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Jüdische Schulzeitung · 1930-10-13 · 10 (13.10.1930) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
10 (13.10.1930)
Date
1930-10-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Jüdische Schulzeitung. Seite 5 Nummer 10^ durch Freunds Luch zieht diese Gcdanklichkeit wie ein goldener Faden, um int Schlußkapitel auszuklingen in einem Hohelied auf die religiöse Mystik. Sicher ist: Freund zeigt hier einen Weg auf, den die Jugend mitgehcn wird. Nur must uns Freund noch verraten, welche Art von Mystik er meint, denn mystisches ErleLcn ist, wie seine Geschichte beweist, durchaus kein einheitlicher Begriff. Alles in allem: ein dankenswertes Buch, wenn der nichtoricntierte Leser -zugleich Veranlassung nimmt, die Probleme philosophischen Denkens an den Quellen zu studieren; dankenswert auch für den Schulphilosophen, da er gezwungen wird, über seinen „Standpunkt" nachzudenken. Notizen zrrm jüdischen Religionsunterricht. Zusammcngestellt von Siegfried Moses, Religionslehrer i. R. (Schluß.) II. Hasset eure Feinde? lEine literarische Erinnerung von Dr. Paul Ri eg er.) Am Vusttag des Jahres 1769 kam es zwischen dem Hauptpastor Eoeze zu St. Catherinen in Hamburg und dem Diakonus Julius Gustav Alberti zum Bruch: Alberti hatte in dem vorgeschriebcnen Buhtagsgebet die Worte aus Psalm 79,6 „Herr, schütte Deinen Grimm aus auf die Heiden, die Dich nicht kennen, und auf die Königreiche, die Deinen Namen nicht anrufen" ausgelassen. Gegen diese Eigenmächtigkeit wandte sich Eoeze in einer Streitschrift. Gerade damals hatte der Kampf Eoezes mit den „Aufgeklärten" seinen Höhepunkt erreicht. Aber auffallcnderweise nahm Lossing -in diesem Streit für Goeze Partei. Alberti, der mit Lessing freundschaftlich verkehrte, war entrüstet und wies ihn auf Christus, der sagte: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst." Da schrieb Lessing: „Eine Predigt über zwei Texte, über Psalm 79,6: „Schütte Deinen Grimm aus auf die Heiden . . ." und über Matthäus 22,39: „Du sollst Deinen Nächsten lieben . . ." von Yorick. Aus dein Englischen übersetzt." Friedrich Nicolai erzählt in der „Berlinischen Monatsschrift" (Berlin 1791), das; er die Handschrift der Rede zweimal „mit unbeschreiblichem Vergnügen" Lurchgelesen habe. Lessing hatte sie Yorick, oder wie er eigentlich hieß Lawrence Sterne, den: englischen Geistlichen, in den Mund gelegt. Nivolai versichert, daß Lessings Rede Yoricks Art auf das glücklichste nachahmte. Die Predigt ist leider verloren. Nur die Einleitung, eben eine Rede in Yoricks Art, ist uns durch Nicolai erhalten. „Der Oberst Shandy ging eines Tages mit seinem getreuen Trim spazieren. Sie fanden am Wege einen mageren Menschen in einer zerlumpten französischen Uniform, der sich auf eine Krücke stützte, weil ein Fuß verstümmelt war. Er nahm stillschweigend mit niedergeschlagenen Augen den Hut ab, aber sein kummervoller Blick sprach für ihn. Der Oberst gab ihm einige Schillinge, ungezählt, wie viel; Trim zog einen Penny aus der Tasche und sagte, indem er denselben gab: „Frend: dog (Französischer Hund)!" Der Oberst schwieg einige Sekunden und sagte darauf, sich gegen Trim kehrend: „Trim, es ist ein Mensch und nicht ein Hund!" Der französische Invalide war ihnen nachgehinkt. Auf des Obersten Rede gab Trim noch einen Penny und sagt abermals: „Frend: dog!“ „Und, Trim, dieser Mensch ist ein Soldat!" Trim sah ihm starr ins Gesicht, gab wieder einen Penny und sagte: „Frend: dog!“ „Und, Trim, er ist ein tapferer Soldat; Du siehst, er hat für sein Vaterland gefachten und ist schwer verwundet worden." Trim drückte ihm die Hand, indem er ihm nochmals einen Penny gab und sagte: „Freud: dog!“ „Und, Trim, dieser Soldat ist ein guter und ein unglücklicher Ehemann, hat eine Frau und vier -unerzogene Kinder." Trim, eine Träne im Auge, gab alles, was er noch in der Tasche hatte, und sagte etwas leise: „Freud: dog!" Als der Oberst nach Hause kam, sprach er mit Yorick über diesen Vorfall. Yorick sagte: „Es ist klar: Trim hasset die ganze Nation, welche seinem Vaterlande feindselig ist; aber er kann jedes Individuum aus derselben lieben, wenn es Liebe verdient." Dies gab Gelegenheit, daß Yorick die folgende Predigt hielt. Nicolai erinnert daran, daß sich Swift in einem Briefe an Pope ähnlich wie hier Lcssing geäußert: „Ich habe immer Völkerschaften, Berufe, Gemeinden gehaßt; aber meine Liebe geht auf die Einzelmenschen. Ich haste z. V. die Zunft der Juristen, aber ich liebe den Rat N. N., den Richter N. N. usw." Der Streit der beiden Pastoren und ihrer Anhänger wurde so heftig, daß sich Eoeze entschloß, sein seit zehn Jahren geführtes Seniorat am 15. August 1770 niederzulegen (Brief Lessings vom 20. September 1770). Am 19. Dezember 1771 ward das Vußgebet allerdings abgeändert, der Psalmenvers aber blieb in ihm stehen! In seiner neunten Satire geißelt Stolberg (Jamben. Leipzig .1784) die schlechten Prediger seiger Zeit und wendet sich dann gegen Goeze: „Wie strömt's ihm von der Quelle, wenn er fleht: Herr, schütte aus die Heiden Deinen Grimm, Und auf die Nationen, welche Dich nicht kennen." Stolberg sprach in diesen Zeilen das aus, was sicher die Mehrzahl der „Aufgeklärten" damals über Eoeze und feine Stellung zu dem Bußtagsgebet dachte. Um so höher ist deshalb Lessings Stellungnahme als ein Zeugnis für seinen Gerechtigkeitssinn und sein Verständnis des Vibelgeistes zu bewerten. Gerade heute aber -ist feine Erzählung und ihre Nutzanwendung überaus bedeutsam und für nur zu viele eine ernste Belehrung, daß der Haß gegen feindliche Völker sittlich und religiös berechtigt, und mit echter Nächstenliebe durchaus vereinbar ist. Israel Leoy liest am Sederabend statt Psalm 79,6 (Jer. 10,25) sch'fauch chamoß'cho die Worte Jes. II, 1—4. XII. Gesetz. Andersartig war die Entwicklung in den hellenistischen Ländern, ganz besonders in Aegypten, wo der Begriff des Nomos (Gesetz) innerhalb des Judentums entstanden ist. Von hier stammt — literarisch zum ersten Male feststellbar in der Septuaginta, der griechischen Bibelübersetzung — die Wiedergabe der hebräischen Thora — eigentlich Weisung und sodann Lehre — durch Nomos (Gesetz). Man muß wissen, welche geradezu göttliche Verehrung der Nomos im Hellenismus genoß, wie alles sich ihm beugte, so sehr die Kraftmenschen des Hellenismus sich in der Praxis auch über ihn hinwegsctzten, um zu verstehen, was jene griechischen Vibelübersetzer veranlaßte, die von Gott offenbarte Thora nicht Didache (Lehre), sondern als Nomos (Gesetz) zu bezeichnen. Nicht auf eine Stufe mit den wechselnden Lehrmeinungen der Philosophie wollten sie die gottentstammte Thora gestellt wissen, sondern ihre ewige Geltung von vornherein kennzeichnen. Denn ist die griechische Bibelübersetzung auch in erster Reihe aus dem Bedürfnis des hellenistischen Judentums entstanden, so ist doch die Nebenabsicht gewesen, das Judentum und die jüdische Lehre auch den heidnischen Griechen imponiereitd darzustellen. Und selbst ohne diese Absicht ist die Ueüertragung Nomos aus der Gcsamtanschauung des hellenistischen Judentums heraus erklärlich. Denn unwillkürlich standen diese Juden unter dem bestimmenden Einfluß der griechischen Kultur. Der Apostel Paulus ist ein hellenistischer.Jude aus dem kilikischen Tarsus gewesen. Für ihn war Thora Nomos, und ihm war nach feiner Bekehrung Jesus der Befreier vom Nomos (Matth. 5,17—19). Aber der Antinonismus des Paulus richtet sich nicht etwa allein gegen das religiöse Zeremonialgesetz, sondern er bedeutet konsequent durchgeführt, auch die Auflehnung gegen die absolute Geltung des Sittengesetzes. Alles wird der Freiheit der „Kinder Gottes" anheimgestellt. Paulus' leiden-

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