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Jüdische Schulzeitung · 1930-12-15 · 12 (15.12.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
12 (15.12.1930)
Date
1930-12-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Jüdische Schulzeitung. Seite 3 Nunnncr ^2 die jüdische Jugend eröffnet wurden, wie die Jacobsonschule in Seesen, die Samsonschule in Wolfenbüttcl setzten diese Bestrebungen fort; vor allem war es das 1804 gegründete Frankfurter Philanthropin, das in der Pflege einer zweckentsprechenden Jugendliteratur bis zum heutigen Tage eln wertvolles Erziehungsmittel erblickte und jugendliterarische Werke hervorbrachte. Es erscheint daher am Platze, anläßlich des 125. Geburtstages dieser Lehranstalt dem geschichtlichen Entwicklungsgang dieser so wichtigen pädagogischen Frage nachzuspüren. Wie schon aus dem Borangegangenen ersichtlich, trug das Jugendbuch zunächst lehrbuchartigen Charakter. Indessen war schon die Abfassung von Lehrbüchern gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine aufsehenerregende Neuerung. Bibel, T .lmud und Erbauungsbücher'war-en bis dahin die einzigen Religionsquellen und Unterrichtsbücher, und man legte sie der Jugend unverkürzt vor. Es bedurfte erst des mannhaften Eintretens angesehener Pädagogen, den Kindern statt der Bibel eine Fibel in die Hand zu geben. Das oben erwähnte Lesebuch, das merkwürdigerweise schnell wieder vom Büchermarkt verschwand, fand bald Nachahmung. 2m Jahre 1802 erschien r^Oö „Das ist der Weg des Unterrichts, den Kindern das Lesen der hebräischen Sprache und die Grundsätze der Religion beizubringen, nebst Sittenlehren und Fabeln für Kinder". Von Jehuda Lob Vensef, Wien, bei Josef Hraschanzky. Auch in diesem Buche führt der Weg zu den deutschen Lesestücken über hebräisch-deutsche Lese-.und Uebersetzungsübungen. Das Buch erschien später in veränderter Form unter dem Titel ->2vn rp> 2m selben Jahre erschien in Wienisvt 'ivrk'ein ähnliches Lehr- und Lesebuch von Herz Homberg, auf das David Fränkel, der Herausgeber der Sulamith, „die respektiven Eltern als zweckmäßige Jugendschrift aufmerksam macht". Trotzdem war immer noch ein fühlbarer Mangel an brauchbaren Kinderbüchern, die den verschiedenen Altersstufen Genüge getan hätten, vorhanden. So beklagt der damalige Leiter des Philanthropins, Michael Hetz, im Jahre 1808 das Fehlen einer pasienden Jugondschrift in einem Schulprogramm mit den Worten: „Möchte ein Jugendfreund, dem es nicht an Muße und Hilfsmitteln gebricht, die jüdische Jugend mit einem solchen Werke beschenken". Noch einmal führt der Weg nach Dessau. Der Heimat Moses Mendelssohns entstammt njv} sniö' Lehr- und Lesebuch für die jüdische Jugend von Moses Philippsohn, Lehrer an der jüdischen Haupt- und Freischule zu Dessau (2 Teile, Leipzig 1808). Eine vermehrte und verbesserte Auflage erschien 1823. Das Buch enthält nach der traditionellen hebräisch-deutschen Leselektüre einen unterhaltenden Teil. Eine zeitgenössische Rezension hebt hervor: „Die Erzählungen sind meistens dem Midrasch und Talmud entnommen, aber mit Vokal-Punkten und einer fließenden deutschen llebersetzung versehen." Ein neuer Impuls wurde der Bewegung durch einen Berliner Schulmann verliehen. Jeremia Heinemann, Leiter einer Erziehungsanstalt, suchte auf verschiedenen Wegen dem vorhandenen und damals vielbeklagten Mangel abzuhelfen. Er gründete 1817 unter dem Titel „Jedidja" eine religiöse, moralische und pädagogische Zeitschrift, die bis 1823 vier Jahrgänge mit je 2 Bänden erlebte. Das Werk wurde später unter dem Titel „Jedidja, neue Folge" und ferner unter dem Titel „Allgemeines Archiv des Judentums" fortgesetzt. Speziell für die Jugend gedacht war desselben Verfassers „Na-ami, Taschenbuch zur Belehrung und Unterhaltung der Jugend", Berlin 1818. Mehrere Jahrgänge folgten. Von diesem Autor erschien noch im gleichen Jahre „Der Deutsche Jugendfreund, ein Geschenk für die Jugend beiderlei Geschlechts", Berlin 1818, und zwei Jahre später „Pomona, Taschenbuch für die Jugend auf 1820". Die Heinemannschen Schriften bedeuten einen merklichen Fortschritt in der Entwicklung des jüdischen Jugcndschriftenwcsens. Der Lesebuchcharakter ist verschwunden, der Umweg zum deutschen Lesebuch über das hebräische Alphabet ist gefallen, ein Beweis für die schnelle Verbreitung, die die deutsche Sprache in der Zwischenzeit unter der jüdischen Bevölkerung gefunden hatte. Bemerkenswert sind diese ersten Versuche, dem Lesebedürsnis der Kinder durch Herausgabe von Almanachen und Jahrbüchern abzuhelfen. Allerdings zeigt sich schon hier, was in der Folge noch mehr in Erscheinung treten wird, daß solche periodischen Schriften immer nur eine beschränkte Anzahl von Jahren zur Veröffentlichung gelangen. Die Serie bricht bald ab, der jüdische Büchermarkt wurde in seiner Tragfähigkeit oft überschätzt. Der Leserkreis war zu begrenzt. Im Lahre 1820 gab K. Sgf. Gllnzburg eine Sammlung „Parabeln" heraus, Band 1 und 2 Berlin, Band 3 Breslau 1826. Um dieselbe Zeit erschien Heimann-Hurwitz „Sagen der Hebräer". Aus den Schriften der alten hebräischen Weisen, Leipzig 1826, 2. Auflage Leipzig 1828. Die Sagen der Hebräer von Hurwitz, dem Herausgeber der Zeitschrift pas ims (Blüten des Nordens), sowie die bereits erwähnten Parabeln von Günzburg waren zwar keine ausgesprochenen Jugendschriften; sie waren als Volksschriften gedacht, dürften jedoch weite Verbreitung unter der jungen Welt gefunden haben. Der ungeheure Reichtum der jüdischen Sagen- und Märchenwelt ist seit jenen Tagen — im Laufe der Zeit in immer vorzüglicherer Auswahl — der Jugend erschlossen worden. Die erste größere Sammlung auf diesem Gebiete ist wohl das im Jahre 1842 von Abraham Tendlau verfaßte „Buch der Sagen und Legenden". Von demselben Verfasser stammt „Fellmeiers Abende", Märchen und Geschichten aus grauer Vorzeit (1856). Eine ganz speziell für die Jugend ausgewählte Sammlung „Jüdische Sagen und Legenden" in 6 Einzelbänden, die auch in einem Band erschienen sind, gab seit 1900 der Philanthropinlchrer Prof. Bernhard Kuttner heraus. In der neuestem Zeit brachte Frieda Weißmann: „Biblische Gestalten in der Legende", außerdem existieren noch eine Reihe von ähnlichen Sammlungen, so daß gerade dieses Gebiet am fleißigsten bebaut erscheint. - Eine ähnliche Ausgabe, nach dem hebräischen Original des I. Lewner veranstaltet, ist die Agada- Sammlung von V. Eottschalk. Sie unterscheidet sich von andern Werken dieser Art dadurch, daß sie eine bestimmte Reihenfolge innehält. Sie beginnt mit der Genesis, folgt dann biblischen Ereignissen und fügt schließlich die nachbiblische Zeit bis Akiba an. Außer dem Talmud und den Midrasch-Büchern sind auch andere Schriften wie z. V. das Sefer Hajaschar benutzt. Indessen war schon in den 30er Jahren das Bedürfnis nach einer umfassenden Jugendlektüre hauptsächlich belletristischer Natur lebendig. Die eingangs erwähnten Campeschen Schriften, später die Knrderbücher von Karl Stöber, Christoph von Schmid, Franz Hoffmann, Gustav Nieritz befriedigten, zumal in einer Zeit, da eine, aufdringliche Moral und überpatriotische Redseligkeit die wenigsten störte, die Bedürfnisse weiter Kreise. Vielfach wurde von jüdischer Seite die Schaffung einer ähnlichen Literatur gefordert; es entstanden auch vereinzelte Schriften, jedoch war die Tendenz der religiösen Beeinflussung darin so stark aufgetragen, daß sie die Gebildeten abstießen. Vielfach wurde behauptet: Seien wir froh, daß wir endlich die deutsche Sprache beherrschen, und begnügen wir uns mit dem vorhandenen allgemeinen trefflichen Volks- und Jugendschriften. Die so sprachen, übersahen ein wichtiges Moment. Diese Schriften bewegten sich auf dem Boden einer ausgesprochen christlichen Religiosität. Das Judentum, wenn es überhaupt erwähnt war, erschien in unfreundlichem Lichte, oft furchtbar verzerrt. Es mußte, sollten nicht Minderwertigkeitsgefühle im Herzen des jüdischen jugendlichen Lesers überhand nehmen, eine

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