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Jüdische Schulzeitung · 1930-09-15 · 9 (15.9.1930) · page 1

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
9 (15.9.1930)
Date
1930-09-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nummer 9 fcHRM/ Wsnaksschrist für PaöKgogik und SchulAoMik Heransgegeben vorn „NeichsvorLand der jüdischen Lehrervereine" CS^ \/ü y vs/ Li LL£1 V/ L Wsrmksschrifl für PaöKgogik und SchulAoMik Die „Iüd. Schul,Leitung" erscheint am 15. eines jedenMonats und wird allen Mitgliedern der dem „Neichsverband der jüdischen Lehrervercine" angeschlossenen Vereine kostenlos zugcstellt. — Post-Bezugspreis für 3H d) 1 » Mitglieder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 13. September 1930 Druck, Vertag und Geschäftsstelle: M. Lehmann, Hamburg, ABC-Strahe 57. Tel.: Sammelnummer C4 Dammtor 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil. M. Steinhardt -Magdeburg, für den Inseratenteil: L.K n u d s e n, Hamburg. Anzeigenpreis 40 für die Ogespaltene Nonpareille-Zeile. Jnhaltdref er Nummer: Ueber Religiosität in unserer Zeit und über den Religionsunterricht von Dr. Siegfried Braun. Jüdische Vokal- und Instrumentalmusik (II. Teil) von Anselm Bing. Notizen zum jüdischen Religionsunterricht von Siegfried Moses. Neuere biblische Literatur von Rabbiner Dr. Posner, Kiel. Literarisches. Bei der Schriftleitung eingegangene Bücher. Aus dem Lehreroerbande. Notizen. Aber Religiosität in unserer Zeit und über den Religionsunterricht.*) (Vortrag, gehalten auf der Jahresversammlung des Vereins Israelitischer Lehrer und Lehrerinnen Rheinlands und Westfalens zu Duisburg.) Von Dr. Siegfried Braun, Köln. So lange die Erziehergeneration lebt, die gegenwärtig die Jugend zu betreuen hat, so lange und wohl länger noch tritt unaufhörlich die Klage über mannigfache Mißstände und über mangelhafte Erfolge im Religionsunterricht an uns heran. Ungezählte Berufene uitd Unberufene haben in Mort und Schrift den Gründen dieser Klage nachgespürt und der Lehrerschaft Rcformvorschläge verschiedenster Art unterbreitet. So hoffnungsvoll sie vorgelegt wurden, so zuversichtlich nahm man sie entgegen. Man durchdachte sie gründlich, erprobte sie praktisch, uird wäre allein der gute Wille ausschlaggebend gewesen, so hätte der Erfolg wahrlich nicht ausbleiben können. Allein es blieb, aufs große Ganze hin gesehen, alles beim alten; ja, die Situation verschlechterte sich noch Zusehends, und heute sind wir so weit, dah der Religionsunterricht als die am wenigsten geschätzte Tätigkeit im Erziehungswerk der Schule dasteht, dah er gerade noch gut genug ist, als Zielscheibe heftiger Angriffe und beißender Spottlust gu dienen. Und es sind nicht die Stumpfen und Trägen in unserer jüdischen Gemeinschaft, an deren Urteil wir in diesem Zusammenhang zu denken haben; nein, cs sind die geistig Führenden, deren Exponenten, ein Jakob Wassermann, ein Edmond Fleg, ein Franz Rosenzweig, ein Arnold Zweig, um nur einige Namen herauszugreifen, eine zum Teil vernichtende Kritik am Religionsunterricht unserer Tage, und eine herbe, zuweilen ungerechte Kritik an uns Lehrenden selber geübt haben. Woher konimt es denn nun eigentlich, daß ein Unterrichtsgebiet, in dem die ernstesten Anliegen des 'Daseins Gegenstand erzieherischer Tätigkeit sind, eine derartig bedenkliche Stellung inne hat, daß alle Beteiligten unfroh gestimmt werden, wenn Der Verfasier, welcher der jüdisch-liberalen Richtung angehort, behandelt das Thema naturgemäß unter dem Gesichtspunkt liberaler Weltanschauung; in einer der nächsten Nummern werden wir einen Aufsatz veröffentlichen, der das gleiche Thema vom Standpunkte jüdisch-orthodoxer Weltanschauung aus behandelt. Die Schriftleitung. sie mit Fragen befaßt sind, die seiner Förderung dienen sollen? Woher die geradezu feindselige Haltung, die man ihm gegenüber geflissentlich an den Tag legt? Mir will scheinen, als habe man sich bei dem Bemühen, dis Ursachen aufzufinden, allzusehr im engen Bezirk des Fachlich-. Methodischen bewegt, als habe man es verabsäumt, den suchenden Blick aufs Ganze der Eeisteshaltung des modernen Juden hin zu richten, in einen Bereich also, in dem allein die tieferen Zusammenhänge jeder geistigen Krise offenbar werden können. Gewiß trifft es zu, wenn behauptet wird, Schuld an den Verhältnisien trage die Indifferenz des Elternhauses, die stiefmütterliche Behandlung des Religionsunterrichtes im Gesamtplan der Erziehung, die Abneigung der Jugend gegen den Religionsunterricht und hie und da auch die resignierte Haltung der Lehrenden. Aber es heißt doch an der Oberfläche der Problematik haften bleiben, wenn man an dieser Stelle in der Erörterung Halt macht, wenn man nicht die Fragestellung weiter zurückschiebt und darüber sich Gedanken macht, woher denn diese auffällig abschätzige Wertung rühren mag. Es ist doch wohl ohne Zweifel so, daß das Maß an Wertschätzung des Religionsunterrichts entscheidend abhängig ist von der Stärke oder Schwäche der Religiosität selber, die einem Zeitalter eignet, und es läßt sich nichts Ersprießliches zur Sache Vorbringen, wenn nicht zuvor die Frage beantwortet ist: Wie steht der moderne Jude.zur Religion? Aus dieser Einsicht heraus habe ich mir die Aufgabe gestellt, vor Ihnen heute einmal über Religiosität unserer Zeit und über Religionsunterricht zu sprechen. Und.wenn ich das Schwergewicht meines Vortrages bewußt nicht auf die pädagogische Seite des Themas lege, sondern auf die religionssoziologische, so geschieht es deshalb, weil es notwendig ist, daß sich der Erzieher mitten in seiner fachlichen Arbeit zuweilen auch einmal auf eine höhere Warte begebe, um von dort aus Ueberschau gu halten über das ganze Gebiet geistiger Strömungen, die in sein Werk hineinspielen. * Es kann keine irgenwie belangvolle Analyse des religiösen Verhaltens einer Zeit gegeben werden, wenn man sich nicht zuvor über das eindeutig verständigt hat, was unter Religion und Religiosität *) zu verstehen sei. Hier herrscht auch nicht im entferntesten Uebereinstimmung, und Eirgenson hat recht, wenn er in seinem Buch „Der seelische Aufbau des religiösen Erlebens" schreibt: „Fast alle psychologischen Theorien über das Wesen der Religion, die seit Anbeginn des menschlichen Denkens geäußert worden sind, finden noch heute lebende, wissenschaftlich vollgebildete Vertreter, angefangen von den robusten, gedankenarmen Deutungen aus Priesterbetrug und krankhafter Ent-' artung bis hin zu den sublimsten vergeiftigsten Theorien, die in ‘) 2ch lasse mit Absicht den logisch leicht einsichtigen Unterschied zwischen den Begriffen Religion und Religiosität unberücksichtigt, weil er praktisch belanglos ist.

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