Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 1 (15.1.1931)
- Date
- 1931-01-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung. in bezug auf das Verhalten zur Kunst, also eine allgemeinmenschliche Libidopolitik. Er wendet sich gegen das Klassische schlechthin und begrüßt die Gesellschaft, welche mit dem Chaotischen des Unbewussten beim modernen Künstler versöhnt ist. Die Schlußfolgerungen des französischen Gelehrten stehen oft in schroffem Gegensatz zu den Ergebnissen der Psychoanalyse. Besonderes Jnteresie beansprucht die Untersuchung des Berliner Analytikers Hanns Sachs über „Caligulas Geliebten". Die Persönlichkeit des dekadenten Kaisers war bereits vor dem Kriege durch eine Schrift Quiddes in, den Vordergrund gerückt worden. S. sucht den auf den Irrwegen der Liebe wandelnden „Bubi", wie ihn seine Untertanen bei seiner Thronbesteigung zu nennen pflegten, psychoanalytisch zu erfaßen. Eine Arbeit von Carl Landauer über narzistische Charaktere, Neurosen und Psychosen liefert als Beitrag einer schwersten narzistischon Psychose die Krankheitsgeschichte König Ludwig II. von Bayern, des Schöpfers von Lindenhof. . Die Proben aus den kostbar eingebundenen Tagebuchblättern enthüllen uns in erschütternder Weise den tragischen Kampf eines königlichen Menschengegen eine unbezähmbar gewordene Triebwelt. Anna Freud hat im Hyppokrates Verlag (Stuttgart und Leipzig 1930) eine Einführung in die Psychoanalyse für Pädagogen veröffentlicht. In 4 Vorträgen, die vor den Horterziehern der Stadt Wien gehalten worden sind, führt Verfasierin in instruktiver Weise in die grundlegenden Methoden der psychoanalytischen Behandlung ein. Im ersten Vortrag interessiert uns die Rekonstruktion der Kinderjahre, die bis in die erste Lebenszoit des Säuglings hinabreicht. Im zweiten Vortrag behandelt sie das kindliche Triebleben und formuliert den Freudfchen Begriff des Sexuellen, der alle Lusthandlungen als Befriedigung kindlicher Triebregungen betrachtet. Der dritte Vortrag gibt Aufschluß über die sogen. Latenzperiode, in der das Kind feine Gefühlseinstellung aus der Vergangenheit auf eine Person der Gegenwart überträgt. Daß dabei dem Lehrer die wichtige Nolle des Ueber-Jchs zufällt, ergibt sich aus der inneren Spaltung des Kindes, das kein ungeteiltes Wesen mehr ist. Der vierte Vortrag will die Dienste aufzeigen, die die Psychoanalyse schon heute der Pädagogik leisten kann. Sie erweitert die Menschenkenntnis des Erziehers und schärft sein Verständnis für die komplizierten Beziehungen zwischen dem Kind und dem erziehenden Erwachsenen. Endlich bemüht sie sich als Behandlungsmethode, Schäden wieder auszubesiern, die dem Kinde während des Erziehungsprozesses zugefügt wurden. Im großen und ganzen ein vortreffliches Buch, das spielend und überragend schnell in die Grundbegriffe der Psychoanalyse einführt. Dr. Oskar P f i st e r, Pfarrer in Zürich, hat eine neue Auflage seiner „Psychoanalyse im Dienste der Erziehung" besorgt. Mit ihr wird sich besonders der Lehrer, der psychologisch interessiert ist, auseinandersetzen. Nachdem Verfasser sich mit auße.- ordentlicher Kühnheit für die wissenschaftliche Rechtfertigung und Forderung einer analytischen Erziehung eingesetzt hat, wird aufgezeigt, wie sich die Psychoanalyse in die allgemeine Erziehung einfügt. Als sittlicher Zweck der Analyse des Erziehers stellt Pfister die folgende Formulierung auf: Beseitigung der von unbewußten Seelenmächten heroorgebrachten schädlichen Hemmungen, Unterwerfung jener ausgegrabenen Kräfte unter die Herrschaft der sittlichen Persönlichkeit. Die Analyse ist nach Pfister nur eine von den erzieherischen Methoden, sie erhebt nicht den Anspruch, selbst ein System der Pädagogik zu sein oder sie zu ersetzen. Die Pädagogik habe sich bisher gegen die Analyse verhalten wie eine Mutter, die ihr Kind nicht liebt, weil es mehr Arbeit beansprucht; sehe sie aber ein, wie wacker es sich entwickelt- und wie stramm es ihr bei der Arbeit hilft, so schließt sie es mit leuchtenden Augen in die Arme und küßt es auf die Stirn. Die Feststellung des Verfasiers, daß die Erziehung des Erziehers eine Hauptbedingung des pädagogischen Erfolges sei, ist eine uralte pädagogische Weisheit. Pfister warnt zum Schluß Nummer 1 vor leichtfertiger Anwendung der Pädanalyse, mag sie von Aerzten oder Richtärzten ausgeübt werden. Schon die Persönlichkeit des Verfassers dürfte ein Anlaß sein, sich näher mit diesem grundlegenden Werk, das übrigens in alle modernen Kultursprachen übersetzt worden ist, zu beschäftigen. t Die immer häufiger in Erscheinung tretende Heranziehung von analytischen Gutachten in Strafverfahren zwingt zur Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse. (Vgl. Schönfelde: Der Verbrecher und seine Richter.) . Ich verweise ferner auf: Dr. jur. Hans Coenen: Strafrecht der Psychoanalyse, Strafrechtliche Abhandlungen. Heft 261, Breslau, Schlettersche Buchhandlung XII, 96 Seiten, 3.80 ML Breslau 1930. Verfasser gibt zunächst einen Ueberblick über die drei Lehren der Tiefenpsychologie, die den Anspruch erheben können, Systeme der Tiefenpsychologie genannt zu werden. 2n großen Zügen wird das Wesen des psychoanalytischen Verfahrens gezeichnet und auf die Bedeutung hingewiesen, die sich aus einer Anwendung dieses Verfahrens für Strafrecht, Strafprozeß und Strafvollzug gewinnen läßt. Neben den Vorteilen für das Strafwesen wird nicht verhehlt, daß diese im Zusammenhang mit einer noch nicht zum Abschluß gelangten Wissenschaft herausgearbeitet wurden. Coenen empfiehlt praktische Versuche an Jugendlichen, bei denen die psychischen Verwicklungen und die Komplexe noch keinen hohen Grad erreicht haben. Außerdem erlaube das Jugendgerichtsgesetz eine besondere Behandlung jugendlicher Täter, die von der der gewöhnlichen Rechtsbrecher wesentlich verschieden ist und vor allem die Ergreifung und iirdividuellerer Maßnahmen und persönlicher Einflußnahmen an Stelle des üblichen Strafvollzuges gestattet. Die beigefügten analytischen Behandlungen Krimineller sind nicht ausreichend, die Problematik der psychoanalytischen Lehren ist nicht gebührend berücksichtigt. Vesser orientiert ein Bortrag über Psychoanalyse und Strafrechtspflege, der in der Berliner Gesellschaft für Psychologie und Charakterologie vor kurzem gehalten wurde und der demnächst in der „Juristischen Rundschau" erscheinen wird. Das September/Oktoberheft der Psychoanalytischen Bewegung steht ganz im Zeichen der Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt a. M. an den Begründer der Psychoanalyse. Sowohl der an Freud gerichtete Brief des Dichters Alfons Paquet wie auch die Stiftungsurkunde sprechen von der streng naturwissenschaftlichen Methode des Forschers, eine Feststellung, die bemerkenswert scheint im Hinblick auf die kürzlich in Königsberg gegen die Psychoanalyse erhobenen Vorwürfe. Die von seiner Tochter Anna im Eoethehaus verlesene Ansprache ist wieder ein Musterstück formvollendeter Prosa und kraftvoller Formulierung. Die Beziehungen des Gelehrten Freud zu Goethe mögen manchem ad hoc konstruiert erscheinen. Die Freudsche Rede liefert aber den Beweis, daß sich Zusammenhänge Nachweisen lassen sowohl mit dem Goethe der naturwissenschaftlichen Betrachtung, als auch mit dem Dichter des Faust, der Wahlverwandtschaften und dem Uebersetzer des Venvenutu Cellini. Eine Untersuchung von W. Musch über Freud als Dichter zeigt uns den Psychologen als Meister des Prosastils. Die Formulierung seiner Werke verrät Schönheit, rhythmische und klangliche Sicherheit. Schon in den Erstlingswerken Freuds zeigen sich Elemente, die einen Prosaiker von Rang ankünden: Sinnliche Liebe zum Wort, Bildhaftigkeit, Verbundenheit mit der Dichtung und mit dem alltäglichen Leben der Sprache. Doktor med. Alfred Bräuschle, Berlin, hat ein Reclambändchen herausgegeben: Psychoanalyse und Jndividualpsychologie. Der Verfasser, welcher nicht unbedingter Anhänger der Psychoanalyse ist, hat den schwierigen Stoff in einfachster Form vermittelt, so daß er auch dem Laien verständlich wird. Ueber die Anwendungsmöglichkeit der Psychoanalyse auf Rechtspflege