Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 11 (14.11.1930)
- Date
- 1930-11-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer H Jüdische Schulzeitung. Seite 7 acrer Nilschlamm, dasselbe, das man heute noch zum Bauen verwendet-. Da es in llnterägypten keinen Ton gibt und auch dort bis jetzt keine Tonziegelbauten gefunden wurden, nehme ich an, das; Las Wort -,vn hier nichts anderes als Nilschlamm' bedeutet. Strohreste habe ich in Len Ziegeln nicht gefunden; natürlich, denn organische Stoffe verwesen. Die Ausgrabungen umfassen ein großes Gebiet, da reiht sich Gebäude an Gebäude, weiterhin sind Probestichc gemacht und weitere mächtige Mauerteile freigclcgt. Auffallend waren die unzähligen Tonscherben, die überall Zerstreut liegen. Hinter Pithom dehnt sich die Wüste aus. Ernsthafte Forscher behaupten, Latz in der Gegend des Suczkanals das Ende dieses Flusses einen großen See bildete, der nichts anderes war als das „Schilfmeer"; denn dann wird der Uebergang über das Meer erst verständlich, wäre unter tpo d’» das „Rote Meer" zu verstehen, so bleibt die Frage offen, welchen Zweck der Uebergang gehabt habe; außerdem wächst im Roten Meer ebensowenig Schilf als an den anderen Meeresufern, während es dort reichlich vorhanden ist. Die Dünenbildung steht dieser Ansicht nicht entgegen. Ist dem so, dann mutz der See mit dem Roten Meer in Verbindung gestanden haben, denn Salomo hatte dort seine Schiffswerft (Kön. I, Kap. 9 Vers 26). Ich ritt befriedigt weiter bis Abu Suwer, wo ich den Zug bestieg, dem Ziele entgegen, das schon seit vielen Jahren meine Sehnsucht war, nach Palästina. (Fortsetzung folgt.) Literarisches. Licht und Volk. Eine Lehrkantate. Text von Rabb. Dr. M. G rü ne w ald , Musik von Hugo Adler. Die Redaktion der „Lehrerzeitung" wünscht einige erklärende Worte über die Lehrkantate „Licht und Volk". Die Idee war ursprünglich eine Opposition gegen die alljährlich unter jedem Niveau 'stehenden „Chanulkah-Festspiele". Das sind nach meinen Erfahrungen, meist Stücke, die weder dem historischen Gedanken des Makkabäerfchicksals noch den künstlerischen Formen unserer Zeit gerecht werden. Demgegenüber haben die Verfasser der „Lehrkantate" die Gedanken der alten Zeit in neue, unsere Empfindungswelt berührende Formen gestellt. Bewegte Zeiten fordern bewegte Mittel. Grundlegend war wohl der pädagogische Ausdruck, doch tritt ein Werbegedanke, man konnte sagen ein Motiv der Propaganda für jüdisches Wesen, mit in den Vordergrund. Alle Mittel der Sprache und der musikalischen Kunst werden benutzt, um in einfachster Gestaltung die Bewegungen einer versunkenen Zeit uns nahe zu bringen. Sieben Teile, die keinen Anspruch auf historische Vollkommenheit machen wollen, sondern nur bildhafte Hintergründe geben, bauen das Werk auf. Nr. 1, „Aufruf der Jugend", die jene Greuel im Heiligtum nicht sehen mag. und in die Berge flieht. Nr. 2, ein „Zwiegespräch" Zwischen einer alten Frau (Hanna) und einem alten Manne (Elcasar), die sich von ihrem Leid erzählen. Während die Frau nur von ihren Kindern spricht, denkt der Mann an das Volk, dem solches Leid zustößt. Nr. 3, die Jugend steht in banger Nacht vor Entscheidungen, die Schäden der Zeit klingen hart an ihren Ohren, um sie zu festigen. Nr. 4, die andere Seite: Antiochus, ein König, der von Weltherrschaft träumt (in der Musik als „Scherzo" dargestellt). Nr. 5, ein „Neligionsgespräch" zwischen einem hellenisicrten Syrier und einem glaubenstreuen Juden über die grundlegende Frage aller Religionen: „Was ist das Glück?" Nr. 6, die Heimkehrenden sehen Jerusalem wieder. Nr. 7, das kleine Licht, im Tempel durch einen Zufall gefunden, spricht zu unserer Zeit, und unser Geschlecht antwortet ihm. Licht und Volk sind und bleiben „Kinder Seines Hauses, sie brennen, doch sie verbrennen nicht". Ein besonderes Wort muß zur Musik gesagt werden. Beim ersten Durchsetzen der Partitur haben manche den Eindruck, die Musik sei zu schwer; das ist nicht der Fall. Die Musik ist in einem zeitgemäßen, linearen Stile geschrieben. Unsere Kollegen! verwechseln dabei nur Ursache und' Wirkung. Man kann heute nicht mehr verlangen, daß ein derartiges Werk etwa mit der „Moos zur-Melodie" beginnen und enden soll, oder das; die Hatikwah darin „verarbeitet" sein müsse (von dem Deutschlandlied ganz abgesehen). Die musikalische Gestaltung gibt soviel Möglichkeiten der Ausführung, daß keiner über einzelne Härten zu stolpern braucht. Eine Ausführung des Werkes (es erscheint vorläufig im Selbstverlag bei H. Adler, Mannheim) dauert ungefähr zwei Stunden. Es mutz auch betont werden, daß das Stück kein ausgesprochenes „Chanukkah-Stück". sein soll, sondern zu jeder Gelegenheit, die eine festliche Darstellung fordert, mit der jüdische Gedanken in zeitgemäße Formen vorgetragen werden sollen, sich eignet. Es wird eine Zusammenarbeit von der jüngsten Jugend bis zum Erwachsenen verlangt und gewährt. Hugo Adler. Liepmann. Heinz: Die Hilflosen. Roman. Rütton & Löning, Frankfurt a. M. 1930. 297 S. Was geschieht? In Rußland, in ärmlicher Umgebung wächst Fedja Semjowsky als Sohn der Bäuerin Sofja und des Gutsherrn Khrillowitsch auf. Er weiß nicht, wer sein Vater ist, er nennt Nikolaj den Mann seiner Mutter, Vater. Das Rußland Tolstois ersteht vor uns mit seinen Bauern, seinen Soldaten, seinem Wodka, mit den Kosaken, den Herren und nicht zuletzt mit der reichen einsamen Schönheit seiner Wälder. Viele Hilflose wandern durch den ersten Teil des Buches. Hilflos sind alle, die gut sein möchten, aber in der Wirklichkeit, im Zusammenleben mit den andern hilflos bei der Ausführung der gewollten guten Taten werden. — Und Hilflose wandern 'durch den zweiten Teil des Buches, der im Deutschland der Nachkriegszeit, in den finsteren Vierteln Berlins und Hamburg spielt. Und „weil nur Verbrecher Lützen dürfen, was sie andere leiden machen", deshalb wird Fritz (Fedja) Semjowsky zum Verbrecher und stellt sich freiwillig der Butze, die über ihn verhängt wird. Es ist schwer, eine eingehende Charakteristik des Buches und der einzelnen Personen des Buches aufzuzeigen. Schwer, weil nur ein Mensch, der aus der Tiefe kommt oder in der Tiefe gelebt hat, mit der Psyche der Entrechteten vertraut sein kann. Schwer auch, weil es nur wenige gibt, die den russischen Menschen kennen und «ihn verstehen. Soviel sei gesagt, daß Liepmanns Buch mit Finks „Mich hungert", mit Agnes Smedleys Bekenntnisbuch zu erschütternden Dokumenten menschlichen Erlebens gehört, daß es sprachlich, um des Dichters Worte zu gebrauchen, klar und hart ist, ohne Sentimentalität, und dadurch übt es seine Wirkung aus, daß tiefstes Loid, schwerstes Unheil, Schönstes und Größtes gleich knapp und einfach gesagt wird. M. Josef Wohlgemuth: Das Tier und feine Wertung im alten Judentum. Frankfurt a. M. I. Kauffmann. 150 S. Broschiert 4 Jl. Die wertvolle Broschüre oiner der universellsten Kopfe des deutschen Judentums umreißen zwei Sätze des Vorwärts: „Menschen von tiefer ursprünglicher Religiosität sehen ihren Gott in allen Wundern der Schöpfung. Nicht nur wahre Humanität, auch echte Religiosität hat nicht zum geringen Teil ihre Wurzel in der rechten Einstellung zu den Tieren." Der Verfasser gliedert seinen Stoff in drei Kapitel. 1. Das Wesen des Tieres und seine Beurteilung durch das alte Judentum. 2. Das Leid der Tiere. 3. Einfühlung in das Empfinduungsleben der Tiere. In einem geschichtlichen kleberblick zeigt er die Wandlungen in der Beurteilung des Tieres von der Philosophie der Antike bis zur modernen Tierpsychologie. Der ursprünglichen „Natursichtigkeit" des Menschen folgt mit seiner fortschreitenden Kultur eine immer größere Entfremdung vom Tiere, die vom Christentum noch bewußt vertieft wird, und die jetzt mühsam wieder Beziehungen sucht. Die nun mit souveräner Stoffbeherrschung folgende Darstellung der Auffassung der Tiere in Bibel, Talmud und Midrasch zeigt das alte Judentum im Einklang mit den maßgebenden modernen Wissenschaftlern. Eine Menge interessanter Probleme, Tierloben, Strafbarkeit des Tieres, die Grenzen der Vivisektion, Vegetarianismus usw. werden behandelt. Auf eine Anzahl religionsgesetzlicher Bestimmungen. Verbot der Tierquälerei, Schächten, Bedecken des Blutes, Verbot des Genusses von Fleisch mit Milch fallen neue Lichtblicke. Das Tier erscheint mit religiösen Empfindungen ausgestattet und dient nicht nur dazu, die Beziehungen Israels zu Gott zu veranschaulichen (Lamm, Kalb, Wurm usw.), sondern wird selbst für die göttliche Attributenlehre verwendet. (Löwe, Adler, Taube.) Im Gegensatz zur deutschen Sprache — auch das ist sehr bezeichnend. — werden Schimpfwörter fast gar nicht dem Tierreiche entnommen. So zeigt die angesichts des derzeitigen antisemitischen Vorstoßes gegen das Schächten besonders aktuelle Broschüre, daß die liebevolle Wertung des Tieres uraltes jüdisches Erbgut ist. Wärmstens empfohlen. Emanuel Hei mann, Plauen. Constantin Brunner: Von den Pflichten der Juden und von den Pflichten des Staates. Gustav Kiepenheuer Verlag. Berlin 1930. Es gehören starke jüdische Nerven dazu, dieses Buch zu lesen, und noch stärkere, es objektiv zu würdigen. Brunner ist immer