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Jüdische Schulzeitung · 1931-01-15 · 1 (15.1.1931) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
1 (15.1.1931)
Date
1931-01-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Q: Nummer l „Ich urnr gestern erkältet und mutzte unbedingt im Bett bleiben." Ein Mädchen bezeichnet einmal im Naturgeschichtsunterricht die Farbe des Vergitzmeinnicht mit bleu. Eine andere Schülerin meinte. Jakob und Esau hätten dem Vater den Verkauf der Erstgeburt mitteilen müssen. Höher gebildete Schüler gebrauchen gern Ausdrücke wie intelligent und primitiv. Auf alle solche Sprachsünden mutz der Lehrer achten, mutz sie äusmerzen, mutz auf die Schönheit einer «schlichten wahren, reinen, wohllautenden Sprache Hinweisen und mutz vor allem selbst ein gutes Beispiel geben. Ich will Ihnen erzählen, wie ich einmal den Schülern klarmachte, wie wenig das Fremdwort „Tour" uns zeigt, wie viel hingegen das deutsche Wort „Wanderung". Ein Achtjähriger hatte geschrieben „Ich will in den Ferien Touren machen." Die Kinder fanden selbst das deutsche Wort, und ich sagte ihnen: „Wenn ihr Touren sagt, seht ihr nichts. ° Sagt ihr aber Wanderungen, so «seht ihr die Leute wandern. Sie schreiten dahin, durch Wälder, über Wiesen, den Flutz entlang." Da ging ein Leuchten der Erkenntnis über die Gesichter. Von einer besonderen Art des Fremdwörter-Unfugs, die in jüdischen Kreisen gebräuchlich ist, mutz ich hier sprechen. Ich meine die Vermengung des Deutschen mit verunstalteten hebräischen Ausdrücken. Bei solchem Gemisch tut. es mir weh um beide edle Sprachen. Das Deutsche wird verunziert und das Hebräische herabgewürdigt. Ein Kaufmann sagt zu seinem Lehrling, der ein Fach ausräumt: „Mach tzoff, tzoff!" Er bildet sich ein, tzoff heitze schnell. Und es handelt sich doch um das hebräische Wort Ssauf Ende, bedeutet hier also: „Mach, daß du zu Ende kommst!" Ich mutz aber, wenn ich eine solche Redensart höre, an das Vibelwort denken: Tauw loledies ©1 bciss •hoowel usw. Pred. 7. 2 Besser ist's, ins Trauerhaus zu gehen, als zu gehen ins Haus des Gelages, dieweil jenes das Ende jedes Menschen, und der Lebende es sich zu Herzen nimmt." Ein Lehrer sagte in einer Versammlung, als er die Notwendigkeit, eine Anterstützungskaste zu gründen, Nachweisen wollte: „Jeder kann .in Not geraten. Da kommen Krankheiten und andere Geseires." Es tat mir in der Seele weh, das zu hören. Mir fiel das erschütternde Wort aus den Selichoth zu Mincha des Versöhnungstages ein. „G’seiroh «hi nül'plwna): Ein Verhängnis ist es, beschlossen von mir. Die sich mit der Thora befassen, müsten es auf sich nehmen." Ein Lehrer darf solche Ausdrücke nicht gebrauchen. Aber er soll es auch rügen, wenn seine Schüler sie anwenden. Das alles ist auch Dienst an der hebräischen Sprache. Und nun mutz ich auch von unserem eigentlichen Dienst an der hebräischen Sprache reden. Das mutz geschehen, weil wir aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzen lasten. Wir unterrichten die Schüler in der hebräischen Sprache, um sie zu befähigen, mit Verständnis am Gottesdienst teilzunehmen. Und da wählen wir für die Uebertragung ins Deutsche nicht nur den treffendsten, sondern auch den schönsten Ausdruck. Je schöner die deutsche Wiedergabe, desto inniger ist die Erbauung. Um die beste Ueöersetzung zu finden, zieht der gewissenhafte Lehrer auch übersetzte Gebetbücher und deutsche Vibelausgaben zu Rate. Bibelausgaben mit einem guten deutschen Text sind genügend vorhanden. Bei den Gebetbüchern müsten wir einen Unterschied machen in der Hinsicht, ob die Uebertragung in der Hauptsache das Verständnis vermitteln oder ob sie ein selbständiges Dasein führen soll. Das letztere ist bei den Gebetbüchern für den liberalen Gottesdienst der Fall. Da man nur den Inhalt, den Stimmungsgehalt wiedergeben wollte, so brauchte man sich nicht streng an das Wort zu halten. Das konnte selbstverständlich der Ueöersetzung zugute kommen. Und so ist denn auch die Uebertragung in dem Gebetbuch, das der Landesverband für den liberalen Gottesdienst herausgegeben hat, im allgemeinen glatt und gefällig. Aber für die Vorbereitung auf den lleberfctzungsunterricht kann ein solches Buch nur dann in Betracht kommen, wenn eine freie Ueöersetzung am Platze ist. In dem Seite 3 erwähnten liberalen Gebetbuch.ist die Stelle waanadiu lau nedah mah naasseh übersetzt: „Wir wissen nicht, wohin mit uns ohne Dich." So darf man in der Schule diese Stelle nicht übertragen lasten, sondern muh, weil es ohne Zwang möglich ist, wortgetreu übersetzen: „Wir wissen nicht, was wir tun sollen." Anders ist es mit der Stelle'' im Neujahrsgcbot „w’aulossoh tikpoz piho“. Da werden wir nicht mit Samson Raphael Hirsch wörtlich übersetzen: „Die Gewalttätigkeit wird ihren Mund schließen." Die Gewalttätigkeit ihren Mund! Es wird uns unbehaglich, wenn wir uns das vorstellen. Wir übertragen daher mit dem liberalen Gebetbuch: „Die Gewalt verstummt." In Gebetbüchern, in denen der hebräische Teil der wichtigere ist, in denen die Verdeutschung in erster Linie das Verständnis vermitteln soll, hat man, wie mir scheinen will, auf die Fastung des deutschen Teils nicht viel Wert gelegt. Es kommen da manche Stellen vor, die das Sprachempfinden verletzen. Ob das bei allen Gebetbüchern der gekennzeichneten Art so ist, weiß ich nicht. Ich mutz mich bei meinem Urteil auf die Bücher beschränken, dir mir Vorgelegen haben. In 1"phiilas j’schurun von M. Sachs ist die Stelle w’chol kerew udilojaus jsamru liischmcdio übersetzt: „Jedes Herz und jede Niere lobsinge deinem Namen." Lehnt sich unser Gefühl nicht gegen die Fassung auf? Und zudem ist nicht einmal richtig übersetzt. Klojaus ist Mehrzahl. Aehnlich übersetzen S. R. Hirsch (alle Eingeweide und Nieren) und Heidenheim (alle Gemüter und Nieren). Das westfälische Gebetbuch geht der Ueöersetzung aus dem Wege. Das neue liberale Gebetbuch sagt: „Und Leib und Seele lobsingen deinem Namen." Auch diese freie Ueöersetzung ist nicht zu gebrauchen. „Herz und Nieren" ist ein Eesamtbegriff, und wir tun gut, so zu übersetzen: „Jedes, Herz" oder „jedes Gemüt lobsingt deinem Namen." Selbstverständlich müsten die Schüler wie immer, wenn sie frei übersetzen, die Bedeutung jedes Wortes kennenlernen. Heidenheim überträgt die Stelle Tlrillo 1’cliol chassidow usw. wie folgt: „Er ist der Ruhm aller seiner Frommen, der Kinder Israel, das ihm nahe Volk." Das ist grammatisch falsch. Und was sollen wir mit solchen Stellen anfangen: „. . . daß alle Götter der Völker verneinende Götter sind." (Hirsch, Tphillaus jisroel S. 239), „Gott, Herr über alle Werke, gesegnet und gesegnet werdend in dem Munde aller Seelen" (ebenda S. 239), „Dein, Ewiger, ist das Reich und das Hoheitsrecht über jedes Haupt." (Sachs Tphillas jschurun S. 167)? Die wenigen angeführten Stellen beweisen uns schon, daß wir bei der Vorbereitung auf den Gebetübersetzungs-Unterricht vorsichtig sein müsten, wenn wir Uebertragungen zu Rate ziehen. (Schluß folgt.) Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Psychoanalyse Von M. Simon, Studienrat, Tilsit. In der Mai-Juni-Nummer der Psychoanalytischen Bewegung nimmt Albrecht Schaeffer die Hypothese über die früheste Feuerzähmung durch den Menschen, die Freud in seinem jüngsten Buche „Das Unbehagen in der Kultur" ausspricht, wieder auf und gelangt im wesentlichen zu dem gleichen Ergebnis wie Freud, zum sexuellen Ereignis als dem Ursprung zur Zähmung des Feuers. Die Herkunft der Tat leitet sich nicht aus einem infantilen Trieb her, sondern findet ihre Erklärung in dem zentralen Ereignis, das nicht Lust allein bedeutet, sondern vor allem auch Zeugung. Die mythologischen Zusammenhänge, auf die Schaeffer hinweist, sind bereits in Freuds: Geschichte einer infantilen Neurose gestreift. Jean Frois Witt mann versucht sine psychoanalytische Rechtfertigung moderner Kunstströmungen (Expressionismus und Surrealismus) zu liefern. Die tief schürfende Arbeit will weniger ein Beitrag zur Wissenschaft sein als eine Tendenz Jüdische Schulzeitung. _———-— . — ■— -■ ■■ —t_-~r ——rv~~~.rrzsrr rrr:

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