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Jüdische Schulzeitung · 1930-10-13 · 10 (13.10.1930) · page 7

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
10 (13.10.1930)
Date
1930-10-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nummer 10 hat auch foem Verfasser der kleinen gediegenen Schrift die Hand geführt. Es sollten sich viele, Männer und Frauen, finden, Venen es Freude macht, ihre Heimat, fei es Ost oder West, in den Lebensbildern ihrer jüdischen Landsleute erstehen zu lassen. Für den Hinweis auf diesen Weg gebührt dem Verfasser besonderer Dank. Mk. Beitrag zum Zeichen- und K u n st u n t e r r i ch t. 1. Heft. Das Dorf im Winter. Ein Lehrgang von Gustav d e M a r t i n. Verlag: Unesma E. m. b. H., Leipzig. Das vorliegende 1. Heft zeigt uns, dag Diese Arbeit aus der Praxis für die Praxis entstanden ist. Es zeigt so recht, daß der Verfasser sich in die Kindesseele einlebt und so die Gedankenwelt seiner Schüler „aufbaucnd" verarbeitet. Er lägt <aus Papier, Draht und Streichholzschachteln durch Selbsttätigkcit der Schüler lebensvolle Unterrichtsmodelle erstehen, die dem Schüler beim Lernprozeß wesentlich helfen und ihm das Lernen erleichtern. Da merkt man lebenswahres Ersahen des Erlernten und erkennt. wie der Unterrichtsstoff vollständiger geistiger Besitz des Schülers wird. Der Versager unterrichtet an einer der Wiener Schulen, die in fortschrittlicher Weise dem Arbeitsunterricht neue Anregung geben und ihm neue Wege weisen. In Nr. 15 der „Blätter für Erziehung -und Unterricht" ist der Aussatz „Werkunterricht in der Religionsschule" veröffentlicht. „Das Dorf im Winter" Dürfte die Anregungen dieser Arbeit ergänzen. Wir sehen den weiteren Heften voller Erwartung entgegen. —e— Kreuz und quer durch die Welt. Friedrich Sie bürg: Gott in Frankreich? (Ein Versuch.) Rudolf K i r ch e r : Wie's die Engländer machen. Arthur Feiler: Das Experimentdes Bolschewismus. Katherine M a y o : Mutter Indien. Emil Lederer und Emy Lederer-Seidler : Japan- Europa. (Wandlungen im fernen Osten.) Kasimir Edschmid: Afrika nackt und angezogen. Sämtlich im Societäts-Verlag. Frankfurt a. M. Das ist kein Länderbuch eines Schnellzugrcporters, das ist die Frucht eines zehnjährigen Studiums, angetrieben von einer seltenen Liebe zum Objekt und von „verwandtschaftlicher Sympathie". Einzelzüge unseres großen Nachbarvolkes werden geschildert, ohne das; sich der Verfasser ins einzelne verliert, und im streng logischen Ausbau entsteht ein Bild von Frankreich. Es ersteht vor uns: Frankreichs kultureller und politischer Sicherheitsbegriss, sein Bürgertum, die geistige Geschlossenheit des Franzosen, die Kontinuität französischen Seins — von Sieburg geschaut und erklärt von Jean d'Arc her, die zivilisatorische Exklusivität, die Souveränität und Autonomie, ja die „Herrschsucht" der Sprache. Auch weniger erhabene Erscheinungen wie der Rentenkapitalismus Frankreichs, wie der ganze bürgerliche Sparsinn, sie finden ihre Deutung. Von der Wortkunst des Franzosen hat Sieburg einen guten Teil mitbekommen. Aber ein scharfer Intellekt verhindert — zum Glück Sieburgs und zum Genuß des Lesers —, daß der Verfasser jemals sich dem Wort ausliesert. Immer dominiert der formende Gedanke. Ich glaube, daß dieses Buch zu dem Bedeutendsten gehört, was je über ein Land als Eesamterscheinung geschrieben wurde. Und wie mir scheint: Eine-Mustervorlage für Schreibende. Rudolf Kircher, gleich Sieburg Korrespondent der „Frankfurter Zeitung", besitzt nicht die sprachliche und denkerische Eleganz seines Kollegen und jetzigen Nachfolgers. Aber die größere Kühle mag auch an der gänzlich anderen Temperatur seines Objektes — England — liegen. Zudem ist es nicht eine Gesamtschau wie Sieburgs Frankreich-Buch und dadurch gezwungen, tausend Einzelheiten auszureihen, die sich schwerer zum Bilde runden. Und Englands Wesen ist schwer festzuhalten, - weil es sich im dauernden Fließen befindet. In der Hauptsache behandelt Kircher den demokratischen Grundzug Englands. Wenn Sieburgs Werk eine Mustervorlage für Schreibende ist, so darf Kirchers Buch — es ist übrigens sein drittes Englandbuch — ein politisches Lehrbuch für Deutsche genannt werden. Unter diesem Gesichtswinkel ist es wohl auch geschrieben. Bescheiden tritt der Verfasser hinter sein Objekt zurück, ohne deshalb mit dem erklärenden Urteil zu sparen. Jeder, der sich mit der Kunst des Zusammenlebens befaßt — das ist - ja Demokratie im weitesten Sinne —, soll dieses Buch lesen. Und er soll es mehrmals lesen. Arthur Feiler, ein theoretischer Kopf, hat drei Monate lang Rußcand bereist. Eine gründliche Vorbereitung ging der Reise voran, das steht nirgends und doch überall geschrieben. Feiler ist kein leicht beweglicher Jasager, aber er steht ln Staunen und Seite 7 Respekt vor dem gewaltigen Experiment, das sich in Rußland abspielt. Die Anlage des Buches gleicht dem Kircherschen Werke. Feilers Sinn war augenscheinlich ganz aus präzise Schau und Beschreibung eingestellt. Darum hebt sich dieses Buch vorteilhaft ab von der Masse der Nußlandbücher, die meist nur zweierlei Tonarten kennen: Hosianna — Kruzifixe! Das Buch eines fehöndon und siihlenden Rntionnlökonomen! Was mir besonders gefällt, das ist die vornehme Haltung und dte ruhige Tonart, Die -auf keiner Seite des Buches ausgegeben werden. Ein Bericht, der dem Leser nicht das Urteil ver>perrt. Der Inhalt kann nicht in ein paar Sätze zufammengefaßt werden. Indien. Von Romantik ist aber nichts zu sehen. Das kommt daher, weil Miß Mayo sich nicht den indischen Himmel und die Dschungeln, sondern den indischen Menschen und Indiens soziale und religiöse Zustände angeschaut hat. Hunderte von Dokumenten reihen sich zu einem Qxaucnl)ajten Bild. Indien läuft Sturm gegen dieses Buch. Mag sein; das Ganze ist nicht die Summe seiner Teile . . . Aber wenn die Halste der Berichte dieses Buches zutrifft, so ist Miß Maya schon im Recht. Durch die Sardan-Bill ist zwar seit April d. 2. die Kinderehe ausgehoben, d. h. die Verheiratung von Mädchen unter 14 Jahren, es bleibt noch ungeheuer viel Schatten, viel Elend. Die Antworten von Ghandi, Tagore, Mukerji überzeugen nicht vom Gegenteil. Die Unterdrückung der Frau, die Herrschaft der Brahmanen, die Unhygiene indischen Lebens, diese Dinge sind nicht wegzuleugnen. Der Pcstherd Indien ist auch ein sozialer Pestherd. Die indischen Führer mögen durch Taten des Fortschrittes, nicht durch Pilpulistik gegen das Buch demonstrieren. Mag das Buch von Härten und Uebertreibungen nicht frei sein, immer ergibt sich ein gerütteltes Maß, voll von Leiden und Unzulänglichkeiten. Allen ästhetisierenden Jndienschwärmern sei dieses Buch empfohlen. Zur Ernüchterung nämlich. Aston ist kulturell kein Sammelbegriff. Manschlägt nach dem Jndienbuch das Japanbuch Lederers auf und ist in einer anderen Welt, der Ueberkultur, der Formenhaftigkeit, der sieghaften — oder tragischen? — Kontinuität. Wie in einem Panoptikum schweben die Bilder vorüber. Anmutig, interessant. Riesenkapitel erschweren allerdings das Lesen. Der Stil wird manchmal gelehrtenhast. Doch die Liebe und der Ernst der Schreibenden halten den Leser immer fest. Die irdische Religiosität des Japaners, das lapanische Christentum, das Durcheinanderftießen verschiedener Kulte, dann das Schriftbewußtsoin des Japaners im Gegensatz zu unserem Sprachbewußtsein, die metaphorische Natur seiner Sprache, die Verwandtheit seiner Kultur mit China, die gruppenhafte Existenz des Japaners, die Schönheit seines Landes, aber auch sein gewaltiger Zusammenstoß mit der Modernen sind das Elend seiner Proletarierviertel; alles wird gewürdigt. Gute Bilder ergänzen den Text in vorzüglicher Weise. Einer ernsten Leserschaft kann auch dieses Buch empfohlen werden. Die Backfische haben die Superlative gewisser Art etwas stark verbraucht und in Mißkredit gebracht. Aber hier bei diesem Buch mutz man schon sagen: es ist entzückend schön. Das Lesen ist ein Genuß. Eine lecke aber sichere Hand streift flugs über einen Erdteil hinweg und greift blitzschnell und doch ti'es hinein in schwerste politische und rassische Problematik. Politische Geographie des schwarzen Erdteils wird so aus angenehmste Weise gelehrt. Edschmid ist ja als Reifeschriftsietter kein Unbekannter meyr, aber diese Leistung ist — ja, sie ist cs tatsächlich — grandios. Mit ein paar Pinselstrichen den kulturellen Hintergrund und Wandel der Südafrikanischen Union darstellen, das ist, meine ich, eine Leistung. Gelegentlich macht sich eine sprachliche Nonchalance bemerkbar. Doch es ist die Lässigkeit des Könners und wir wollen sie werter nicht tragisch nehmen. Dafür werden wir durch viele kolonialpolitischen Kurzlektionen entschädigt. Erna Pinners Zeichnungen und Photographien bereicherndas Buch. Wer schwere Probleme in leichtester Form dargestellt losen will, der muß dieses Buch kaufen, das weit mehr ist als nur ein Neisebuch. Es ist schwer, sich von dem Buch zu trennen. Es ist voll natürlicher Spannung und hoch aktuell. I s s i B a y e r - B i n g e u. Das Buch Jefchajabu. Verdeutscht von Martin Vuber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Lambert Schneider, Berlin. Mit tiefer Wehmut werden gewiß alle Leser des großen Vibelwerkes, das zwei Große in Israel bis jetzt gemeinschaftlich bearbeitet haben, den vorliegenden Band in die Hände nehmen: Franz Rosenzweig hat ihn zwar noch beginnen Helsen, hat ledoch sein Ende nicht mehr erlebt. Aber sein Geist lebt auch in dem Teile, den er nicht mehr hat bearbeiten können, weiter, Jüdische Schulzeitung.

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