Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 11 (14.11.1930)
- Date
- 1930-11-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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©eite 6 derart, daß es ihm gelingt, das bedeutsame symbolische und typische in einmaliger Konzeption ins Material zu gießen. Wie auf der einen Seite die Phantasiebegabung Bedeutsames and Kulturwichtiges schasst, so bringt ihre Übersteigerung Gefahren für die Einzelnen und die Gesamtheit. Fanatismus und Aberglaube, Wahn und GetzMkMYSkiuriMMg. Mit tziNsm Wort, irreleitende und irregeleitete Phantasie. Im Rahmen dieser Ausführungen soll ausschließlich die Plus-Seite der Phantasietätigkeii betrachtet werden und in besondere Beziehung zur Kunst des jungen Menschen gesetzt sein. Zunächst einige Worte über Kunst, Technik, Künstler und Kunstwerk. Das Kunstwerk ist der subjektive Ausdruck eines Erlebnisses mit zureichenden Mitteln. Der Künstler ist der Former dieses Werkes. Die Kunst selbst ist eine metaphysische Kraft, unsichtbar im Künstler ruhend. Der Geist jeder Epoche dokumentiert sich in ihren Kunstwerken. Wenn in der Gegenwart durch die gesamte Lebenshaltung ein Zug der Mechanisierung und Nationalisierung geht, so liegt der Grund dafür in dem riesigen -Anwachsen der Technik. Es ist möglich, daß ein Werk der Technik künstlerisch vollendet ist, ebensowenig kann ein Kunstwerk auf das Technische verzichten. Der wesentliche Unterschied zwischen Kunst und Technik scheint darin zu liegen, das; die Motive des Schaffens grundverschieden sind. Der wahre Künstler dient vor allem seiner Kunst. Die Technik ist immer an die Wirtschaft gebunden. Wenn man in die tiefsten Gründe künstlerischen Schaffens eindringen will, so führt der sicherste Weg über die eigene Produktivität. Da dieser Weg nur ganz wenigen Menschen möglich ist, begnügt sich die Mehrzahl mit dem Surrogat des Kunstgenusies. Zur Produktivität gehören gesteigerte Erlebnisfähigkoit, starker Ausdruckswille und zureichende Ausdrucksmittel, sowie Eeschmackskultur. Geschmack ist der Grad des Zusammenstimmens unseres Idealbildes mit der gegenwärtigen Wirklichkeit. Die Voraussetzung des Geschmacksurteils ist das dem Schöpfer vorschwebende Idealbild. 2e höher das Idealbild steht, um so verfeinerter ist der Geschmack. Das Milieu des schöpferischen Menschen bildet eine vorläufige Eeschmackshohe aus. die durch den kritischen Verstand und die künstlerische Schulung vergrößert werden kann. Wie die Kunst irrational ist, liegen auch die letzten Fragen des Geschmacks im Verborgenen. Wie aber das Schwebende im Kunstwerk Gestalt gewinnt, so zeigt auch die Betätigung des Geschmacks seine Kulturstufe an. Wenn wir uns nunmehr die Frage vorlegen, welchen Anteil die Phantasie am Kunstwerk hat. so müsien wir zunächst rein reproduzierende Kunst ausnehmen. Mit unserer Frage meinen wir lediglich kompositorische Kunst, also solche, die aus vorhandenen Elementen originelle Neuheiten baut. Der Anteil der Phantasie am Kunstwerk ist das entscheidendste Moment des ganzen Schöpfungsvorgangs. Mit der Phantasie entwirft der Künstler das Urbild seiner Schöpfung, alles weitere bleibt der Technik und dem Geschmack Vorbehalten. Wenn wir von einem Kunstwerk reden, so sehen wir vorläufig ganz von seiner Qualität ab und erkennen sein vornehmstes Kriterium in dem Grad der Erschütterung, der beim schaffenden Menschen vorausgegangen ist. Auf diese Weise ist es möglich, daß das Summen eines Liedes oder das Gekritzel eines Kindes, das sich zu einer Mitteilung gedrängt fühlt, Kunstwerke sind, zwar ohne zureichende Mittel, aber mit der unerläßlichen Voraussetzung dringendster Notwendigkeit. . t Aus den Kunsterziehungstagen in Dresden 1901 und Weimar 1903 wurden Erkenntnisse gewonnen, die die Grundlage auch heutiger Kuustfragen und ihrer Lösung geblieben sind. Den jungen Menschen soll. künstlerische Nahrung gegeben werden, man solle sie aber nicht damit überfüttern, noch weniger ihnen die Kunst durch Belehrung verleiden. Technik allein ist lehrbar, nicht aber die Kunst. Ausdrucks- und Aufnahmefähigkeit des Jugendlichen müsien planvoll entwickelt' werden, fein Eestal- Nunnner 11 tungstrieb — Spieltrieb — bedarf der Pflege. Bedeutende Pädagogen erkannten das Milieu als entscheidenden Kunsterzieher. Das Ziel der Kunsterziehung und der Höherführung des Eeschmacksurteils wird eine ganz neue Lebensrichtung sein. In fctfif ÜktttZM LvhöNshalktmg wird sich dis Einfachheit, die Ursprünglichkeit und die unbedingte Ehrlichkeit bemerkbar machen. Ein Mensch, der tatsächlich etwas vom Wesen der Kunst erkannt hat, und dessen Geschmackshöhe in ständigem Steigen begriffen ist, wird in seiner Umgebung nichts Ueberladenes dulden. Gips, der Marmor sein will, Ton als Porzellan herausgeputzt, Linoleum, das Gewebe vortäuschen soll, werden ihm ein Greuel sein. Alles Enge, Ueberladene, Unwahre wird er verbannen und die bewußte Schönheit in der Lebenshaltung wird ihm den Weg zn den tiefsten Quellen der Kunst erleichtern. Er kann die Klarheit, die beinahe anspruchslose Linie lieben, weil er Phantasie hat, denn dem wahrhaft künstlerischen Menschen wohnt schöpferische Phantasie in solchem Maße inne, daß er aus dem unbedeutendsten Nichts eine bunte Welt von Klängen und Tönen, Formen und Farben entstehen lasten kann. Das ist der.tiefste Zusammenhang zwischen Kunst und Phantasie. Don meiner Palästinareise Bon Otto Geismar. 1. Durch das Land Gosen. Von Eairo fuhr ich, reichlich mit Proviant versehen, bis zu dem kleinen Dorf Mah'fama (das h wird wie ein schwaches ch ausgesprochen), wo ich als Almani (Deutscher) sehr freundlich ausgenommen wurde. Andern Tags mietete ich einen Esel und ritt in der Richtung nach dem Suezkanal weiter. Vom Nil zweigt ein Arm ab, der nicht ins Mittelländische Meer mündet, sondern östlich fließt und in einem See in der Nähe des heutigen Suez endete; heute mündet er in den Suezkanal. Früher war .dieser Arm 1—2 Kilometer breit; das ist daran zu erkennen, daß die Dünenhügel rechts und links 10—100 Meter hoch in dieser Entfernung das Flußbett der ganzen Länge nach begleiten. Gegen den Suezkanal zu rücken die Dünenhügel immer mehr zurück, so daß das Tal breiter wird; schließlich verschwinden sie ln der Ferne. Das Flußbett selbst ist heute verschlammt und versandet, bloß in der Mitte ist oin fast stehendes, oft verschlammtes Master übriggeblieben. Doch schon etwa von der Mitte an haben die Engländer -es reguliert und bis .zum Suezkanal schiffbar gemacht. Dieser Fluß ist etwa 20—40 Meter breit und überall mit Schilf bestanden. Er ist es, der das Land Gosen bewässert, und in den die hebräischen Knaben geworfen werden sollten und in dem auch Moses gelegen haben soll. Es ist falsch, das Wort „irr'' mit „Nil" zu übersetzen. (2. Mos. Kap. 1. Vers 22 und Kap. 2. Vers 3.) Nach Gesenius ist es ein ägyptisches Wort und bedeutet „Fluß". Es ist also auch gar kein Widerspruch in den Angaben der Bibel; der entsteht nur, wenn man fälschlicherweise mit „Nil" übersetzte. Und wenn entgegnet wird, die Königstochter habe nicht da gewohnt, so verweise ich auf Prof. Grimme, der in „Sinai" behauptet, daß nur die Prinzessin Hatsepsut in Frage kommen könne, und von dieser sei nachgewiesen, daß sie ihren Vater nach Gosen begleitet habe. Die Verantwortung für diese Behauptung überlaste ich diesem Fachmann, der scheinbar unter den Gelehrten immer mehr Anhang gewinnt. Ich ritt also in der glühenden Sonne durch das Land, wo unsere Ahnen Sklavendienste' getan haben. Endlich kam ich nach Pithom. Iensoits des Dünenhügels ragen aus dem Sand die ausgegrabenen gewaltigen Eebäudereste ohne Fenster, mächtige Mauern aus Ziegeln, die etwa 15 Zentimeter breit und hoch sind. Die Tiefe der Steine war nicht zu erkennen, da das Innere der Gebäude nicht freigelegt ist. Das zu den Steinen verwendete Material ist weiter nichts als an der Luft getrock- Iüdische Schulzeitung.