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Jüdische Schulzeitung · 1931-01-15 · 1 (15.1.1931) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
1 (15.1.1931)
Date
1931-01-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nummer l Jüdische Schulzeitung. krise, aus den großen Machtkämpfen der Massen verstehen lehren, wobei sie auch den Einfluß der Massenbewegungen auf die Erziehung in der Vergangenheit, vornehmlich in der Epoche der französischen Revolution, als Beweis für ihre These heran» zieht, daß die Macht der jeweils herrschenden Masse im wesentlichen der Erziehung das Gepräge gibt. „Wer die Macht, hat die Schule". Es ist ohne weiteres klar, was diese positive Einstellung zum , Erziehungsproblem negativ besagt: die Idee, der Wille des pädagogischen Individuums wird als minder wichtig beiseite geschoben: „Es -ist immer die Macht von Masten und Gruppen, welche das pädagogische Genie sowohl wie den pädagogischen Machthaber in seinen praktischen Auswirkungen beschränken". (Frage: Und welche Masten- und Gruppenbewegung hat Rousseau, Basedow, Pestalozzi, Friedrich Wilhelm I. und Friedrich den Großen zu ihren praktischen Wirkungen angetrieben?) — Eine dreifache Vorherrschaft ist es nun, welche die Kultur überhaupt und die Erziehung im besonderen bestimmt hat: die der höheren Schichten, des Mannes und des Alters. Bewußt und unbewußt haben diese Herrscher Erziehung und Bildung nach ihren Machtinteressen gestaltet, und so sind es in der Gegenwart die entsprechenden Massenbewegungen, die das Wesen der neuen Bewegung bestimmen: die der Arbeiterschaft, der Frauen und der Jugend. Darum sieht die Verfasterin in der modernen Jugendbewegung weniger eine Phase des ewigen Generationskampfes als einen Aufstand gegen die Vorherrschaft der machtbesitzenden Gruppen. Dieser wollen die drei Mastonbewegungen nun nicht etwa eine andere Vorherrschaft entgegensetzen — wo diese Tendenz bei der Jugend als Ueberschwang zutage tritt, wird sie von der Berfasterin deutlich zurllckgewiesen —, sondern die Gleichberechtigung. — Diese Möglichkeit ist theoretisch wohl gegeben; aber auch praktisch? Wo ist der Unparteiische, der die sich bekämpfenden Rechtsansprüche ausbalanziert? Es ist in praxi doch so, daß das Recht, soweit es nicht paragraphenweise niedergelegt ist, nur so weit reicht, wie die Macht, es durchzusetzen. Darum wird auch in der Erziehung das M a ch t Verhältnis zwischen Alter und Jugend immer das Rech tsVerhältnis bestimmen. Und da erhebt sich die entscheidende Frage: Ist die Macht der Alten über die Jugend eine okkupierte oder eine natürliche? Auch wenn man zugibt, daß die Altershervschast sich im Laufe der Zeiten zu einer Tyrannis ausgewachsen hat, so ist anderseits doch nickst zu leugnen, daß sie in der Erfahrung der Alten einen natürlichen Grund hat.' Darum wird es, grundsätzlich gesprochen, niemals eine Gleichberechtigung zwischen Alten und Jungen geben; immer wird die Einsicht in die Wirkungen des kindlich-jugendlichen Wollens dem Alter eine Uoberlegenheit sichern, die eine Abhängigkeit der Jugend begründet. Indem nun die Verfasterin die Entstehung und Entwicklung der Erziehungs- und Biloungsziele, und auch der Formen der Erziehung, vom machtsoziologischen Standpunkt aus untersucht, kommt sie, trotz aller Bedenken gegen die Richtigkeit ihrer Folgerungen, zu neuen und bedeutsamen Erkenntnisten. Unleugbar, daß die Volks-, Frauen- und Jugendbildung zu allen Zeiten durch die Herrschenden stark beeinflußt worden ist, und daß in Korrelation dazu die neuere pädagogische Entwicklung zu einem großen Toile auf die Gegenbewegung der beherrschten Gruppen zurückzuführen ist. So z. V.. worauf auch die Verfaßen» hinweist, die überraschende Entwicklung der Jugendsünde auf das Interesse am Jugendlichen infolge der Beachtung, die sie sich erzwungen hat. Aber es heißt doch über das Ziel hinausschießen, darum alle pädagogische Entwicklung machtsoziologisch zu begründen. Die Philanthropinisten haben Pädagogik vom Kinde aus getrieben ohne Jugendbewegung, und auch die moderne Jugendkunde verdankt ihre Entstehung neuen Erkenntnissen vor dem Einsetzen der Jugendbewegung. Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große haben die Volksbildung begründet gegen den Widerstand der betroffenen Masten, und die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Die Pädagogik kann also nicht nur als machtsoziologisches Problem aufgefaßt werden; die geistesgeschichtliche Betrachtungsweise muß ergänzend hinzutreten. Aber es bleibt doch das unbestreitbare Verdienst Mathilde Vaertings, daß sie durch ihre Methode neues Licht auf Tatsachen fallen läßt, die bis dahin im Schatten lagen. So ist das Werk der Verfasterin, nicht zuletzt auch durch die tiefgründige und dabei doch klare Behandlung des vielgestaltigen Stoffes, als eine wertvolle und weiterführende Untersuchung der pädagogischen Bewegung unserer Zeit zu würdigen. Unverständlich bleibt nur, wie der Verlag ein solches Werk in diesem schlechten Druck und mit einer Ue'berfülle der unglaublichsten Druckfehler herausbringen konnte. Dr. R. Stern. . Seite 7 Geh. Oberregierungsrat Prof. Dr. Th. E n g w e r: Ehoix de Poefies fran^aises und Ergänzungsband. Bielefeld, 1929/30. Die vom Verlage Velhagen & Klasing herausgebrachte französische Gedichtsammlung von Engwer ist in ihrem 200. Tausend vom Unterzeichneten in der Reuphilologischen Monatsschrift (1. Jahrg., Heft 9) fachlich besprochen worden. — Die in den Anmerkungen gegebenen Erklärungen suchen in de Vignys Gedichte: Mose nach dem Talmud, richtiger dem bekannten 5. Abschnitt der 4. Mischnaordnung: Sprüche der Väter sein Grab zu bestimmen. Jndesten wird eben dort das anfänglich von ihm abgelehnte Führeramt, vor dem später auch Josua zurückschreckt, als eine Strafe oder ein Fluch bezeichnet, eine Auffassung, die sich nirgends begründet findet. Vielmehr übersteigt die ihm übertragene Aufgabe, das verrohte Sklavenzum heiligen Priesiervolk emporzubilden, selbst seine, des Größten, gewaltige Willenskraft wie seine staatsmännische Weisheit und die auch dem Geringsten zugewendete demutvolle Hingabe, so daß ihre völlige Lösung erst am Ende des Ratschlußes aller Dinge erhofft werden darr. — In einer sozialen Dichtung von Dildrao fordert das daroende Volk der Wüste, seine Führer mögen ihm fruchtbaren Boden und Brot schassen. Diese aber leiten es nicht dazu an, sich mit dem Manna der ihnen eingeborenen freien Willenskraft, das sie als des Himmels Schatz rn der eigenen Seele tragen, selber Oasen zu bereiten. — In echt biblischer Weise fordert schon Hugo, die menschliche Gesellschaft durch Mildtätigkeit mit göttlich kosmischer Liebe zu-; sammenzufasten, daß den bedrückten, enterbten Untermenschen ihre Bitterkeit genommen werde. Die reine Menschlichkeit, die sich der einzelne durch seine sittliche Kraft erhält, und durch die allein er auch den Entwicklungsoerlauf der andern zu bestimmen und zu fördern vermag, findet ein jüngerer Dichter schon in des Kindes Seele als die Keimkraft ihrer genotypisch freien Anlage vor, denn seine natürliche Anmut wird durch einen Ernst gehoben, dem er volle Achtung bezeugen muß. — Auch werden zahlreiche auf Darstellungen der Bibel zurückgehende Landschaftsbilder und Gewohnheiten geschildert, die beweisen, daß die Kultur der Mittelmeerländer seit altersher hier in vielen Lebensformen unverändert treu bewahrt wurde. — So weist diese französische Gedichtsammlung auf vielfache Berührungen mit altzüorscher Anschauung hin, die den Kenner französischen Volkstums keineswegs überraschen, seinen Freunden aocr trotzdem eine Fülle von zeitgemäßen Aufklärungen vermitteln werden. Seminaroberlohrer Dr. Max Golde. Lesebuch aus I. I. Rousseau. In Uebersetzungen von H. Werneke, 2. vermehrte Auflage. Verlag H. Werneke, Kehl (Baden). Prof. Werneke versucht in seinem „Lesebuch aus I. I. Rousseau" uns ein Lebensbild dieses großen „Bürger von Genf", wie sich Rousteau mit Vorliebe nannte, zu entwerfen. Mit bewunoernswertem Geschick und emsigen Fleiß sind hier Stücke aus seinen Schriften und seinen Briefen zusammengetragen, die mosaikartig Rousteaus Lebensgang aufzeigen. So werden wir mit seiner Heimat und seiner Jugend und seinen nächsten Verwandten bekanntgemacht. („Bekenntnisse".) Diese Schilderungen sind um so wertvoller, da sie der Selbstbiographie Rousteaus entnommen sind. Diesen Stücken schließen sich solche aus „Emil oder Ueber die Erziehung" an. Dieses vor 170 Jahren geschriebene Buch mutet so modern an, als ob es vor wenigen Jahren verfaßt worden sei. Aus seinen andern Werken „Der soziale Vertrag", „Der neuen Helolse" u. n. a. werden uns auch Proben gezeigt. Er schildert uns darin Landschaften, die er auf seinen Wanderungen selber bereist hat. So bietet er uns Schilderungen vom Genfer See, vom Waadtsand, von der „Eremitage" (s. langjährigen Lieblingsaufenthalt), von Montucorency u. n. a. Orten in überaus lebhaften Farben. So zieht an unserem geistigen Auge das Leben dieses Philosophen vorbei, der bester von seinen Epigonen, denn von seinen Zeitgenossen verstanden wurde. „Indem er die Rückkehr zur Natur predigte, hat er moderne Auffassungen und eine neue soziale Ordnung angobähnt, die Erziehung umgestaltet und in der Literatur oen Sinn für die Schönheit der Natur geweckt. Er war nicht nur ein Apostel der Humanität, sondern ein Neuerer und Reformator, dessen Einfluß gewaltig gewesen ist und bis in die Gegenwart dauert." ‘ E—e. Henri Nathan sen, Jude oder Europäer. Porträt von Georg Brandes. Mit 8 Bildnissen, Rütten & Loening, Frankfurt a. M. Geh. 4 Ml, geb. 6.50 Ml. Georg Brandes ist nur noch der älteren Generation als feinsinniger Literaturhistoriker von internationaler Geltung bekannt. Um den bedeutenden Dänen nicht der Vergessenheit an- , heim fallen zu lasten, hat H. Rathanfen auf Grund seiner persön-

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