Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 9 (15.9.1930)
- Date
- 1930-09-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdische Schulzeitung. Nummer 9 fügung der Juda-Tamar-Erzählung u. a. In wenigen Worten wird mitunter die Situation erfaßt und das Verständnis eröffnet. Die Gelegenheit zu praktischer Verteidigung und Mahnung fehlt nicht, so bei Seite 22, 4 gegen die Verbrennung, zu 50, .2 gegen die Assimilation u. a. Die Personen der biblischen Geschichte werden leicht und treffend charakterisiert (Joseph, der Jdealmensch u. «.), die Oertlichkeiten werden nach Möglichkeit festgelegt und durch Karten veranschaulicht. Die fremden, englischen und nichtenglischen Uebersetzungen snld stets benutzt und werden kritisch gewertet, in den Anmerkungen trifft nran neben den alten Erklärern moderne Forscher — auch Nichtjuden —, deren Gesamtauffafsungen zwar abgelehnt werden, deren Einzelerklärung aber gern benutzt wird. Nach ähnlichen Gesichtspunkten ist die Lastaraübersetzung angelegt, wertvoll hier jeweils die Erörterung, über die inneren Beziehungen zwischen Wochenabschnitt und Prophetenwort. Druck und Ausstattung sind vorzüglich, störend wirkt nach meinem Empfinden die ungleiche Bezeichnung dessen, was wir Midrasch nennen (durcheinander The Midrash, Rabbi nie legend, Midrash, the Rabbis it. a.). dem Herausgeber, der sich der Mithilfe anderer englisch-jüdischer Gelehrter dankbar bedient, gebührt der wärmste Dank. Möge die Arbeit schön fortschreiten! Zwei Psalmen-Vücher erheischen unsere Aufmerksamkeit. Franz W u tz hat (in der Sammlung Schriftenreihe des Klerusblattes, Eichstätt in Bayern 1927, broschiert 2 $UL) die Psalmen deutsch herausgegeben, und zwar wohl aus dem Gedanken heraus, datz sie in der Liturgie eine so umfangreiche Benutzung erfahren. Selbstredend werden wir an unzähligen Stellen uns der Ilebersetzung und Auffassung des Psalmenmortes gegenüber ablehnend verhalten, aber nach meiner Meinung ist ein Einblick in diese vorliegende Ausgabe nicht ohne Wert. Man muh bewundern, mit wie treffenden Worten, in wie wenigen Sätzen der Ileberfetzer den gefühlsmätzigen Inhalt des Psalmes jeweils im voraus angibt, diese wenigen „schmückenden Beiwörter" (wie prächtig, ergreifend, rührend, ein Meisterstück, stimmungsvoll itfiu., oft Eigen- und Neubildungen von Worten, daher bisweilen auch etwas komisch, wie zu Pf. 144 „Die rettende Fliehburg") sagen so viel und helfen sofort dem Verständnis des Lesers nach, datz sie ruhig übernommen werden können. Es hat ja jeder Lehrer es gewitz schon erlebt, das; es bisweilen schwer ist, eine Hörerschar, sei es in der Schulklasse oder im Vortragssaal, in die Situation des Psalmes zu versetzen, um so die Resonanz für die richtige Erfassung des Ganzen zu gewinnen. Das kann man hier lernen, wie auch grotzartig in dem Psalmbuch Spaniers. Eine Einzeluntersuchung legt Lorenz Dürr vor: Psalm 110 im Lichte der neueren altorientalischen Forschung (Aschcndorff. Münster 1929, geh. 1 9UI). Er faßt den Psalm als Krönungspsalm auf und bringt — in Ermangelung rein israelitischer Vorbilder und Berichte über die Königskrönung — Belege aus dem alten Orient. Nach der Einleitung, die diesem Nachweis dient, wird der Psalm versweise sachlich und sprachlich behandelt, wobei kaum Tertänderungen vorgenommen werden. So ist der Psalm ursprünglich zu erklären. Später, nach Aushebung desisraelitischen Königtums, ist er auf den Messias gedeutet worden. Für das Einzelverständnis ist auch hier viel geboten. Mit dem religiösen Eedankeninhalt der Bibel beschäftigt sich Rupert Storr in seinem Buche „Die Frömmigkeit im Alten Testament" (Volksvereins-Verlag, M.-Gladbach). Das Buch enthält drei grobe Teile: 1) die Frömmigkeit des Ulkten Testaments in ihrer geschichtlichen Entfaltung. 2) . . . in ihrem inneren Aufbau, und 3) der sittlich-religiöse Wert der Frömmigkeit des Alten Testaments. Für einen jüdischen Leser wirkt neben der reichlich hypothetischen Auffassung des ersten Teiles die bekannte christliche Tendenz abstoßend. datz das Christentum erst die Vollendung, die vervollkommnete Entwicklung des jüdischen Ethosgedankens bringe (nach unserer Meinung kann man wirklich nicht mit gutem Recht behaupten, „die Frömmigkeit des Alten Testaments ist in allen ihren Phasen national und damit nu* vollkommen geblieben . . . Das Ilebernationale, das katholische war und blieb ferne Hoffnung . . . Ihr unsterbliches Verdienst aber ist es. das Höchste erstrebt zu haben, dem oorgearbeitet zu haben, der alles vollenden sollte" (S. 126), ebensowenig kann man Sirach 28,2 anführen und dazu schreiben „zu neutestamentlicher Höhe hinauf führt aber die Forderung" .... eine m. E. unbegründete lleberlegenheit spricht aus den Worten: „das Alte Testament ist . . . noch nicht die Vollendung" (S. 287). Wie an diesen Stetten bricht natürlich auch sonst die christliche Stellungnahme durch, aber man kann das ohne Beschwerde überlesen und wird sich dann vieler gesunder Gedanken und richtiger Darstellung freuen. Man wird dies um so eher tun, als der Verfasser doch jüdische Forscher benutzt hat, allerdings nicht solche, die wir ihm in die Hand gegeben hätten, sondern solche, die seine Meinung stützen, aber immerhin gegenüber der häufigen grundsätzlichen Ablehnung jüdischer Darstellungen seitens christlicher Gelehrten ist auch dies erfreulich, Recht interessant sind manche Deutungen, so wird Gen. 6. 21 übersetzt „schlimmer, als er in den Tagen seiner Jugend war"; die Ilebersetzung ist kaum richtig, aber doch anregend (S. 17), oder Er. 31,17 „aufatmend geruht" (S.31 und 141) u. a. Vielleicht sollte man allgemein und gewitz in jüdischen Kreisen die Worte fromm und Frömmigkeit aus dem Sprachschatz verschwinden lassen, weil damit reichlich Unfug getrieben wird — wer am Schabbos Verches itzt, nennt sich fromm, auch wenn er den Schabbos nicht hält, und gewitz, wer am Jom Kippur fastet, auch wenn er sein Geschäft offen hält und besucht, aber wie weit sich die Frömmigkeit erstreckt, davon gibt das vorliegende Buch doch eine gute Vorstellung. Recht geringen Nutzen werden jüdische Leser, denen der Pentateuch Quelle der Bekehrung ist, aus dem Buche von Abram Menes, die vorerilischen Gesetze Israels im Zusammenhang seiner kulturgeschichtlichen Entwicklung. Vorarbeiten zur Geschichte Israels, (Heft l. Töpelmann, Gietzen 1923, Q9tJL), ziehen. Das künstlich, wenn auch wohl kunstvoll errichtete Gebäude über Priester und Leviten können wir uns ebensowenig zu eigen machen, wie wir der Analyse des Deuteronomiums folgen können. In der Betrachtung der Gesetze des Deuteronomiums dagegen erfreut uns die scharfe Erklärung und die reichhaltige Untersuchungsweise, unter Heranziehung späterer geschichtlicher Beispiele und bei Beibehaltung der im Tert genannten Begründung, z. B. die Kriegsgesetze nicht als deuteronomisch -im Sinne des Verfassers aufgefatzt, können dennoch kaum anders aufgefatzt werden, und die Bekämpfung der Vorstellung, als ob hier abergläubische Anschauungen mitspielten, werden wir durchaus billigen; also, was ist hier neu? Was nicht erwiesen ist und nur Hypothese bleiben kann, allein. Vielleicht interessiert jemanden die Hineinmischung ganz moderner Dinge und die mit grober Selbstverständlichkeit vom Verfasser gegebene Formulierung: „In Wirklichkeit gibt es kaum eine Klasse, die im Innersten so tief national denkt und fühlt wie gerade das Proletariat, und umgekehrt gibt es kaum eine Bevölkerungsschicht, die so wenig nationales Selbstgefühl besitzt wie die Kapitalisten. Junker und Fürsten" (S. 93). Jedes neue Buch aus der biblischen Literatur zeigt uns die Unerschöpflichkeit unserer Heiligen Schrift: ihre Kenntnis zu verbreiten, sie wirklich zum Hausbuche wieder zu machen, ist immer noch Lebensaufgabe eines jede» Lehrers in Israel. :0>