückt von den Kümmernissen des Lebens, betrete ich diese Schwelle, und siehe, ein höherer Geist zieht in mein Herz ein, es schwindet die Sorge, und die Beklommenheit meiner Seele weicht dem inbrünstigen, tränenreichen Gebete, das meinen Lippen entströmt." „. . . dem tränenreichen Gebet!" Jedesmal, wenn die Frau das Gotteshaus besucht! Man soll nicht sagen, was man nicht meint, sonst mißbraucht man die Sprache, und im Gebet ist ein solcher Mißbrauch besonders böse. In demselben Andachtsbuch heißt es: „Und (ich) sollte dem Geiste seinen Adel nehmen durch geineines Sinnen und Trachten, durch unheiliges, tierisches Streben und Treiben!" Muß das so plump gesagt werden? In einem Gebete für das Laubhüttenfest: „. . . und die Pforten deiner Himmelswohnungen uns auftust, wenn unsere Leibes- und Lebenshütte hienieden über uns zusammensinkt." Das soll schön sein, ist aber nur Schwulst. — Eine Braut soll am Hochzeitstage beten: „. . . damit ich fein Trost in trüben Stunden fei, sein höchstes Glück in guten Tagen, seine Freundin und Gehilfin bei allen Mühen -und Beschwernissen seines Standes, und ihm in allen Lagen -des ereignisreichen Lebens eine von Natur zwar zarte, aber durch treue und innige Ergebenheit gestählte Stütze." Schlecht gefügter Satz, aber im übrigen prachtvolle Courths-Mahler-Schreibart, angewandt, ehe es eine Courths-Mähler gab. Das Buch ist nämlich schon weit über 50 Jahre alt. Aber was sagen Sie zu folgender „schönen" Stelle aus einer stillen Andacht in dem Gebetbuch der Neformgemeinde in Berlin, das vor einigen Jahren herausgegeben ist: „Gib nur die Kraft — du gibst sie nur allein —, aus Sünd' und Schwachheit mich herauszuschälen und lehre mich, an deines Auges Schein des eigenen Auges matten Sinn zu stählen, auf daß die Lust ihm wird, den rechten Pfad zu wählen." In manchen Gemeinden wird der Gottesdienst durch deutsche Lieder verschönt. Aber ich glaube, die Weihestimmung, die sie , Hervorrufen, hat ihren Grund in der Zaubergewalt der Töne. -Mit den Worten ist es durchweg nicht gut bestellt. Wo haben wir ein Lied, so kraftvoll und wuchtig, so voll innigen Gottoertrauens wie Luthers „Ein feste Burg", das aus dem 46. Psalm hervorgegangen ist! Unter den Verfassern von Liedern für die Synagoge ist kein Luther und auch kein Paul Gerhardt. Die fromme Gesinnung will ich den Verfassern nicht absprechen. Aber die allein genügt nicht. Mit ihr muß^sich die dichterische Gestaltungskraft verbinden, und eben die tritt in den Worten der Gesänge nicht zutage. Ich will nur.ein paar Beispiele herausgreifen. 2n dem neuen' liberalen Gebetbuch stehen mehrere oeutjche Chanukkah-Hymnen. Die erste beginnt mit den Worten: „Gott, mein Fels, mein Heil und Nuhm, schön ist's, dir zu singest." Ich brauche wohl nicht nachzuweisen, daß diese tänzelnde Wortfolge nicht vermag, andächtige Stimmung hervorzurufen. Ich verkenne die Schwierigkeit nicht, den Inhalt der hebräischen Worte im Versmaß der ursprünglichen Dichtung deutsch gut wiederzugeben. Im Hebräischen kann man manches mit einem Worte sagen, wozu man im Deutschen mehrerer bedarf. Aber wenn's eben nicht gut werden kann, dann bleibe man doch davon, und ein Dichter hätte auch die Hand davon gelassen. 2n dem Liede kommen folgende zwei Zeilen vor: „Wenn dereinst verklungen alle Lästerzungen." Zungen verklingen nicht, Töne verklingen. Aber der Neim mußte da sein, und da tat man der Sprache Gewalt an. Einen Text für eine alte Weise hat man auch geschaffen in: „O Tag des Herrn." Wird einem nicht unbehaglich bei dem Gerade: „Sie gedenket ihrer Missetat und zittert, sie zagt, sie weint, sie klagt und vergeht in Tränen." Oder: „Und Andacht und innige Andacht waltet." Und hören Sie diese nüchternen Verse eines anderen Liedes: „Danket dem Herrn, alle ihr Scharen!- Er machte uns frei aus Not und Gefahren. Und folgende Strophe (Reformgebetbuch S. 0): Ja, fürwahr, wunderbar war des ew'gen Walten, er entwand uns der Hand feindlicher Gewalten. Ja, nur er, bis hierher hat er uns erhalten.". Wenn Sie mir nun auch zugeben, daß die angeführten Texte wertlos find, so fragen Sie vielleicht doch: Was hat das aber mit der Sprachpflege im Gottesdienst zu tun? Viel. Wir hätten Freude an diesen Sprachschöpfungen, wenn in ihnen ein guter Inhalt sich mit einer wertvollen Form zu einer schönen Einheit verbände. Da dem nicht so ist, so hat man eben auf diesem Gebiete des Gottesdienstes die Sprachpflege verabsäumt.' Sie könnten mir aber auch erwidern: Trotz der Mängel, die wir kennen lernten, haben sich viele Besucher der Synagoge erbaut und erbauen sich noch immer viele Teilnehmer des Gottesdienstes.,

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