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Jüdische Schulzeitung · 1930-09-15 · 9 (15.9.1930) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
9 (15.9.1930)
Date
1930-09-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Zunächst mutz darauf hingewiesen werden, datz an der betreffenden Stelle (Matth. 5,43) überhaupt nicht eine zusammenfassende Charakterisierung vorliegt, vielmehr, wie die Einführung „Ihr habt - gehört, datz gesagt ist" deutlich zeigt, nur ein Zitat gegeben werden soll. Die Worte „und Deinen Feind hassen" stehen jedoch, wie allbekannt, nicht an der zitierten Stelle Lev. 19,18 und sind ein Zusatz von unbekannter Hand, der den in jüdischen Greifen mit dem Gebote der Nächstenliebe verbundenen Sinn in gehässiger Weise entstellt. (Perles.) Der vielbesprochene Lapsus in der Bergpredigt (Matth. 5,43), wonach Jesus gesagt haben soll: Ihr habt gehört, datz gesagt ist: „Du sollst Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind hassen..." (die Worte „und Deinen Feind hassen" kommen bekanntlich im biblischen Schrifttum nirgends vor) findet seine richtige Erklärung durch die Art und Weise, wie die evangelischen Schriftsteller aus Unkenntnis und Oberflächlichkeit mit ihren Zitaten aus der Bibel verfuhren. 2m ' evangelischen Schrifttum ist. was nicht erst bewiesen zu werden braucht, ein Zitat aus der Bibel autzerst selten richtig wiedergegeben. Diese häufigen Unrichtigkeiten, deren sich selbst Paulus, der angebliche Schüler Rabban Gamliels auf Schritt und Tritt schuldig macht,- sind zunächst darauf zurückzuführen. datz die Leute, Juden oder Griechen, das Hebräische nicht verstanden und die Bibel nur in einer griechische Uebersetzung lasen. Dies taten sie noch dazu oberflächlich und flüchtig, zitierter nach dem Gedächtnis und kümmerten sich nicht im mindesten um die genaue Wiedergabe - der von ihnen angezogenen Bibelstellen. Noch schlimmer war es. datz manche von ihnen die Heilige Schrift im Urtert notdürftig lesen konnten. Sie lasen nämlich falsch und trugen ungeheuerliche Jrrtümer in die Bibel hinein. Zu diesen gehörte auch der Verfasser des ersten Evangeliums, der in seiner Oberflächlichkeit den Spruch „und. Deinen Feind hassen" geprägt und in die Masse geworfen hat. 2m zweiten Buch Moses 23,22 . verkündet Gott dem Volke Israel: „Ich . werde Deinen Feind hassen", w'ojawti ess auj’wecho. Der Mann las w'ojawto statt w'ojawti und so entstand das „Gebot" „Du sollst Deinen Feind hassen". Datz diese Worte dort im Zusammenhänge in einem solchen Sinne unmöglich sind,' darum kümmerte sich der Verfasser des Evangeliums nicht. (Vernfeld.) Eine schlichte Erzählung, Sage, Parabel oder legendarische Ausschmückung -einer biblischen Geschichte gestattet oft einen tieferen Einblick in die religiöse Gedankenwelt des damaligen Judentums als hundert noch so schöne und tiefsinnige Aussprüche der Gesetzeslehrer. So verschmäht es Harnack nicht, Tolstoj's Dorfgeschichten als Zeugen für die wirksame Kraft des Evangeliums in der griechisch-orthodoren Kirche anzuführen. Um wieviel mehr sind Erzählungen, die aus dem Munde der autoritativen Gesetzeslehrer stammen und für wert befunden werden, unter ihrem Namen in den Quellenschriften der Tradition verzeichnet zu werden, für die Neligionsgeschichte heranzuziehen. Schon die Erzählungen des Alten Testaments sind nach dieser Richtung hin zu vergleichen. So sind z. B. Stellen wie 1. Sam. 24 und 26,5 ff. oder 1. Kön. 20,21 ff. charakteristischer für die alttestamentliche Moral als das ganze Buch.der Proverbien und eine wirksamere Lehre der.Feindesliebe als irgendeine noch so schöne aber abstrakte Mahnung. Oder was will die schöne Mahnung, sich nicht über den Fall des Feindes freuen (Prov. 24, 17,18) gegenüber der Erzählung besagen, datz die Engel nach dem Untergang der Aegypter Gott ein Loblied anstimmen wollten. Gott jedoch ihnen Schweigen geboten habe mit den Worten: „Meiner Hände Werk sind im Meere untergegangen, und ihr - wollet vor mir ein Lied anstimmen" (b. Megilla 10 b) (Perles). Von unseren Weisen wird der König Hiskia getadelt, datz er beim Anzuge des Sanherib gegen Jerusalem die Brunnen vor der Stadt zugedeckt habe, weil man auch seinen ärgsten Feinden das Allernotwendigste, wie Wasser, nicht entziehen dürfe. (Ber. 10 b.) 2a, ein ganzes Buch der Bibel, das an unserem heiligsten Feste zur Verlesung kommt, Jona, ist einzig und allein der Idee gewidmet, datz1 die allgemeine Menschenliebe sogar auf den Volksfeind sich erstrecken müsse, datz ein jüdischer Prophet verpflichtet sei, auch eine heidnische Stadt, selbst wenn sie der Mittelpunkt eines Reiches war, das Israel einst den Untergang bereitet hat, zur Butze zu rufen und dadurch selber -vor dem Untergang zu bewahren. Kann man sich noch höher hinauf schwingen? Aber das Höchste wohl findet sich in jenem talmudischen Ausspruch, der es mit dem Satze der Bergpredigt aufnimmt und der also lautet: „Wer die Wahl hat, entweder seinem Freunde oder seinem Feinde behilflich zu sein, der mutz dem Feinde helfen und dadurch sich selbst bezwingen lernen." (B. mez. 32 b.) (Jelski.) Zu dem Verse: „Du sollst den Aegypter nicht verabscheuen: denn Fremdling (East) bist Du in seinem Lande gewesen." (5. Mos. 23,8) bemerkt Cornill: Also selbst für eine Gastfreundschaft, wie die in Aegypten genossene, welche darin bestand, datz die Aegypter sie peinigten bis aufs Blut, selbst für diese soll Israel dankbar sein und sich jenem Volke verpflichtet fühlen. Wenn dieses nicht mindestens der Feindesliebe sehr nahe kommt, fo mutzte ich wahrhaftig kein Deutsch verstehen. — In dem Verse (5. Mos. 23,8) ist, wie bereits Philo bemerkt, das Gebot angedeutet, datz man sogar eine feindliche Behandlung nickt Nachträgen darf. Wenn z. B. Volz zu 2er. 29.7 (im Briefe an die Verbannten in Babylon) bemerkt, es fei die einzige Stelle im Alten Testament, in der Fürbitte für Feinde und Ungläubige empfohlen werde, und nur des Jeremia freie Religiosität sei hierzu imstande gewesen, so wird vielleicht eine nicht ganz unwürdige Vorstufe hierfür Abrahams Gebet) für die Leute von Sodom sein. (Wiener.) (Fortsetzung folgt.) Neuere biblische Literatur. Von Rabbiner Dr. A. Posner, Kiel. In den folgenden Zeilen sollen einige Bücher skizziert werden, die zumeist in der letzten Zeit erschienen sind. Es handelt sich um Werke, die einzelnen Teilen der Bibel gewidmet sind, und um solche, die dem sachlichen Verständnis der Heiligen Schrift überhaupt dienen. Obenan stehe das wertvolle Werk des Londoner Chief Rabbi Dr. I. H. Hertz „Pentateuch and ltaktoras, wovon der 1. Band (Genesis, in der Oxford University Preß London: Amen Haouse, E. C. 4) erschienen ist. Eine Pentateuchausgabe eigenster Art, wie wir sie noch nicht besitzen. Der hebräische Tert, mit englischer Uebersetzung und englischen Anmerkungen wird geboten, dem Tert werden an verschiedenen Stollen lehrreiche Einleitungen vorangeschickt oder Nachworte beigegeben, die die Fragen behandeln, die sich an den Tert leicht anschlietzen, etwa über die Schöpfungstheorien, die Sündflut, die Hirtengesetze, die Ein-

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