Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 10 (13.10.1930)
- Date
- 1930-10-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitung. in den übrigen Gruppenbildungen geleistet wird. Man gehe in die Arbeitsgemeinschaften aller Art hinein, und man wird es bestätigt finden, dag hier Kenntnisse und immer wieder Kenntnisse über die Dinge gesammelt werden; die wohl einem intelleltuellen Bedürfnis entgegenkommen, die auch dazu beitragen. die Wertschätzung der von äugen her wutend angegriffenen eigenen Gemeinschaft zu steigern und zu festigen, die aber keinerlei Antrieb geben zu einer Wiederbelebung des religiös gerichteten Glaubens. Es ist bezeichnend, daß die Bibel, deren Lektüre immer ein sicherer Gradmesser für die Stärke des vorhandenen religiösen Lebens gewesen ist, noch nicht wieder zu den Büchern gehört, die man besitzen und vor allen Dingen fromm gestimmt lesen mutz trotz aller Betriebsamkeit, die augenblicklich überall bei uns festzustellen ist. Und wenn man in den letzten Jahren das Wort „Renaissance" des Judentums etwas häufig und selbstzufrieden und mit einem Blick auf die Religion hin gebraucht hat, so mutz man schon sagen, es sei hier wie so oft der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen. Man sollte doch nicht daran Vorbeigehen, datz der zu nie erlebter Stärke und Schärfe angeschwollene Druck von der feindseligen Umwelt her die eigentliche Triebfeder darstellt, die die Judenheit in so emsige Be- Bewegung gesetzt hat, wobei die Wirkung der zionistischen Bewegung nicht verkleinert werden soll, die ja, nebenher bemerkt, ihr Entstehen auch deni lessontiment verdankt, das der Antisemitismus hervorrief. Inwieweit das ethische Verhalten des einzelnen von der Wirkung des Glaubens beeinflusst worden ist, das lägt sich schwer übersehen. Es herrscht unzweifelhaft auch hier eine stark fühlbare Tendenz vor, an die Stelle der von einem Jenseitigen he^ bestimmten Lebensgestaltung eine „Diesseitsreligion" in den Bestand des Daseins aufzunehmen, das Transzendente mit dem Immanenten zu vertauschen, aus der Sphäre des Autzerweltlichen ganz herauszubleiben und Erfüllung des Lebens ausschließlich im an sich gültigen Irdischen zu suchen. Die Gottheit bliebe dann wirklich nur noch eine pure Idee, ein Postulat im Sinne Kants, aber nicht mehr wäre sie das ens realissimum zu dem der Mensch sich kindlich bittend wenden könnte. Diese neuerdings nachdrücklich geforderte „Lebensnähe der Religion", so heitzt ja wohl das Schlagwort, ist indes nicht nur innerhalb des Judentums heröeigefehnt worden; auch innerhalb der christlichen Kirche verlangt man dringend nach ihr. Erft vor wenigen Monaten hat D. Dibelius in der „Vossischen Zeitung" einen Aufsatz erscheinen lassen, der diesen Gedanken energisch propagiert. Ist das nicht ein deutliches Zeichen der Zeit? Einst war die Religion eine Macht, die den Menschen aus dem Bereich des Irdischen hoch hinaushob und ihn hintrug zu dem über alles Zweckhafte, Unbedeutende, Alltägliche erhabenen Gott. Heute zieht der gottverlasiene Mensch die Religion zu sich herab in das Treibender Welt und dokumentiert damit doch nur, daß er das Reich des Himmlischen vor sich verschlossen findet. Datz es soweit gekommen äst und soweit kommen mutzte, das liegt zutiefst in der Zerschlagung des Glaubens an das Dogma begründet, im Judentum ebensowohl als auch im Christentum. Dieser Glaube blieb, wie Max Wiener jüngst erst wieder treffend nachgewiesen hat, unangetastetes Gut der Gesamtheit bis in jene Epoche hinein, die wir, geistesgeschichtlich gesehen, als Aufklärung, politisch betrachtet, als Emanzipation bezeichnen. Der Eintritt der Juden in die europäische Kultur zeitigte die folgenschwere Scheidung der Geister. Es brach die Philosophie und die Naturwissenschaft in das Gehege der Tradition ein, und beide versetzten der Altgläubigkeit Schläge von einer Wucht, die jede Wiedergenesung unmöglich machte. Seither kämpft sie einen verzweifelten Kampf um ihre religiösen Positionen, aber niemand wird behaupten können, daß sie es mit Aussicht auf Erfolg tue. Der Kampf, den hier der Glaube an das Dogma, nicht der ALummer 10 an Gott» mit dem Wissen führte, hat, verschärft auch namentlich durch die Ergebnisse der Bibelkritik, mit dem Sieg des Wissens geendet. Damit aber war auch das Gesetz tätlich getroffen. Da es seine Begründung und Sanktionierung ausschließlich durch das Dogma der Verbalinspiration erhielt, mutzte es ein gleiches Schicksal erleiden wie jener Glaube. Auch diese Position wurde mit bewundernswerter Zähigkeit verteidigt, gleichsam als ob die ewige Glückseligkeit von einem Tüttelchen im Gesetz abhinge. Heute ist auch ihr Schicksal besiegelt. Unter dem Druck nicht nur geistiger Kräfte, sondern auch sozialer und wirtschaftlicher Konstellationen ging es hoffnungslos abwärts mit der Orthodoxie; gegenwärtig ist sie nur noch ein verblaßtes Schattenbild jener einst so mächtigen Lebensordnung, ein sterbender Anachronismus, auf dessen Antlitz die Todesschatten sichtbar sind. Es nützt nichts, wenn führende Männer, die sich um die Zukunst des Judentums Sorge machen, verzweifelt ausrufcn: Zurück zum Gesetz! Sie rufen vergeblich, und kein Ohr neigt sich, auf sie zu hören. Ja, sie selber vermögen dem eigenen Ruf nicht mehr zu folgen, und für immer wird der Weg verschlossen bleiben, der zum alten Gesetz zurückführt. Hat der religiöse Liberalismus es vermocht, feine Ideen durchzusetzen und der Abwendung von jüdisch-religiösem Leben zu steuern? Ohne Zweifel ist er seinerzeit das Fangnetz gewesen, das Tausende von gebildeten Juden aufhielt, als sie sich anschickten, das jüdische Lager zu verlassen, weil es ihnen zu eng geworden war. Ohne Zweifel auch hat die von den führenden liberalen Juden geleistete geistige, künstlerische und liturgische Arbeit es vielen ermöglicht, einem kultivierten Gottesdienst die Anhängerschaft zu bewahren und an bestinrmten Glaubenselementen festzuhalten, soweit sie ins Ethische und Soziale hineinroichen. Wenn es indes auch dem Liberalismus nicht geglückt ist, das gewaltige Heer der sogenannten Indifferenten um ein Erhebliches zu vermindern, so lag die Schuld nicht an seiner geistigen Struktur, sondern an dem Charakter der Zeit, die, wie ich zu zeigen versuchte, religiösen Strömungen nicht hold ist. Es soll nicht in Abrede gestellt werden, datz der Liberalismus nicht immer die rechten Mittel angewendet hat, um werbende Kraft zu entfalten. Zeiten, wie die seiner theoretischen Grundlegung durch einen Zunz, einen Geiger, einen Holdheim, sind kaum wiedergekehrt und gegenwärtig ist auch in seinem Lager eine Zeit der Unentschiedenheit und des Schwankens festzustellen, die sich bemerkbar macht nicht nur in den Matznahmen praktischer Art, sondern auch in den Bestrebungen, seine Ziele und Ausgaben geistig zu begründen und zu vertiefen. Man vermisst hier oft die rein sachliche und durchsichtige Fundierung seiner Grundsätze und findet dafür nicht selten vage, verschwommene Programme, gespickt mit Eedankengangen, unter denen sich der schlichte Mensch alles und nichts vorstellen kann. Im übrigen aber darf man annehmen, daß der Liberalismus sich wieder zu seinen gesunden Prinzipien zurückfinden wird, wenn seine Vertreter endlich einmal die Gefolgschaft in den Gemeindeverwaltungen haben werden, die ihnen bisher Zum Schaden des Ansehens ihrer Weltanschauung versagt blieb, und datz es ihm, und nur ihm allein gelingen wird, die Zukunft des religiös gerichteten Judentums sicherzustellen. Damit sei der Versuch einer Kennzeichnung unserer Zeit, sofern die religiöse Seite in Frage steht, abgeschlossen. Sie erwies sich als eine Zeit voller Unruhe und Unausgeglichenheit, als eine Zeit der weitgehenden Abwendung vom Göttlichen, sofern es autzerhalb der Welt gedacht wird, und leidenschaftlicher Auslastung des Gefühls eines emdarras de richesse gegenüber diesseitig bestimmter Wertsetzungen. Vielleicht ist das Wort Abwendung vom Göttlichen nicht einmal ganz berechtigt, und ist es besser, von einem Aufsichberuhenlasfen der Frage nach dem .„unbekannten Gott" zu sprechen. Man hat ihn nicht, sucht ihn