Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1930-12-15 · 12 (15.12.1930) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)

OCR text

12 entity mentions

Seite 6 Juden darstellt, dem ein christlicher Geistlicher die hebräischen Sterbegebete vorsagt. Auch bei Kompert, Karl Emil Franzos, Ludwig August Frankl, Perez, Schalom Asch findet stch wertvoller jugendgemäster Inhalt. Und nicht die jüdischen Schriftsteller allein sind es, die eine reiche Fundgrube für Jugendliteratur abgeben. Hermine Villinger hat in „Der weise Salomon" ein spannendes Bild des gehetzten, um eine Niederlassungserlaubnis ringenden Juden ge geben. E. Fromme! hat in „Meines Vaters Türkenpfeife" die Vefchützung eines Juden durch Christen ebenso fesielnd gezeichnet wie Cchmitthenner die Rettung eines Christenkindes durch einen Juden in „Der Seehund". Wenn solche Erzählungen der Jugend aller Konfessionen zugefiihrt werden, haben ihre Versager neben ihrer künstlerischen auch eine rein menschliche Sendung erfüllt. Die Frankfurter „Vereinigung israelitischer Lehrer und Lehrerinnen" lieg durch ihre Jugendschriftenkommission unter Leitung des Versagers dieser Arbeit 1911 einen Band „Für unsere Jugend" herausgeben, der neben anderem Lesestoff eine Sammlung solcher Erzählungen enthält. Es folgte 1913 ein zweiter, 1926 ein dritter Band. Die württembergischen Lehrer, unter der Führung des Hauptlehrers Theodor Rothschild in Eßlingen, stellten nach denselben Grundsätzen unter stärkerer Betonung des Geschichtlichen und Kulturgeschichtlichen einen Sammelband „Bausteine" (1913) zusammen, der 1927 durch eine „Reue Folge" ergänzt wurde. Eine ähnliche Sammlung — unter Betonung des Jüdischnationalen — bildet „Das jüdische Jugendbuch", 1920 von Steinhardt, Loewe und Klötzel herausgegeben. In diesen Sammelwerken finden sich auch zahlreiche Poesien von jüdischen Dichtern. Stoffe, die zumeist in alten Jahrgängen von Zeitschriften und Almanachen vergraben lagen. So Gedichte von Daniel Sanders, Julius Rodenberg, Kompert, Ludwig August Frankl, S. H. Mosenthal, Ludwig Philippson, Morris Rosenfeld, Jakob Löwenüerg, Hugo Zuckermann, Hugo Salus. Von nichtjüdischen Dichtern finden wir vertreten: Herder, Eerok, Platen, Viehoff, Bodenstedt, Freiligrath, Hebbel, Mörike, Börries von Münchhausen. Auch der historischen Abhandlung, soweit sie für die Jugend verständlich und stilistisch bemerkenswert war, ist Raum gegeben, ebenso dem Kulturbild. So finden sich Beiträge von dem Philanthropinlehrer Isidor Kracauer, dem Historiker der Frankfurter jüdischen Gemeinde, und aus früherer Zeit Aufsätze von Moritz Lazarus, Steinthal, Kohut, Grätz. Die erwähnten Sammlungen haben weite Verbreitung gesunden, ein Teil wurde mehrfach aufgelegt, ein Teil ist seit Jahren vergriffen. Der weitere Ausbau des Jugendschriftengebietes begegnet den natürlichen Hemmungen aller für einen begrenzten Leserkreis bestimmten Publikationen. Rur große Hingabe an diese Erziehungsaufgabe und starkes Verantwortungsbewußtsein der Erziehungspflichtigen vermag das Werk zu fördern. Ein großer Teil dieser Aufgabe fällt der jüdischen Schule zu, die die literarischen Vedürfnisie zu erforschen und zu befriedigen hat. Möge das Philanthropin dieser bedeutungsvollen, von den Philanthropinisten ausgegangenen, von Moses Mendelssohn für unsere Kreise ins Leben gerufenen Bewegungen auch in dem neuen Zeitraum, in den es nunmehr eintritt, lebendige Förderung angedeihen lassen. Von meiner Palastinareise. Von Otto Geismar. 2. DasKidrontal. Dem romantisch veranlagten Palästinareisenden verbindet sich mit dem Namen Jerusalem der Begriff gewaltigster Eindrücke, einer fast unerschöpflichen Fülle von Erlebnissen. Auf Schritt und Tritt steht er auf religions- und weltgeschichtlichem Boden: die ganze Stadt hält ihn in einem religiös-romantischen Er- Nuuuner 12 regungszustand. Dieser Teil meiner Interessen konzentrierte sich hauptsächlich auf das Kidrontal, weiterhin Tal Josafat genannt, mit seinen beiderseitigen steilen Berglehnen. Es beginnt zwischen der hochgelegenen Altstadt und dem Skopusbcrg, auf dem die Universität steht, windet sich dann zwischen dem Teu»pol< berg und dem Berg der Davidsstadt westseits und dem Oelberg und Siloahberg im Osten hindurch abwärts bis zu seiner Vereinigung mit dem Tyrnpöontal, das die älteste Stadt von der andern Seite umgibt und mit dem Hinomtal, das die Herodesstadt südlich und westlich umschließt. Nicht nur ist das Kidrontal von einer bezaubernden landschaftlichen Schönheit, die inich geradezu überwältigte, sondern hier spielte sich auch ein großer Teil der geschichtlich überlieferten Begebenheiten der Königszeit ab. Dort befindet sich der Berg der Davidsstadt mit feinen interessanten Reminiszenzen, Ausgrabungen und geheimnisvollen Ueberrafchungsmöglichkeiten: auf der Höhe des Berges, neben der Akfamofchee, stehen die respektablen Ueberreste der Königsburg, und am „goldenen Tor" noch zwei von Salomo errichtete Säulen. Unten im Tal steht man die Quelle, au der Salomo gekrönt (I Kön. 1.33), und weiterhin die andere Quelle, En rogel, an der Adoniah zum König ausgerufen wurde. (I Kön. 1.9.) An derselben Stelle nahmen Jonathan und Achimaaz die Nachrichten für David entgegen (II Sam. 17.17). Der Weg, der vom Schloßberg herunter führt ins Tal, ist heute noch derselbe, auf dem David vor Absalom geflohen ist. Noch steht das Denkmal, das sich Abfalom gegenüber vom Schloß auf der andern Seite des Tals selbst gesetzt hat (II Sam. 18.18), wenn auch in abgeänderter Form, an derselben Stelle. Dasselbe gilt für das hart daneben stehende Denkmal für den Propheten Secharjah, den König Joasch steinigen ließ. Nur ein Weniges weiter unten liegt das Dorf Siloah in herrlichem Aufbau au dem steilen Berg, auf dem Salomo seinen Frauen die Götzenaltäre errichtet hat. Auf der andern Seite des fast schluchtartigen Tals, gleich unten am Tempelberg befindet sich die Siloahquelle, die nicht nur das Sorgenkind der Stadt war, sondern auch das heiß ersehnte Ziel der Feinde. Denn die Versorgung der Stadt mit Frischwasser erfolgte ausschließlich aus dieser Quelle. Diese lag aber aus technischen Gründen noch außerhalb der Stadtmauer. In Kriegszeiten wurde nun der Zugang zur Quelle verschüttet und unkenntlich gemacht; denn wenn es dem Feinde gelang, der Quelle habhaft zu werden, war die an und für sich außerordentlich starke natürliche Festung in kürzester Zeit ausgedürstet und mußte sich ergeben. Deshalb haben die Jebusiter schon frühzeitig einen Schacht durch den Felsen gehauen, der bis zur Quelle hinabreichte, und durch den man das Wasser heraufzog. Dieser Schacht ist in Sam. Il Kap. 5 Vs. 8 ff. erwähnt. Diese ganze Erzählung der Eroberung der Stadt scheint stark verstümmelt zu fein. Verständlich wurde sie erst, nachdem in allerjüngster Zeit der Wasserschacht entdeckt worden ist. David sagt dort: tuüs yj’i ’oia’ nsa V3 Vermutlich muß man übersetzen: Jeder kann Fabusi schlagen, wenn er den Wasserschacht erreicht. Scheinbar ist dies die Antwort auf die Drohung der Jebusiter (Vs. 6), daß die Stadt so stark sei, daß schon Lahme und Blinde sie verteidigen können. Dieser Wasserschacht diente bis zu den Zeiten Chiskiahs zur Frischwasseroersorguug in Kriegszoiten. David konnte ihn aber nicht finden, doch er eroberte die Stadt durch einen gelungenen Handstreich. Er ließ nämlich an der Stadtmauer einen Steinhügel aufwerfen, über den seine Soldaten dann in die Stadt eindrangen. Neuere Ausgrabungen haben fast vollständig erhaltene Teile dieser jebusitischen Stadtmauer zutage gefördert, ja sogar der Steinhügel, den David aufwerfen ließ, ist, prächtig erhalten, zum Vorschein gekommen. Als^ Samherib im Anmarsch auf Jerusalem war, kam der große König. Chiskiah auf einen gewaltigen Gedanken. Er ließ schleunigst den Schloßberg gleichzeitig von beiden Seiten aus durchbohren und leitete durch diesen Kanal die Quelle in die Jüdische Schulzeitung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.