Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 12 (15.12.1930)
- Date
- 1930-12-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2825247-2825261-2825273--0461-2826064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jüdische Schulzeitung. Seite 7 Nummer 12_ innere Stadt und von da in ein Reservoir, das er am südlichen Ende der Stadt, das tiefer gelegen war, ausheben ließ (I I Kön. 20.20 und II Chron. 32.8 u. 80). Die Quelle wurde verschlossen, und so mußte der assyrische König unverrichteter Dinge nach langer Belagerung wieder abziehcn. Die von Chisliah im Kanal angebrachte Gedenktafel liegt gut repariert unter Glasverschlus; im Museum in Konstantinopel (Siloah-Ctein). Sie ist etwa 60 Zentimeter breit und 2ö Zentimeter hoch und ist int Gegensatz zu andern derartigen Steinen stark poliert. ReLsr Religiosität Ln unserer Zeit und über Religionsunterricht. Von Dr. 2. Bamberger, Nürnberg.*) Solange das Judentum besteht, hatte es schwere Kämpfe zu führen, um sich nach innen und außen durchzusetzen und zu behaupten. Wie fein psychologisch schildert uns der Midrasch die Vorgänge von Mattan Thora, vor dem Akte ider Gesetzgebung auf dem Sinai. Jedes Volk, dem die Thora vorher angeboten wurde, hatte einen Einwand und lehnte sie deshalb ab. Und auch Israel war nicht ohne weiteres bereit, die Thora anzunehmen. Eine neue Welt eröffnete sich im Judentum; ein Umdenken und vor allem eine.andere Lebenshaltung waren mit seiner Ucbernahme geboten. Mit ungeschminkter Klarheit zeigt uns die Bibel den Kampf in Israel um diese Neugestaltung seines Lebens auf Grund der Thora und seine Auflehnung gegen Gott. Gott und Thora sind für Israel eine Einheit von allem Anfang an. Wer das eine ablehnt, verleugnet auch das andere. Trotz aller Irrungen und Wirrungen ist Israel Gott und seiner Lehre treu geblieben, und es hat beide durch die Zeiten getragen. Auf diesem Wege durch die Zeiten und Völker und Länder türmten sich ihm alle Probleme entgegen, die je menschliches Denken beschäftigten: Der alte Orient, das Griechentum, Nom und das Christentum, der Islam — Philosophie, Naturwissenschaft, Wirtschaft und Technik —, sie alle haben unfern Eottesbegriff und unser Judentum schwer bedroht. Gewiß sind zu allen Zeiten schwache und haltlose Menschen ihnen zum Opfer gefallen; aber die große Menge mit großen Führern an der Spitze sind fest und treu geblieben und wußten ihr Judentum zu behaupten und ihren Nachkommen zu sichern. Haben Philo, Maimonides, Mendelssohn u. a. einen leichteren Stand gehabt gegenüber ihrem Zeitgeist als wir unserer Gegenwart gegenüber? Gewiß sind in den Jahren seit der Emanzipation die Anfechtungen für den jüdischen Menschen nicht gering gewesen, und wir haben schwere Verluste zu beklagen. Sind aber nicht zu allen Zeiten solche Absplitterungen zu beklagen gewesen? Sadduzäer, Karäer usw. sind von uns gegangen und haben uns stark erschüttert, und gegenüber den aus unserem Schoße hervorgegangenen Weltreligionen haben wir uns behauptet. Und wir sollten in der Gegenwart kapitulieren oder unseren Fortbestand bedroht fühlen durch die Wissenschaft und Wirtschaft? Welches sind von jeher die stärksten Stützen gewesen, die uns nie wanken ließen? Unerschütterliche Selbstgewißheit, Emunah! Untrügliche Erkenntnisdes göttlichen Waltens in Offenbarung, Geschichte, Schöpfung und im Einzelleüen, Haschgachah pratith. Das sind allerdings Ueberzeugungen, die sich nicht demon- *y Wir verweisen auf unsere Fußnote zu dem Aufs -r-r. Braun, Köln, in Nr. 9 der Jüdischen Schulzeitung. strieren und beweisen lassen. Der „Alleszermalmer" Kant konnte uns so wenig erschüttern wie Aristoteles oder'Sokrates. Darwin und Haeckel ist das ebensowenig gelungen, oder gar Welthaufen. Freilich muß dieses Bewußtsein und dieser Glaube gewissermaßen angeboren und ein Stück unseres Selbst sein; abgesehen davon, daß es doch nicht so ist, als ob wir vor den heutigen Zeitströmungen kapitulieren müßten. Das wäre Nihilismus. Es ist gewiß richtig, daß weite Kreise des Judentums unserem Gotte und unserer Thora entfremdet sind. Wir unterschätzen durchaus nicht, daß viele uns völlig verloren gehen. Des ferneren verschließen wir uns nicht davor, daß vieles in Haus und Gottesdienst, in Leben und Familie gebessert werden muß. Wer den „Jeschurun" von Dr. Wohlgemuth verfolgt, wird erkennen, wie ernst man gerade in gesetzestreuen Kreisen mit diesen Fragen ringt, und wie ausgezeichnete Gedanken der Vertiefung unseres religiösen Denkens und Lebens dort gegeben werden. Nur von Kleinmut ist dort nicht die Rede. Und das ist eine wesentliche Sache. Wir müssen st a r k b l e i b e n, wie es unsere Alten waren. Wir sollen uns doch nicht einreden, daß früher die Gefahren für Religiosität und Frömmigkeit geringer und daß die Menschen empfänglicher waren, weil sie „naiver" waren. Die geistigen Erbmasien sind gleich geblieben, und das Verhältnis zwischen Starken und Schwachen war immer so wie heute. Außerdem ist es gar nicht so trostlos um die Religiosität der Gegenwart bestellt. Man muß nur nicht alles unterschätzen und bedeutungslos finden, ohne daß man andererseits übertreibt. Die Teilnahme am Gottesdienst ist z. B. an den Hohen Feiertagen immer noch recht beträchtlich, besonders, wenn die äußere Möglichkeit dazu besteht. Natürlich gibt es viele, die auch davon schon fern sind. Es ist aber -sicher, daß bei der durchschnittlichen Masse des Volkes reliigiöser Sinn und religiöse Empfänglichkeit vorhanden sind. Gewiß: die Wirtschaft verschüttet vieles. Hier ist noch viel zu tun; die Fragen der wirtschaftlich-sozialen Verhältnisse harren noch der Lösung. Die „Schon: re S ch a b b o t" bemühen sich darum. Dann, weisen wir auf das frisch pulsierende Leben bei der jüdischen Jugend der Gegenwart hin, -ihr unermüdliches Ringen und Schaffen um „Lernen" und „Wißen" — und Leben! Das soll man nicht mit „G e t r i e b e" abtun; da wächst neues Leben aus den Ruinen. Pflegen wir das durch eifrige Arbeit in der Schule! Wer selbstgewiß uird stark erfüllt ist von der Unerschütterlichkeit der Thora, und wer selbst durchdrungen ist von Liebe und Treue zu Gott und seiner Thora — der wird auch in den Kinderherzen dieses Feuer entzünden und in Uebung und Gewöhnung sie praktisch erziehen. Wir sehen wahrlich die Dinge nicht einfach an, aber wir sind überzeugt, daß sie zu schaffen sind. Auch heute noch gilt das alte Wort: Naase w’nischmah! Am Anfang ist die Tat — sie führt hinein in den Geist und ins Leben, weg mit allem Trübsal! Und dann noch eins! Spüren wir nicht an allen Ecken und Enden, daß sich in unserm heutigen Judentum tatsächlich tiefe Dinge vorbereiten, die einen Wendepunkt bedeuten! Wir fangen an, uns wieder zusammen zu finden im Palästinagedanken, er gibt uns neue Impulse. Noch türmen sich große Schwierigkeiten auf — innen und außen; aber einst wird dieser Weg dahin führen, daß Israel sich zusammenfindet in seinem Gotte, seinem Lande, seiner Sprache: öajom babu jib'jo bascbem ecbac! uscbmo ocbact! Desien sind wir aufs tiefste gewiß. Wer diese Gewißheit und Ueberzcugung nicht im Herzen trägt, der ziehe seine Hände weg von dieser Arbeit; hier ist heiliger Boden. Sorgen wir dafür, daß er nicht durch phrasenhaften Optimismus und Nihilismus entweiht werde weder bei Kindern noch bei Erziehern und Lehrern, die sich erheben sollen über den Verfall und Abfall. Wir wollen uns gegenseitig stärken und fördern, aber nicht lähmen und schlaff machen.