Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 10 (13.10.1930)
- Date
- 1930-10-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 neuen Werdenden. Und wenn es richtig ist, dag die religiöse Kraft eine dem Menschen notwendig mitgegebene Wesenseigenliimlichkeit ist, ohne deren Dasein der Begriff „Mensch" gar nicht bestehe; wenn es weiter zutrifft, dag spezifisch jüdische Religiosität für die Ewigkeit geboren ist, und immer wieder siegreich durchbrechen wird, so darf trotz aller Miseren von Durchgangs» erscheinungen, trotz auch einer modernen wissenschaftlichen Auffassung, das; die Religion eine Illusion ohne Zukunft sei, der Glaube an eben diese Zukunft uns zuversichtlich stimmen und unsantreiben, weiterhin tapfer Hand ans Werk zu legen und unsere Erzieheraufgabe mit dem Eifer und mit der optimistischen Haltung zu erfüllen, mit denen allein der Erzieher vor der Jugend bestehen kann. Dr. Ludwig Vreund: „AM Ende der Philosophie". Ein kritisches Wort an die Zeit und ihre Philosophen. Von Alfred Eordon, Harburg-E. Dieses Buch des kenntnisreichen, philosophisch tief schürfenden, die stilistische Form meisterhaft handhabenden Syndikus des C. V. in München lägt uns aufhorchen. Hier liegt ein Werk vor, das den so spröden philosophischen Stoff so darzubieten versteht, daß auch der Nichtphilosoph ihm zu folgen vermag; der glänzend disponierte, geradezu architektonische Aufbau hält den Leser fast in Spannung, besonders den Leser, den philosophische Probleme gewissermaßen nur in Mußestunden beschäftigen. Zu diesen gehören im großen und ganzen wir jüdischen Lehrer, die wir aus der alten Seminarbildung 'hervorgegangen sind, welche uns — wcnns hoch kam — ein klein wenig nippen ließ an dem Quell philosophischer Denkarbeit. Wer so unbelastet mit Schulbegriffen an Freunds Buch herangeht, wird sicherlich in den Bann der Erundanschauungen des Verfassers geschlagen. Mau liest es in einem Zug voller Anteilnahme von Kapitel zu Kapitel, merkt mit intellektuellem Genuß, wie der Verfasser fein Subjekt — die Philosophie — der täuschenden Hüllen beraubt, sich immer mehr und dringlicher fragend: was bleibt denn nun an Gewißheit, an festem Bestand? Oder: ist Philosophie ein Phantasiegebilde, eine intellektuelle Seifenblase? Die alte »Methode der erbarmungslosen Skepsis ist das Mittel, das diese Enthüllungskünste vollbringt. Am Ende steht der Leser vor dem Resultat, zu wisien, daß wir nichts wissen, dem Mutterboden von „Glauben" und Mystik. Nun ist es nicht so, daß diese beiden erst dann für uns anfangen Wert und Sinn zu erhalten, wenn wir am „Ende der Philosophie" standen. Religion in allen ihren Erscheinungsformen ist eine andere Sicht des Lebens und seiner Rätsel, als Philosophie und würden ihren inneren Wert auch dann behalten, wenn uns der Rationalismus alle Fragen des Daseins restlos beantworten könnte. Letzterer löscht wahres Glauben so wenig aus, wie er das schönheitstrunkene Gefühl entthronen kann. Wie es dem philosophisch ungeschulten Leser ergeht, so wird es vor allem auch der Jugend ergehen, wenn sie zu diesem Buch greift: cs gibt kein Entrinnen vor der erbarmungslos zugreifenden Art, mit der der Verfasser die Probleme des Begriffs, der Dialektik, der Ethik, der Wert- und Eeltungstheorien zu zerpflücken versteht. Aber auch derjenige, der durch die strenge Schule philosophischen Denkens gegangen ist, dom Namen, mit welchen Freund operiert, nicht nur Namen, sondern auch Inhalte sind, wer seinen Kant kennt, in Hegel gearbeitet hat, wer den Neukantizismus studiert, in die Werke Husserls und Heideckers mehr als einen Blick geworfen hat, wird von dem Buche Freunds mit dankbarem Interesse scheiden. Zwar kennen wir aus der Geschichte der Philosophie den radikalen Zweifel als ein methodisches Mittel, das immer dann angewendet wird, wenn eine gewisse methodische Sättigung der Prinzipienlehre eingetreten ist; auch Nummer 10 die Flucht in die Mystik ist kein philosophisches Novum — schon Berkeley war ihr verfallen; auch die neueren Methodiker und Systematiker bekommen vor dieser Vokabel keine Gänseham mehr — wie etwa Kant und Cohen. So hat der Cohenschüler Görland z. B. ein recht gutes Verhältnis zu Eckehardt und Tnuler (siehe dessen Ntzligionsphilosopbie. 1N3L). Aber der Leser der philosophischen Schule folgt dem Verfasser doch mit kritischem Vorbehalt. Hierzu einige Beispiele: Auch der kritische Idealismus ist sich der Brüchigkeit und Unvollkommenheit des menschlichen Urteils bewußt. Er behauptet keineswegs, den Stein der Weisen gefunden, ausgegraben und der Welt geschenkt zu haben. Im Gegenteil: der so oft erhobene Vorwurf des Panmethodismus ist nichts anderes, als die ewige Forderung ewiger Korrektur der Urteilsformen an den Seinsformen. Prof. Ernst Cafsirer hat daher den Funktionsbegriff eingeführt, dem das Moment der Relation und Korrelation anhaftet, ein Gedanke, der schon sehr früh auch bei Eörland auftauchte. Diese Forderungen treffen aber nicht nur für die sog. Geisteswissenschaften zu; die Philosophie hat sich immer zu orientieren an den empirischen Wissenschaften. Wie hat sich doch hier das Bild verändert: von der Physik eines Newton, die noch der Kritik der reinen Vernunft zugrunde lag, bis hinein in die Quantentheorie Planks und die Feldtheorie Einsteins! Wie ist z. B. doch das scheinbar so fest gefügte Gebäude der Kausalität dabei ins Wanken gekommen, daß in ernsthaften philosophischen Kreisen der Gedanke auftauchte, an die Stelle der Kausalität die Statistik zu setzen. Der kritische Idealismus ist also nicht stehengeblieben, sondern weitergegangen. Auch die Mathematik hat ihren fortschreitenden Einfluß geltend gemacht. Die Philosophie hat Lobaschewsky, Riemann und Carnap nicht ignoriert. Auch die ethischen Begriffe haben sich diesem gesetzlichen Verlauf nicht entziehen können. Die Schulethik Kants ist unterhöhlt und neue Begriffe von „Geltung" und „Wert" sind im Entstehen. Aber wir tragen doch Bedenken, etwa den Satz zu proklamieren, daß es keinerlei Gewißheit gebe. Sicher: jede „Gewißheit", z. B. die eines juristischen Urteils trägt in sich Fehlerquellen. Wie soll jedoch das Recht gesprochen werden, wenn man fordert, daß in ihm alle Fehlerquellen beseitigt sein müssen? Dieses Recht wäre göttlichen Ursprungs; menschliche Beschränkung bleibt auch hier ewig in der Forderung m ö g l i ch st vollkommener Annäherung an das ungebrochene Recht. Aehnlich liegen «die Dinge auch im Ethischen. Das ist der besondere Wert der Freundschen Arbeit, daß sie unbarmherzig und rücksichtslos die letzten Urquellen aufdeckt, die letzten Wahrheitskonsequenzen zieht, daß sie auch dem, der im Banne einer philosophischen Schule steht, das Wahrzeichen aufrichtet, nicht stehen zu bleiben, nicht zu rasten und nicht zu rosten. Mit keinem Wort ist bei Freund von Judentum die Rede. Und dennoch: „Am Ende der Philosophie" ist ein jüdisches Buch. Der nimmer ruhende Geist der Propheten, der rücksichtslose Idealismus jüdischer Frömmigkeit weht durch dieses Werk. Freunds „Am Ende der Philosophie" ist ein deutsches Buch, denn es atmet deutsche Gründlichkeit, ist geschult — sowohl wissenschaftlich als auch formal — an den besten Köpfen deutscher Geistesarbeit. Freunds „Am Ende der Philosophie" ist ein jugendliches Buch, denn unter der Schicht der Niedergerissenen, der kritisch Bloßgelegten dringt ein Sehnen und Hoffen ans Licht, das Einheit über allem Mannigfaltigen will. Seit Descartes ist die Welt der Denkenden und Forschenden unheilvoll gespalten in die Sphäre der Natur und des Geistes, der Empirie und der Intuition. Das geschlossene, einheitliche Gebilde mittelalterlicher Weltanschauung ist endgültig zertrümmert. Durch unsere Zeit, durch unsere Jugend im besonderen geht ein Sehnen, die feindlichen Brüder Geist und Materie zurückzuführen in den gemeinsamen Mutterschoß. Und auch Jüdische Schulzeitung.