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Jüdische Schulzeitung · 1930-12-15 · 12 (15.12.1930) · page 4

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
12 (15.12.1930)
Date
1930-12-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Gegenwirkung geschaffen werden. So heißt es in einem Aufsatz der Eeigerschen wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Thxologie (18:30 23b. 4 Seite 26) „Aber wir fragen: können diese für den Menschen im allgemeinen und den Christen im besonderen bestimmten Schriften allein dem Israeliten genügen? Hat er nicht auch besondere ganz auf ihn berechnete nötig? Bedarf das religiöse Leben und alles, was damit in Verbindung steht, nicht auch einer besonderen Anregung von dieser Seite? Haben wir nicht unsere eigentümlichen moralischen Bedürfnisse, denen Befriedigung verschafft, sowie unsere eigentümlichen Gebrechen, denen entgegengearbeitet werden soll?" Und weiter heißt es: „Wie soll der Jugend die Religion der Väter über alles lieb und teuer werden, wenn sie keine Ahnung hat von all dem Großen, das durch sie geschah, von der erhabenen, alles Irdische besiegenden Begeisterung, die sie ihren Bekennern einflößte, von den unglaublichen Opfern, Entsagungen und Anstrengungen, zu denen sie bewog, und die sie alle überwog? Wie soll sie ihre in mancher Hinsicht zurückgebliebenen Elaubensgenosien achten und lieben lernen, und sich nicht vielmehr,.wie es so manche in der Art getan haben, ihrer schämen, wenn ihr die Ursache ihres Zurückbleibens und noch mehr die Lichtseite, das Hervorragende, Großartige in der Geschichte der Väter ganz unbekannt bleibt?" Der Verfasser empfiehlt schließlich den jüdischen Behörden, Preisausschreiben zu erlassen, um jüdische Gelehrte und Dichter zu veranlassen, solche Bücher hervorzubringen, und er schließt seine Ausführungen mit der prophetischen Verheißung: „Und die so das Heil vieler befördern, werden glänzen wie die Sterne, immer und ewig, Amen!" Die Aufforderung des Verfassers (Rabbiner Abraham Kohn in Hohenems) scheint insofern einen unerwünschten Erfolg gehabt zu haben, als eine Reihe von Erzählungen von äußerst geringem literarischem Wert von völlig Ungeeigneten publiziert wurde. Die lehrhaften Absichten der Verfasser lagen zu offen vor den Augen der Jugend, als daß sie Eindruck hätten machen können. Was nun die Frage eines Preisausschreibens betrifft, so ist die Idee im Laufe der Jahre immer wieder aufgetaucht, bis schließlich die Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B. die Initiative ergriff. Zwar waren die Meinungen über ein solches Vorgehen geteilt. Es wurde geltend gemacht, man könne nicht plötzlich eine solche Literatur ins Leben rufen. Sie müsse sich mit der Zeit heranbilden, allzueifriges Antreiben könne verhängnisvoll werden. Es wurde aber doch ein Versuch gewagt, und wir verdanken dem Experiment neben minder Wertvollem immerhin die „Sammlung preisgekrönter Märchen und Sagen", die ein beliebtes Jugendlesebuch geworden ist. Die Eroßloge hat zudem seit 1904 einen Jugendschriftenausschuß eingesetzt, unter dessen Mitwirkung bereits eine Reihe hübsch ausgestattetcr und billiger Jugendbücher entstanden ist: Max Vrod „David Röuüeni in Portugal", Emil Bernhard Cohn „Die Legende von Rabbi Akiba", Hermann Freudenberger, Studienrat am Philanthropin, „Im Kampf um die Menschenrechte", Arthur Ealliner, Studienrat am Philanthropin, „Max Liebermann" und „Bilder zur Bibel". Außerdem hat die Großloge in den Jahren 1905 bis 1914 unter der Leitung von Dr. M. Spanier-Magdeburg den Wegweiser für die Jugendliteratur, eine der jüdischen Jugendschriftensache gewidmete Zeitschrift herausgegcben. In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts gewann' eine andere Bewegung wieder an Boden: Die Herausgabe von Jahrbüchern. Sie waren zunächst nicht für die Jugend gedacht, doch fanden, sie offenbar vielfach den Weg zu ihr. Hier ist zu erwähnen: Isidor Busch, Kalender und Jahrbuch für Israeliten, Wien, 5 Jahrgänge von 1842—47 (Mit vereinzelten Beiträgen für die Jugend), und Klein, K., Volkskalender für Israeliten, endlich — spezieller — Klein, K., Museum für die israelitische Jugend, ein Lesebuch für Schule und Haus, 1855 Stuttgart bei Ricger. Zu letzteren schrieb der Philanthropinlehrer Dr. 2. M. Nummer 12 Jost ein bemerkenswertes Begleitwort. Darin heißt es: „Die israelitische Jugend muß mit den edlen Erzeugnisien des Geistes, der die Gemeinde Israels mehrere Jahrtausende durch die Geschichte hindurchgeführt und sie unter den schrecklichsten Drangsalen erhalten, getröstet und gestärkt hat, bekannt gemacht werden ..... sie söhnen das oft genug gekränkte und betrübte Gemüt mit dem Schicksale aus, dessen bitteren Kelch Israel mehr als irgendeine Gesamtheit trinken muß". Weiterhin verlangt Jost, daß die jüdische Jugendschrift so vollkommen sei, auch hinsichtlich der Form und des künstlerischen Geschmacks, daß sie auch den Erwachsenen Genuß bereitet. Er glaubt, daß Kleins Museum „auch von Nicht-Israeliten mit Wohlgefallen und Anerkennung gelesen werde". Das Buch enthielt Parabeln, talmudische Legenden, poetische Erzählungen, religiöse Dichtungen, erbauliche Betrachtungen und Biographien. Versuche, die Kinder durch jährlich wiederkehrende Kalender zu erfreuen, sind auch weiterhin unternommen worden; so hat der jüdische Volksschriften-Verlag Frankfurt a. M., eine Reihe von Jahren zu billigem Preise den „jüdischen Jugendkalender" erscheinen lasten, und in neuester Zeit gibt unter Mitwirkung der Eroßloge U. O. B. B. in Berlin Dr. Emil Bernhard Cohn den „jüdischen Kinderkalender" heraus, der reichen Bildschmuck trägt. Der erste Jahrgang erschien 1928/29, ein zweiter ist soeben erschienen. (Inzwischen bereits ein dritter. Die Schriftleitung.) Josts obenerwähnte Ausführungen bewiesen, daß in der Entwicklung der jüdischen Jugendliteratur ein neuer Gesichtspunkt in Erscheinung trat: Das ästhetische Moment. Vis dahin war fast nur vom lehrhaften Zweck der Jugendschrift die Rede. Das Jugendbuch soll aber kein Lehrbuch sein. Kinder fühlen sehr bald die moralisierenden Absichten des Autors heraus, sie lehnen die Beeinflustung ab, zumindest greifen sie nie wieder nach dem Buche, desten Sentimentalitäten sie vielleicht einmal gefangen genommen haben. So sind die unzähligen Bände Campes (mit der einzigen Ausnahme des Robinson) heute ebenso vergessen, wie es ihre jüdischen Nachahmungen sind. Der Dichter Eduard Kulte. der Schilderer des mährischen Ghetto-Lebens, hat in einer Besprechung in den „Illustrierten Monatsheften" 1865—66 in temperamentvoller Weise Stellung zu der Frage genommen: „Die Iugendschrift hat dann ihre Berechtigung, wenn sie ein wirklich poetisches Gebilde, wenn ihr Verfaster wirklich Poet ist . . . Wer für die Jugend schreibt, muß ein großer Meister sein; wenn er auf die Jugend wirken will, so verberge er seinen Zweck, er liefere ein wirklich künstlerisches Gebilde und laste seine Prinzipien in der Darstellung aufgehen; aber er schreibe meisterhaft". ‘ Die Schwierigkeit des Problems wurde von vielen Seiten erkannt. Sie war in der Tat sehr groß. Aus der pädagogischen Praxis des Alltags hervorgegangen, konnte doch die Schule allein die Aufgabe der Hervorbringung geeigneten Lesestoffes nicht lösen; denn die Lehrer waren keine Dichter und die Dichter keine Lehrer. Mit Eifer und heißem Bemühen haben Männer wie Frey, Hause und viele andere jüdische Erzählungen für die Jugend verfaßt, in denen Frömmigkeit, Tugend und Wohltätigkeit gefeiert wurden. Viele berühmte Männer haben sich zur Frage der Jugendliteratur geäußert und ihre Bedeutung anerkannt. Moritz Lazarus hat gelegentlich einer Besprechung der Jugendschriften von Ferdinand Schmidt im „Deutschen Kunstblatt" gesagt: „Gute Jugendschriften gehören zum Schönsten und Besten, was die Literatur heroorzubringen vermag." Weiter heißt es dort: „Halte man nur die Kinder verschont von den läppischen Jugendschriften, welche nur ein diminutiver Abklatsch der Romane der Erwachsenen sind". Er betont ferner, daß die Jugendschrift dazu beitragen müste, den Schönheitssinn der Kinder zu wecken und zu befestigen. Unter den Männern, die sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit für Schaffung einer jüdischen Jugendliteratur einsetzen, ist auch Jüdische Schulzeitung..

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