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Jüdische Schulzeitung · 1930-10-13 · 10 (13.10.1930) · page 6

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
10 (13.10.1930)
Date
1930-10-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 schasMche Bekämpfung des Judentums und seines „Gesetzes" hat die gedankliche Einstellung der modernen christlichen Theologen indein Grade -beeinflußt, daß dasjenige, was ihnen bei der Betrachtung des Judentums zunächst in die Augen fiel, das Zeremonicrlgeseß, ihnen das Charakteristikum des Judentums zu sein schien. So ist ihnen der Begriff des Judentums als „Gesetzesreligion" entstanden uird dieser Begriff paßte deshalb in ihr Eedankengebäude, weil er bei der üblichen Einteilung der Religionen die Handhabe bot, das Judentum als „Eesetzesreligion" niedriger zu bewerten als die „Erlösungsreligion" des Christentums. (Vogelstein.) IV. Offenbarung. Eins nur, die Tatsache der Offenbarung, wo sie im Prophe- Lismus des Judentums zur Ausprägung gelangt ist, bildet den Ausgangspunkt der religiösen Wahrheit. Denn jede religiöse Wahrheit verdankt ihre Gewißheit der göttlichen Offenbarung, an die sie glaubt. Für diese göttliche Offenbarung aber ist das Wort bezeichnend, das Israel gleich bei der Verkündigung des Zehnwortes am Sinai zu Mose gesprochen: „Rede du mit uns, und wir. wollen hören, möge aber nicht Gott mit uns reden, sonst müssen wir sterben." Die Offenbarung ist daher nicht Gottes Wort schlechthin, sondern nur Gottes Wort im Munde des Propheten. Die Offenbarung bedient sich stets des Propheten, der das, was er in seinem Innern erschaut und erlebt, der Gemeinde „offenbart" und als äußeren Vorgang poetisch schildert, um seiner Verkündigung in den Herzen der Menschen die Empfänglichkeit zu sichern. Was der religiöse Genius des Propheten erschaut und verkündet, das bildet den Inhalt der Ncligion, der mit jeder neuen Verkündigung an Vielseitigkeit und Fülle gewinnt, ohne jemals zu einem eigentlichen Abschluß zu gelangen. Denn die Offenbarung hört mit den Propheten der heiligen Schrift nicht auf. Auch die großen Lehrer der Tradition waren religiöse Genien und auch ihre Aussprüche bereicherten den Lehrinhalt der jüdischen Religion und brachten ihre Institutionen immer wieder in Zusammenhang mit den Bedürfnissen des fortgeschrittenen Lebens. So war es, um nur das Wichtigste hervorzuhcben, eine bedeutsame Bereicherung für die Ethik des Judentums als Antigonos aus Socho den Ausspruch tat: „Seid nicht wie die Knechte, die dem Herrn dienen nur um des Lohnes willen, sondern wie jene, die ihrem Herrn dienen ohne Rücksicht auf den Lohn; die Ehrfurcht vor Gott allein walte in Euch." *) „Und ebenso bedeutend für den religiösen Kultus war der Ausspruch, mit dem Jochanan ben Sakkai nach der Zerstörung des jerusalemischen Tempels seinen klagenden Schüler wieder aufrichtete: Verzweifele nicht! Und bleibt eine Sühne, die so wirksam ist wie dos Opfer, nämlich dis Mildtätigkeit. Denn so heißt es (Hos. 6,6) „Liebe verlange ich und nicht Opfer!" Literarisches. Der französische Staat der Gegenwart. "Von Ernst von Hippel. Mit 16 Abbildungen. Breslau 1928. Ferdinand Hirt. 160 Seiten. Gebunden 3.60 Jl. Instruktiv und leidenschaftslos führt uns der Verfasser in das staatliche Leben unserer westlichen Nachbarn ein. Er weist darauf hin, daß er kein Idealbild zu bieten beabsichtige, sondern ..die Seele eines fremden Volkes vorführen" wolle, zu dem Deutschland einen Weg der Verständigung findenmüsse. Die französische Verfassungsurkunde mit ihren lakonisch gehaltenen 20 Grundgesetzen erweckt den Anschein, als ob sie nur vorläufig gewollt war. Und doch hat sie sich über 50 Jahre unverändert gehalten. Ohne Kämpfe ging das natürlich nicht, und manche monarchische Formen sind zurückgeblieben. So verdankt doch der Senat, das Gegengewicht der Kammer, sein Dasein dem Willen monarchischer Kreise. Individualistisch ist die Einstellung des Staatsbürgers zu seiner Partei, ein Nachklang *) Es soll hierdurch die Uneigennützigkeit bei der Ausübung göttlicher Gebote ausgesprochen werden. Der kategorische Imperativ Kants „Das Gute zu tun seiner selbst willen", spricht Antigonos aus Socho aus. Nummer 10 von Rousieaus Prinzipien, individualistisch auch die geschmeidige Ungebunoenheit des Parteiführers. 22 Parteigruvpcn werden genannt, deren verzwickte Unterschiede dem Durchschnirtsstaatsbürgrr unbekannt bleiben muffen. Zahlreiche andere wichtige Erscheinungen des französischen Staatslebens n. a. das Problem Elsaß-Lothringen, die Kolonien, werden eingehend in ihrer Bedeutung gewürdigt, die Gegenströmungen zu diesen Erscheinungsformen sind nicht vergessen. Und doch trägt alles den Stempel eines einheitlichen Staatswillens, den wir für unser Vaterland ersehnen. Die sachliche Art der Darstellung und die Uebersichtlichkeit des Stoffes sind lobenswert und sichern ihm weite Verbreitung. Studienrat Hugo Steinhardt. Der englische Staat der Gegenwart und das britische 'Weltreich. Von Otto Koellreutte r. Mit 28 Abbildungen. Breslau 1930, Ferdinand Hirt. 124 Seiten. Geb. 3.50 «,//.' Eine Abhandlung über das Wesen des englischen Staates, beonders von diesem Kenner englischer Verhältnisse, ist uns jetzt ehr willkommen. Beschäftigen wir uns doch in diesen Tagen, da das parlamentarische Staatssystem heftigen Angriffen aus« gesetzt ist, gern mit der Urheimat des Parlamentarismus, sei es auch nur, um Vergleiche zu ziehen zwischen dem Staatsleüen des gewaltigen, scheinbar im Uebersluß der Güter schwelgenden Imperiums und unserer schwer um ihr Dasein kämpfenden Republik. Der Weltkrieg hat auch im -staatlichen Leben- Englands Aenderungen gezeitigt, deren Auswirkungen wir heute noch nicht abfehen können. Die Zeiten des Merry Old England find vorbei. das von einer kleinen Herrenkaste begründete Kolonialreich weist heute Anzeichen des Zerfalls auf. Die Krone, schon lange ohne politische Machtbefugnisse, hat über den Weltkrieg hinaus ihre Position erhalten, in mancher Beziehung sogar verstärkt, sie hat vor allen Dingen den Kontakt mit dem Volke nicht verloren. — Recht lehrreich ist eine Tabelle, die das Aussteigen der Arbeiterpartei zeigt. Sie nötig: zu Vergleichen mit der Entwicklung unseres Parteifystems. Aufschlußreich sind auch die Abschnitte über die englische Verwaltung, die Rechtspflege, die Kirche, das Beamtentum; an keiner Stelle fehlen die Hinweise auf unsere Verhältnisse. Licht und Schatten auf beiden Seiten sind gleichmäßig verteilt, gar manche Erscheinungsform unseres Staatengobildes wird uns durch die Gegenüberstellung klar. Jedem, der englische Verhältnisse studieren will, hat dieser Band der „Jedermanns" Bücherei viel zu sagen. Studienrat Hugo Steinhardt. Liepmann. Heinz: Die Hilflosen. Roman. Frankfurt am Main. Ruetten L Loening. 1930. 297 S. Was geschieht? In Rußland, in ärmlicher Umgebung wächst Fedja Semiowskn als Sobn der Bäuerin Sofia und dos Gutsherrn Kprillowitsch auf. Er wein nicht, wer sein Vater ist: er nennt Nikolai, den Mann seiner Mutter, Vater. Das Rußland Tolstois ersteht vor uns mit seinen Bauern, seinen Soldaten, seinem Wodka, mit den Kosaken, den Herren und der reichen einsamen Schönheit seiner großen Wälder. Viele Hilflose wandern durch den ersten Teil des Buches. Hilflos sind alle, die gut sein möchten, aber in der Wirklichkeit, im Zusammenleben mit den andern hilflos in der Ausführung ihrer guten Werke werden. Und Hilflose wandern durch den zweiten Teil des Buches, der im Deutschland der Nachkriegszeit in den finstern Vierteln Berlins und Hamburgs spielt. Und „weil nur Verbrecher büßen dürfen, was sie andere leiden machen", deshalb wird Fritz (Fedja) Semjowsky. zum Dieb an seinem Brotherrn, einem gutmütigen alten Juden in Hamburg, deshalb wird er in Berlin bewußt zum Wegelagerer und stellt sich freiwillig der Buße, die ibm bestimmt ist. „ Es ist schwer, eine eingehende Charakteristik des Buches und seiner Menschen aufzuzeigen. Schwer, weil nur ein Mensch, der aus der Tiefe kommt oder in der Tiefe aelebt hat. mit der Psyche der Entrechteten vertraut sein kann. Schwer auch. weil es nur wenige unter uns gibt, die den russischen Menschen kennen und ihn verstehen. Soviel -sei gesagt, daß Liepmanns Buch mit dem an gleicher Stelle besprochenen ..Mich hungert" von Georg Fink, mit Agnes Smedleys Vekenntnisbuch jif erschütternden Dokumenten menschlichen Erlebens gehören. Um Lievmanns Worte zu gebrauchen, es ist sprachlich ..klar und hart", ohne Sentimentalität. tiefstes Leid, schwerstes Unheil, Schönstes und Größtes werden gleich knapp und einfach gefügt. M. Michael Fraenkel: Mar Ring, das Lebensbild eines oberschlesischen Dichters. Oppeln. 1930. Der rübrigen Feder des Breslauer Schriftstellers verdanken wir die festgefügte Skizze des schlesischen Dichters und Arztes Max Rina. Wir kennen alle aus unserer Jugend den Roman Rings: ..Berlin und Breslau." Gewiß, er ist heute überholt. Aber tiefe Heimatliebe spricht aus ihm. Und Liebe zur Heimat Jüdische' Schulzeitung.

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