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Jüdische Schulzeitung · 1930-10-13 · 10 (13.10.1930) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
10 (13.10.1930)
Date
1930-10-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Dummes LS Cu.- Wonaksschrist sur Pädagogik und Schulpolilik «.TshrWE Z-^ \ H-rauSgcgcben vom „Reichsvcrband der jüdischen Lehrervereiue" Die „Iüd.EchuIzeirung" erscheint um den 15. eines zedenMonals und wird allen Mitgliedern der dein „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" angcschlossenen Vereine lostcntos zu- «zestellr. — Post - Äczugsprcis für N i dj t * Mitglieder: Ml. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 13. Oktober 1630 Druck, Vertag und Geschäftsstelle: M. Lehmann, Hamburg, ABC-Strahe 57. Tel.: Sammelnuulmer C 4 Dammtor 0737 Verantwortlich für den redaltionellcn Teil. M. Steinhardt -Magdeburg, für den Inseratenteil: L.K n u d s en,Hamburg. Anzeigenpreis 40 c) für die Lgespaltene Nonpareille-Zeile. 2 n h a l t d i e s e r N u m m e r : lieber Religiosität in unserer Zeit und über den Religionsunterricht (Schlug) von Dr. Siegfried Braun. Dr. Ludwig Freund: „Am Ende der Philosophie" von Alfred Eordon, Harburg a. E. Notizen zum jüdischen Religionsunterricht (Schluß) von Siegfried Moses. Literarisches. Bei der Schriftleitung eingegangene Bücher. Notizen. Über Religiosität in unseres Zeit und über den Religionsunterricht. (Vortrag, gehalten auf der Jahresversammlung des Vereins Israelitischer Lehrer und Lehrerinnen Rheinlands und Westfalens zu Duisburg.) Von Dr. Siegfried Braun, Köln. (Schlug.) Cs hat zwar nicht an Stimmen gefehlt, die da meinten, den „Silberstreifen am Horizont" auch in diesem Betracht wahrnohmen zu rönnen. Auch Vaeck!äs;t seine Zeitanalyse ausklingen in den Ausdruck des Vertrauens auf das Erbe im jüdischen Blut, auf den dem Juden eigenen Sinn für das Ewige im Menschen, für das Geheimnis des einen gebietenden Gottes, und wer auch sieprijch ist derartigen Meinungen gegenüber, wer glaubt, die Gegenwart weise noch keine Anzeichen einer bis ins Mark des Menschen vordringenden Sinnesänderung auf, wer glaubt, das; nur ein den Menschen urplötzlich überfallendes Ereignis den Kurs des Lebens grundlegend ändern könne, auch der wird das Vertrauen nicht verlieren, daß einmal die Zeit wieder kommen werde, da die Menschen dem Heiligen den Zugang zu ihrem Dasein weit öffnen werden. Sie ist noch nicht zu verspüren, wenigstens nicht in dem Sinne, als stehe ein Erleben Gottes befeuernd im Hintergründe des Daseins. Und deshalb geigen sich auch die Verfallserscheinungen in deutlichster Weise auf dem Eeü'.et der Ausdrucksmöglichkeiten des Religiösen, im häuslichen und gemeindlichen Gottesdienst, das Wort im weitesten Sinne genommen. Sabbath und Feiertage sind nicht mehr die Hochzeiten, in denen die jüdische Familie noch in unserer Kindheit zur religiösen Gemeinschaft engster Umgrenzung innig verbunden war. Es fehlt die innere Sammlung, die fromme Gestimmrheit, die das trauliche Wohnzimmer einst zum Mittelpuuir ansprechender kultischer Handlungen werden lieh. Ja, es Ki;h überhaupt das charakteristische Wohnzimmer, in dem jedes Euchen, jeder Gegenstand den darin weilenden Hausgenossen etwas ins Gemüt hinein sagte. Statt seiner regiert das offizielle „Heim", der Vereinsfaal, und darin die lose verbundene Gruppe, die versucht, nach Möglichkeit zu retten, was man nicht gern ganz verlieren möchte. Und erst der Gottesdienst in unfern Synagogen! Man stelle sich vor, wie wenig Menschen das Eotteshan.s noch betreten, selbst an den hohen Feiertagen, wie geringfügig die innere Anteilnahme am Gottesdienst ist, welch winziges ‘) Siehe Buber. Reden über das Judentum, Frankfurt 1920. Mah Andacht und Ehrfurcht waltet in einem Raume, in dem neben der betenden Stimme nur das tiefe Schweigen der Andacht Platz haben sollte, und man wird ehrlicherweise gestehen müssen, dah da etwas nicht mehr in Ordnung ist; daß entweder unser Organ verkümmert ist, durch das hindurch einst Kultisches zur Wirkung kam, oder aber dah die'Ansdrucksformen selber versagen. Vielleicht gar treffen beide Vermutungen in einem gewissen Umfang zu; vielleicht darf man annehmen, dah Auge und Ohr, die beiden Sinneswerkzeuge, mit denen der Mensch sich dein Kult zuwendet, bei uns Juden eine ins Seelische hineiureichende Umwandlung erfahren haben, als wir in eine Kultur eintraten, in der die Kunst uns zu entscheidendem Lebensgut geworden ist. Andacht wäre demnach nur noch durch das Medium der Musil, des künstlerischen Vortrags, der Raumgestaltung, der sakralen Stille möglich, und es bliebe an Stelle der im Gebet sich äußernden Aktivität nur noch das passive Hingegebensein an ein von auhen herkommendes möglich. Damit aber wird auch der übliche Kult empfindlich getroffen. Es ist kaum anzunehmen, dah er in der feit Jahrhunderten geübten Weife wird in die Zukunft mit hinübcrgenommen werden können. Auch nicht in der Ausgestaltung unserer reformierten Gottesdienste. Es soll gewiß nicht in Abrede gestellt werden, daß sie, namentlich in der reicheren Verwendung musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten und in der Jnnehaltung einer auch äußerlich unfer-m Empfinden für Ordnung und Schönheit entsprechenden Weise dem Zeitbedürsnis entgegengekommen sind. Soweit sie aber versucht haben, das Gebet durch Uebertragung in die Muttersprache zu retten, ist der Versuch mißglückt. Er konnte nicht glücken, weil die Menschen gar nicht mehr und noch nicht wieder beten, d. h. aktiv sich zu Gott hinwenden können. Es gibt kein Zurück zum überlieferten Gottesdienst, und noch kein Vorwärts zu neuen Formen, das ist das Signum der Zeit für jeden, der sich einen klaren Vlick bewahrt hat. Nicht viel günstiger zu beurteilen ist die Haltung des modernen Juden zum zweiten Erundelemeut des Religiösen, zum Glauben, insofern er ausgeformt wurde durch die Arbeit der Vernunft. Es soll nicht geleugnet werden, dah gerade in den letzten Jahren innerhalb der Judenheit ein Anwachsen des Jnteresies an der Beschäftigung mit Problemen auch des Glaubenssystems zu verspüren war. Wer auch nur halbwegs mit der neueren jüdischen Publizistik vertraut ist, wird es wissen, wie stark insbesondere auch die Literatur über den Sinn des Judentums angeschwollen ist. Aber im Grunde genommen bleibt da alles, was sich an Impulsen herauskristallisiert, am Eeistesgeschichtlichen, an der volkhaftcn Erscheinung des Judentums haften. Es ist weit weniger die Anerkennung religiöser Normen, die auf diesem Wege gewonnen wird, als ein gewisser Stolz auf die ungeheure Arbeit an der Herausbildung einer spezifisch jüdischen Ethik, einer jüdischen Weltanschauung überhaupt. Man vertiefe sich einmal in das Getriebe, das gegenwärtig innerhalb unserer Gemeinden herrscht, in die Arbeit, die ' in den Jugendvereinen, in den Lehrhäusern, in den Logen und

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