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Jüdische Schulzeitung · 1930-09-15 · 9 (15.9.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
9 (15.9.1930)
Date
1930-09-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Jüdische Schulzeitung. Seite 3 -er -1c :.:;r . :.t eil ::'X ii, Ci i;,:n;,-n, ■: i;C eer -ui -x- ■ :".l iia . >«r 1.':: •1;r -uh e.i’ii rs ’‘ü'3 Ai . vt;i UU5- :h'i , iial) i-iV3 C5 . ihm ■ 'eile, i . ...uioe Nuunner 9 sein Dasein der Erwägung, ob man den Aussagen jener bomines religiosi vertrauen dürfe. Und in der Bejahung dieser Erwägung liegt der Elaubcnsakt -beschlossen. Erst hinterher, gleichsam als Bestätigung ÜUS MUH? Einsicht btzkckus, Sßtzinnt die Vernunft ihre Arbeit, indem sie ein System heroorbringt, in das hinein sie die mannigfachen Ergebniste gießt, die die Fragen nach Gott, Welt und Mensch gezeitigt haben. Sinnvolle Ordnung im Kosmos, Alleingültigkeit der sittlichen Tat, sittliche Vollverantwortlichkeit des Menschen, das messianische Reich als Ziel - menschlichen Strebens, das sind so einige Elaubensinhalte, die die jüdische Lehre aufgestellt hat, und zwar immer in Beziehung zur Idee Gottes. Man hat, so lange es eine Philosophie gibt, immer wieder die Frage aufgeworfen, ob Ethik und Religion untrennbar miteinander verbunden, oder ob beide Wertbereiche autonom seien. Es ist hier nicht der Ort, das Für und Wider gegeneinander abzuwägen, und es wäre verwesten, wollte man in dieser schwierigen Frage eine entscheidende Antwort geben. Soviel aber darf doch wohl gesagt werden, daß Religiosität immer irgendwie ethisch bestimmt gewesen ist, schon in den dunklen Anfängen, da sich der Naturmensch einer Macht gegenüberstehend fühlte, die ihm überlegen war, daß aber andererseits jedes ethische Verhalten die Anerkennung' eines letzthin Gültigen voraussetzte und in diesem Sinne irgendwie religiös fundiert war. 2m Judentum hat nun der Glaube noch eine besondere Ausgestaltung erfahren, insofern er auf einem bestimmten Gebiet dogmatisch zugcspitzt wurde. War die Annahme gewister Elauüenssetzungen ein Akt freiwilliger Entscheidung, so gab es doch eine Grenze, an der Unbedingtheit einsetzte, an der einfach geglaubt werden mußte. Mochte im übrigen freier Spielraum bleiben, die göttliche Offenbarung am Sinai mit all ihren Konsequenzen, die wir unter den Begriff „Tradition" bringen, mußte unantastbares Elaubensgut bleiben, wenn anders der Sinn des Judentums erfüllt werden sollte. Wie vielgestaltig auch immer die gedankliche Durchdringung jüdisch-religiöser Lehrgehalte gewesen ist, an diesem Dogma der Verbalinspiration wurde Halt gemacht, bis schließlich die moderne Wistenschaft auch ihm kritisch gegenübertrat und es zu Fall brachte. Damit zugleich aber auch die dritte und letzte Erundgegebenhcit altjüdischer Religiosität, die Tat, sofern sie in den heiligen Urkunden und Codices gesetzlich festgelegt war. Wenn ohne Zweifel bei ihrer bis ins kleinste durchgeführten Normierung auch nationale Momente mitgewirkt haben, so war es doch im tiefsten Grunde ein sittliches Prinzip, das sie ausgestaltsn half. Die religiöse Tat sollte, auch da, wo es sich um ganz alltägliche Dinge handelte, der Verwirklichung des schon zitierten Bibelwortes dienen: Heilig sollt Ihr sein! Es hat nicht an Stimmen gefehlt, die da glaubten, die strenge Fixierung des zu Tuenden habe zu einer häßlichen Werkheiligkeit geführt, zu jener Haltung, die man als pharisäisch zu bezeichnen sich gewöhnt hat.*) Wie . immer aber auch der sittliche Wert oder Unwert der rigorosen Tatbestimmung beurteilt werden mag, das eine steht fest: es war ein Erziehungsfaktor von allergrößter Bedeutung, und cs war zugleich der eiserne Zaun, der die volkhafte Einheit und Ausschließlichkeit der Juden erhalten half. In der grandiosen Konzeption des Gedankens, daß jede menschliche Tat unmittelbar gottgegcbenes Gesetz sei, lag freilich auch eine große Gefahr verborgen, die in dem Augenblick bedenklich offenbar werden mußte, da die Autorität des Gesetzes zu wanken begann. Der Angriff, den Vernunft und Wistenschaft gegen den Glauben *) Wer den Sachverhalt einmal tiefgründig dargestellt lesen möchte, dem sei die treffliche Antwort Martin Bubers zur Lektüre empfohlen, die er seinerzeit in einem Sonderheft des Juden jenen Autoren erteilt hat, die sich des terminus -pharisäisch in dem oben gemeinten Sinne bedient haben. vortrugen, er traf zugleich mit aller Wucht auch das Gesetz, und es bedeutete den Anfang seines Endes, als das Dogma der Verbalinspiration eben nicht mehr Dogma mar. * Wenden wir uns nach diesem Versuch einer theoretischen Grundlegung nunmehr der Frage zu: wie steht der Jude unserer Zeit zur Religion? Wie verhält er sich zu den drei charakterisierten Grundrichtungen, in denen Religiosität sich manifestiert? zum Erlebnis, zum Glauben, zur Tat? Zum Erlebnis. Zum Mysterium. Schon auf den ersten Blick hin ergibt es sich, daß gerade unserer Zeit dem Aufkcimen religiöser Urbeziehungen nicht sonderlich günstig, wenn nicht geradezu abträglich ist. Ist es doch eine der Grundvoraussetzungen für das Erleben Gottes, daß der Mensch ein starkes Maß Naivität mit sich trage, daß ihn eine Gemütshaltung beseele, in die der Intellektualismus in seiner schärfsten Ausprägung noch nicht als zerstörende Macht eingebrochen ist. Es läßt sich angesichts unserer Geisteslage nicht verkennen, daß viel Wahres in dieser Auftastung steckt. Menschen, unter deren Augen an jedem Tage die Technik einen neuen ungeahnten Triumph feiert,' Menschen, die mit der Uhr in der Hand den gesetzmäßigen Ablauf aller kosmischen und irdischen Erscheinungen kontrollieren, denen zeitliche und räumliche Entfernungen zu unbedeutenden Strecken zusammenschrumpfen, denen das rastlos faustische Forschen ein Geheimnis nach dem andern entschleiert und mit einer raffiniert fein ausgeklügelten Apparatur vor die Sinne hingqubert, sie verlernen in dieser raschlebigen immerfort neue Aspekte darbietenden Zeit das Staunen, und damit dörrt der Boden aus, auf dem allein das Mysterium erwachsen kann und verkümmert leicht das Organ für Empfindungen, die auf andere Sphären hingerichtet sind als auf die irdischer Sachlichkeit und Nüchternheit. *) Leo Vaeck hat jüngst im „Morgen" 2) einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er nachweist, wie gerade der moderne Jude, den das Schicksal hat zum Großstadtmenschen werden lasten, auch dort, wo er noch gar nicht in der Großstadt wohnt, allmählich aus den Bezirken abgedrängt wurde, in denen feine Vorfahren noch jener Erdverbundenheit teilhaftig waren, die die naive Haltung, die Ehrfurcht vor dem Geheimnis schützend gewährleistete. Wie das aufs Versachlichen und aufs Vermechanisieren gerichtete Eroßstadtgetricbe den Boden schließlich unterhöhlte, aus dem allein die kontemplative, den Menschen in seinen tiefsten seelischen Schichten anrührende Hinwendung zum „Numinosen" geschehen konnte. Diese Grundhaltung hat alle Beziehungen erfaßt, in denen sich zwischenmenschliche Verbundenheit darstellt, auch diejenigen, in denen sich ein religiöses Moment auf den ersten Blick hin nicht wahrnehmen läßt. Wenn heute auch in jüdischen Kreisen die vielgerühmte Innigkeit des Familienlebens weitgehend geschwächt wurde, wenn die Ehe nicht mehr alle Züge einer geheiligten Institution aufweist, wenn überhaupt dauerhafte Bande von Mensch zu Mensch immer seltener und nur noch auf Zeit geknüpft werden, -) wenn in der Kunst das Besinnliche, Schlichte, Harmonische einer sich wild gebärdenden Disharmonie hat weichen müssen und wenn am Ende das Lebenstempo überhaupt den Charakter des Rasens angenommen hat, nicht zuletzt auch verursacht durch rein wirtschaftliche Miseren, so wird es dem, der in dieses wüste Getriebe hineinblickt, klar, aus welchen Gründen gegenwärtig kein Raum da ist zur Entfaltung religiöser Erundkraft. _ (Fortsetzung folgt.) O Das gilt indes nicht für die wenigen fein organisierten Menschen. Siehe hierzu die wundervolle Abhandlung Schelers über die Ehrfurcht im „Umsturz der Werte", Leipzig 1923. 2) „Der Morgen", Jahrgang 5, Nr. 6. 2) Siehe auch Heitmann, Die Krisis, der Religion in der Großstadt im „Morgen", Jahrgang 5, Nr. 5.

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