Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 10 (13.10.1930)
- Date
- 1930-10-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Schulzeitung. Nunn:wr 10 nicht gewaltsam in den Bereich des Erfahrbaren zu zwingen, sondern man greift mit der Freude ungebrochener Kraft hinein r,ry jäliae Leben, macht sich, wenn das Wort mittelalterlicher Mystiker erlaubt ist. den „Genuß-Gottes" im Irdischen zu eigen und warte: zu, ob "nicht am Ende dem Furioso der Symphonie, die zuweilen in grandioser Fülle der Akkorde, zuweilen freilich auch in schrillen Dissonanzen an unser lauschend Ohr dringt, das sanft getragene Adagio des Wiedervereintseins mit dem himmlischen Gott folgen werde. Wir Erzieher aber sehen uns angesichts dieser Fragwürdigkeit unseres Zeitalters vor eine Aufgabe gestellt, zu deren Lösung es geradezu prophetischer Kraft bedürfte. Wir stehen einer Jugend gegenüber, die nicht unberührt geblieben ist vom Geist der Zeit, und die besonders stark aufgewühlt wurde von den Stürmen unserer Tage. Sie hat sich voller Inbrunst dem Strudel anvcrtraut, der das Leben dahinträgt, nimmt regen Anteil an allem, was die Welt bewegt und weiß sich erfüllt von der Hoffnung, den rechten Weg aus eigner Kraft zu finden. Wir - sollen diese Jugend zu religiösen Menschen erziehen, sie hinführen zu den Quellen, aus denen erquickende Wasser in die gesamte Kulturmcnschheit fluteten. Wir sollen vor ihre Augen die Gestalten gotttrunkcner Vorfahren hinftellen, damit sich an deren Kraft die ihre entzünde. Wir sollen die in ihr schlummernden religiösen Grundkräfte erwecken und sie gum tragenden Lebenselement werden lassen. Und uns blickt doch auch aus ihrer Mitte die Ablehnung entgegen, die wie eine ansteckende Krankheit von den Erwachsenen zu ihnen übersprang. Wir sollen die Jugend zu Gott hinführen, dorthin, wo sie ihn gar nicht findet, und wir selber, ja wir selber gehen umher, um ihn erst für uns w'rederzufinden. Wir sollen sie die Sprache unseres Kultus lehren, ihnen diesen Kult selber zur lieben Gewohnheit werden lassen in seiner tiefen Symbolik, und sie lehnt den Gottesdienst ab und wandert in glückhafter Unbekümmertheit durch die schöne Welt, um Gott in der Natur zu erleben. Wir sollen einem Glaubensgut Eingang verschaffen, das viele Generationen beglückte, aber man begegnet ihm mit eisiger Kälte und herber Skepsis. Wer unter uns fühlte nicht die Diskrepanz zwischen der Forderung, die jüngst in unbegreiflicher Verkennung der Gegebenheiten unserer Zeit ein jüdischer Theologe in diesem Blatt 0 ausgestellt hat, indem er meinte, die Varmizwoh- Vorbereitung müsie sö ausgestaltet werden, daß einerseits der .Knabe mit den Grundlehren unserer Religion so vertraut sei, das; er sich von ihrer Wahrheit und Veseligungskraft durchdrungen fühle; daß er andererseits an heiliger Stelle bekunde, daß er mit den wichtigsten Erundlehren und hauptsächlichsten Forderungen unserer Religion vertraut sei. Als ob die Jugend aus Automatismen bestünde, die man nur in Bewegung zu setzen brauche, um den Erfolg verbürgt zu wissen' Nein, so leicht geht cs denn doch nicht, und es war eine gute, kluge Antwort, die dem Manne in unferm Fachorgan gegeben wurde. =) Was wir an Vielfalt von Aufgaben vor uns finden, das alles soll sich vollziehen in einer Atmosphäre, in der spezifisch Jüdisches geradezu erdrückt wird von der Fülle allgemeiner Kulturgüter, in deren Bannkreis auch die jüdische Jugend lebenücfcucr^den Antrieb findet. Man stelle sich ganz nüchtern vor, wie das tagtäglich von allen Seiten hereinströmt in Herz und Hirn unserer Kinder, an Geistes- und Eemütswerten erlesener Art, aber ohne Beziehung zu jüdischen Gehalten, und man wird ermessen, vor welche Riesenaufgabe der jüdische Lehrer sich gestellt sieht, welch ein Maß von Optimismus und Ausdauer dazu gehört, nicht zu verzweifeln an der Möglichkeit, irgend etwas Ersprießliches erreichen zu können. Man denke auch daran, J) Nabb. Dr. Nosenberg in Nr. 12 und 13. -') A. Eordon in Nr. 18. Seite J) daß, abgesehen ganz von den Widerständen in der Jugend selbst, der Erfolg unserer Arbeit nicht allein von unferm pädagogischen Geschick abhängt, sondern in erster Linie von der Wertschätzung, die die Umwelt dem Religionsunterricht entgegenüringt, und daß diese wieder abhängt von der Stellung zur Religion überhaupt. Sofern starke Verbundenheit zu religiösen Lebensformen und Inhalten in einer Gemeinschaft lebt, sofern wird auch die Arbeit des Religionslehrers mitgetragen und mitgefördert durch die Haltung der Gesamtheit, es geht alles in einem lebhaft bewegten Rhythmus wie von selbst, und wie jede Zelle eines Organismus gleichmäßig genährt wird und wächst, so entfaltet sich auch die religiöse Erziehung ganz von selbst im Bereich der sie tragenden und nährenden Atmosphäre. Wo aber die Problematik das religiöse Verhalten in den Hintergrund der Lebensordnung gedrängt hat, wo insbesondere auch die physische und psychische Geschlossenheit einer Gemeinschaft zerstört ist, die ja das Fundament einer im Tiefen übereinstimmenden Lebenshaltung bildet, da wird auch der Religionsunterricht und feine Wertschätzung von außen her zu stark beeinträchtigt und damit die Arbeit des Erziehers fühlbar gehemmt. Das ist der Aspekt, der sich uns Lehrern von heute in niedcrdrückender Klarheit darbietet. Religion ist nicht wehr und noch nicht wieder die Macht von ehemals, die die einzige Gestalterin des Daseins frommer Juden war. Sie trägt nicht mehr in voller Souveränität und Unangefochtenheit das Leben des einzelnen und der Gemeinschaft, weil sie selber in den Bereich des Fragwürdigen einbezogen ist. Sie ist wohl da, aber als Abgedrängtes und Unbestimmtes, von dem niemand zu sagen weiß, wann und wie es wieder Eingang finden wird als lebenbestimmende Macht. Was ist zu tun? Sollen wir Lehrer unter dieser Stimmung an die Arbeit gehen? Sollen wir den Pessimismus Herr über uns werden lassen, der angesichts einer derartigen Ausdeutung unseres Zeitgeistes leichtes Spiel haben könnte? Rein, so war diese Betrachtung nicht gemeint. Was sie sollte, dc.s war ein doppeltes: einmal kam es mir darauf an, den Versuch zu wagen, möglichst frei von Illusionen und Selbsttäuschungen die religiöse Lage unserer Zeit zu überschauen und das Geschaute darzustellen unbekümmert um die Konsequenzen, die sich etwa nach dieser oder jener Richtung hin ergäben. Es war ein Versuch, den Geist der Zeit zu sehen, und wenn es des Herren eigner Geist geworden sein sollte, 'in dem die Zeiten sich bespiegeln, so tat ich nichts anderes, als was billigerweise von einem ringenden Menschen gefordert werden könnte. . Andere mögen die Dinge anders sehen und ausdeuten, und wer mich eines bessern belehren kann, dem werde ich die Gefolgschaft nicht versagen. Das zweite, um was es mir ging, war. der pädagogischen Einsicht Ausdruck zu verleihen, daß zwar jeder Fortschritt auf methodischem Gebiet immer auch im Religionsunterricht Eingang finden müsse, daß aber der Lehrer nicht versäumen dürfe, über die Mauer des Fachgebietes hinauszuschauen, damit ihm klar werde, warum pädagogische Maßnahmen nicht allein hinreichen, den- Erfolg der Arbeit sicherzustellen. Positiv gerichtete Anweisungen zu geben wie es zu machen wäre, lag nicht in meiner Absicht, auch nicht in meiner Macht. Und wenn ich mich umschaue in der weiten Welt jüdischer Geistigkeit, wenn ich die warnenden, ausrusenden Stimmen der Vesten unserer Zeit vernehme, so muß ich gestehen, daß keiner, aber auch keiner, einen Weg aufgewiesen hat, der unter den gegenwärtigen Verhältnissen Aussicht auf Erfolg hätte. Das gibt mir die Gewißheit, daß ich nicht gar zu fehlerhaft gesehen haben kann, wenn mir die Zeit als religiös äußerst ungeklärt erschien. Und wenn ich trotzdem einer alten südischen Gepflogenheit folge und ans Ende meiner Darlegungen den Optimismus-steile, so geschieht es nicht, um das Dunkle des Aspektes des guten Eindrucks wegen aufzuhellen. In Wirklichkeit blickten wir gar nicht ins, Düstere, sondern nur ins Gärende, Brodelnde eines