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Jüdische Schulzeitung · 1930-09-15 · 9 (15.9.1930) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
9 (15.9.1930)
Date
1930-09-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sekte 2 ihrer Tiefe nur für besonders befähigte spekulative Feinschmecker genießbar sind." Ich will versuchen, einmal die Grundelemente herauszustellen und nebeneinander zu ordnen, die in ihrem ZusamMünklingen das religiöse Verhalten schlechthin konstituieren, und dann bestimmen, wie der. moderne Jude zu diesen Grundelementen steht, in welchem Ausmaß er etwa geneigt ist, sie in seinen Wesensbestand aufzunehmen, oder aber in welchem Umfang er ihre Einbeziehung ablehnt. Dabei verstehe ich unter dem modernen Juden jene Menschen, die sich in das kulturelle und zivilisatorische Getriebe ihrer Umwelt vorbehaltlos eingeflochten fühlen, und denen die Religion irgendwie problematisch geworden ist. Soweit ich sehe, scheint mir Religiosität in drei Verhaltensweisen wirksam zu sein: einmal in einem irrationalen Kernerlebnis, sodann in einem rationalen Beitrag und schließlich in der praktischen Tat. 2) Das über alle Vernunfterwägungen hinausgehende Urerlebnis im Religiösen, das uns Rudolf Otto in einem schönen und tiefen Buch über das Heilige dargestellt hat, ist die unmittelbare, den Menschen berückende Erfahrung einer höheren Macht, von der er sich, um mit Schleiermacher zu sprechen, schlechthin abhängig fühlt. Es ist der wirkliche Umgang mit der als Person gefühlten Gottheit, so wie er uns lebendig geschildert wird in unserer heiligen Schrift und wie er im Katholizismus als die unio mystica, als das geheimnisvolle Beieinander uns Einssein von Gott und Mensch im Abendmahl erlebt wird. Es ist ein Vorgang eigener Art,'ein Mysterium, das völlig unabhängig von gedanklicher Erfassung sich vollzieht in den tiefsten Schichten der unergründlichen menschlichen Seele. Keinem wird dieses Erlebnis zuteil, zu dem nicht die göttliche Gnade herniedergestiegen ist. Und wenn wir die Glut, die ihm eignet, in ihrer bezwingenden Kraft erahnen wollen, so müssen wir gum Buch der Bücher greifen und jene Seiten aufschlagen, auf denen uns die gewaltigen Eottcsmänner den Augenblick schildern, da die Gottheit sich in unbegreiflicher Seinsfülle und Herrlichkeit zu ihnen herabneigte. Richard Kabisch hat in seinem Buch „Wie lehren wir Religion?" versucht, dieses Erlebnis zu verdeutlichen. Es sei, so meint er, ein Aufschwung des Gefühls durch den wahrhaftig eintretenden und von keiner Wissenschaft hinwegzuleugnenden Zustand einer lnstvollen Anregung und Spannung, die das Leben durch eine aus dem Unterbewußtsein hereinflutende andere Welt steigere und erhöhe. Eine andere Welt! Da haben wir das Mysterium vor uns, das ein Transzendentes ist und das im Augenblick seines Hereinbrechens in unsern Lebensstrom unfern Cefühlsbcftand mächtig erregt. Es ist klar, daß cs immer nur wenige gewesen sind, die die Gottheit so zu erleben vermochten. Es waren die religiösen Genies, deren Seinsweise wie die aller genialen Menschen weit ab von der Norm des Alltäglichen verläuft, und wer das Exemplarische dieser Menschengattung erblicken will, der trete hin vor die gewaltige Mosegestalt eines Michelangelo, und es bedarf feiner weitern Worte, die doch nur unzulänglich bleiben müsien in dieser Sphäre übermenschlicher Urkraft. Sie haben ansteckend gewirkt, diese Männer, wenn.sich aus ihrem Erlebnis Wort und Tat entrangen, und nur so ist es erklärlich, daß sie schwärmerisch verzückte Gemeinschaften, Sekten, Jüngerschaften, Messiasverehrer und ähnliche menschliche Kollektiva um sich zu scharen vermochten. Ausnahmen sind auch diese geblieben, weil im normalen Ablauf des Lebens der Durchschnittsmenschheit die Hochspannungen einer derartig innigen religio mit Gott fehlen. Das Judentum hat im Gegensatz zu andern Bekenntnissen die Grenzen sehr wohl erkannt, die dem Menschen hier gesetzt sind,' und es hat deshalb das entscheidende Gewicht nicht auf das Erlebnis 2) Siehe hierzu Süddeutsche Monatshefte, 25. Jahrgang, Heft 9, Felix Wcltsch: Die Krisis der Religion im Judentum! Nummer 9 dieser mystischen Verbindung mit Gott gelegt, darauf hat sowohl Leo Vaeck in seinem Buch „Das Wesen des Judentums" als auch Martin Vuber in seiner Rede über die Erneuerung des Judentums nachdrücklich hingewiesen. Nun gibt es aber doch die Beziehung zum Transzendenten auch in einer weniger leidenschaftlichen Aufgewühltheit, eine Stimmung der Verbundenheit mit dem Urgrund der Welt, der nicht unmittelbar als personale Gottheit, wohl aber irgendwie als Ausstrahlung ihres Seins empfunden wird, und auch diese Stimmung bezeichnen wir als religiöses Verhalten. Sie beseelt uns, wenn wir etwa im geweihten Raum weilen, wenn ernste Musik an unser Ohr dringt, wenn wir die Elemente der Natur ihr gigantisch Werk verrichten sehen, und wenn uns die Unbegreiflichkeit der Ausmaße im Makro- und Mikrokosmus Zum Bewußtsein kommt. Auch dann glauben wir uns hinausgehoüen aus der Sphäre irdischer Bindungen und eingetaucht in einen Seinsstrom, der von der Ewigkeit herkommt und zur Ewigkeit hinfließen will. Max Scheler freilich war der Ansicht, hier handle es sich eigentlich nicht um spezifisch religiöse Erlebnisse, weil eben die Empfindung, der Gottheit in Person gegenüberzustehen, fehle. Wer indes den Begriff „Religion" weiter faßt, wie es die meisten Forscher stets getan haben, der wird sehr wohl auch hier von Religiosität sprechen dürfen. Das religiöse Grunderlebnis tritt wie jeder psychische Prozeß nach außen hin wahrnehmbar hervor. Alle sakralen Handlungen, jede kultische Eefte, vor allem das Gebet, sind derlei innere Vorgänge sichtbar oder hörbar abschließende Akte. Ihnen fehlt ursprünglich die Selbständigkeit, weil sie die naturnotwendigen Kundmachungen seelischer Geschehnisie sind. Als solche wurden sie, namentlich das Gebet, von christlichen Religionspsychologen. von James, Heiler u. a. m. als die eigentlichste und innerlichste Quelle jeder Religion angesehen.*) Es ist verständlich, daß jüdische Forscher auch dem Gebet keine Zentralstellung in der Religiosität eingeräumt haben. Bedenkt man, wie sich im Lauf der Entwicklung alles Kultische vom Erleben losgelöst, verselbständigt und verfestigt hat, wie es schließlich zum bloßen Formular wurde, zum leicht verwendbaren Symbol, so wird man die Gefahr wohl zu ermessen wissen, die in jeder den Kult zur Beherrscherin des Religiösen erhebenden Theologie mitgegeben ist: man wird aber auf der anderen Seite auch die Schwierigkeiten nicht übersehen, die sich ergeben, wenn eine Zeit nach den ihrem religiösen Empfinden adäquaten Ausdrucksformen suchen muß. * Der rationale Beitrag zur Religion ist das Elaubensgut, das in seiner Fülle feftgelegt ist in den heiligen Urkunden, und dessen Inhalt ausgedeutet und geordnet wurde in der reichen Geistesarbeit der spekulativen Theologie aller Religionsbekenntnisse. In ihm sind die ethischen Stützen umfaßt, auf denen ein Elaubenssystem beruht, im Judentum am lapidarsten ausgesprochen vielleicht in dem Fundamentalsatz: Heilig sollt Ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige, Euer Gott. Verlief das eigentliche religiöse Erlebnis in der Sphäre des Gemüts, fernab von logischer Durchdringungsmöglichkeit, so entwickelt das Glaubensmäßige sich in der Sphäre des Nationalen, wenn es auch aus dem Bezirk des Irrationalen herstammt und wenn ihm auch in der Form des Vertrauens ein Beitrag aus der Gefühlsseite mitgegeben ist. Aber die ratio stehen doch an erster Stelle, und das Judentum hat sich nie damit abgefunden, einem ersäo quia absurdum vorbehaltlos zu-zustimmon. Der Glaube ist in gewissem Sinne ein Ersatz für das nur wenigen zugängliche Reich der unmittelbaren Gotteserfahrung. Er verdankt *) W. James, Die religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit. Deutsche Bearbeitung von G. Wobbermin, Leipzig 1920, und Fr. Heiler, Das Gebet, München 1921. Jüdische Schulzeitung.

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