Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 7 (15.7.1930)
- Date
- 1930-07-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Jüdische- Schulzeitung. Seite 3 Nuunurr 7 gar ihre Feindseligkeit gegenüber dem jüdischen Leben. Und diese Motive sind durchaus verständlich: sie liegen in der Situation der jüdischen Äugend überhaupt begründet. Welches ist denn heute die Situation der .jüdischen Äugend'? — Dieser Frage ist, abgesehen von den Fachkreisen der Sozialarbeiter und der Äugend, selbst viel Zu Wenig Beachtung geschenkt Worden, gerade auch in den Kreisen, die in ständiger Fühlung mit der Äugend leben sollten. Verständlicherweise: der Umsturz in den politischen und roirtschaftlichen Verhältnissen hat nicht vermocht, plötzlich neue Gesinnungen in der alten Generation wachzurufen: man wechselt Ueberzeugungen nicht wie Kleider. Für die Äugend liegen die Dinge anders: sie.steht vor den neuen VerhälZnissen als Tatsachen/ sie bildet auf dieser .Grundlage ihre Anschauungen. Und zweifellos ist auf Grund dieser neuen Tatsachen die jüdische Lage eine andere geworden. Man denke an die begonnene Verwirklichung nationaljüdischer Wünsche an die Stellung der Religion im neuen Staat, an die Entwicklung des Parteiwesens in Deutschland, die die Äuden immer mehr in die linken Gruppen drängt, welche bekanntlich eine ganz andere. Einstellung zu nationalen und religiösen Fragen haben als die weiter rechts stehenden Gruppen, von der Teilnahme von Äuden an Untern ehmustgen radikaler Kreise nicht zu reden. Hinzu kommt die verhältnismäßig rasch sich neu- und völlig ümgestaltende Lage der Äuden auf dem Berufsmarkt. bedingt durch die zunehlmende Ausschaltung des Zwischenhandels, so das; die Äuden sich zu einer mehr oder minder raschen Berufsumschichtung entschließen müssen, bedingt ferner durch den wirtschaftlichen Boykott, bedingt ferner durch die gerade in letzter Zeit mit besonderer Heftigkeit sich herausbildende katastrophale Lage der Wirtschaft und der Arbeit überhaupt. Es steht angesichts dieser Entwicklung fest, daß in Zukunft der Jude Angestellter oder Arbeiter sein wird mit nur geringen Aufstiegsmöglichkeiten, mit einem verhältnismäßig niedrigeren Lebensstandard als bisher. Der Jude wird wirtschaftlich zum Proletariat gehören. Wird er auch geistig Proletarier sein? Oder ist er es schon? Diese Frage kann heute no.ch nicht beantwortet werden. Äon uns aus gesehen müßte der Lebensstandard niedriger fein, denn mit sinkendem Einkommen sinkt ungleich rascher die Befriedigung' kultureller Bedürfnisse. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß sich das Kulturniveau des Proletariats gehoben hat: in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung hat der Proletarier praktisch keine Möglichkeit — von einzelnen Ausnahmen abgesehen —, das Kulturniveau der Bürgerklasse zu erreichen. Umgekehrt wird in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung der zum Proletarier „herabsinkende" Bürger — dies ist die Situation der Äudenheit — sein Kulturniveau senken müssen. Davon kann aber heute, wo die wirtschaftliche „Verproletarssierung" der Äuden bereits in vollem Gange ist, keineswegs die Rede sein. Unsere Geisteshaltung ist eine durchaus bürgerliche. Aber diese Ueberlegung ist müßig: wir können heute noch gar nicht übersehen, welche geistige Haltung das Proletariat dereinst haben wird, wie das Proletariat dereinst überhaupt aussehen wird, das jüdische wir das nichtjüdische — denn die Entwicklung des Mittelstandes tendiert ja ganz allgemein zum Proletariat —; ja/ riciici.t't ist die von uns angewandte und für unsere.Verl r.Iic Zutreffende Terminologie eine solche, wie sie für me stüueren Verhältnisse nicht mehr zutreffen wird. Än diese Entwicklung also gerät der jüdische Äugend- .iür v.:\: dem Zeitpunkt seiner Schulentlassung hinein. Wird er bier assimilieren, genau wie er sich 'früher als am Lstrtuch den Trink-Unsitten assimiliert hat? c-:. wird ii m leichter fallen, sich zu assimiliere,:, als dem Lu.dev-:::u er tritt in einem früheren und ungleich beeinflußbareren Lebensabschnitt ins Leben hinaus als jener. — Nun ist Assimilation keineswegs etwas Negatives: es gibt durchaus gesunde Assimilatiou. Und um eine solche gesunde Assimilation handelt es fick), wenn der jüdische Lehrling seinem 'nichtjüdischen Kollegen in die Gewerlschaft folgt. Die Pflicht jedes Arbeitnehmers, auch des Lehrlings, sich gewerkschaftlich zu -organisieren, ist zu selbstverständlich, als daß es -einer Begründung dafür bedürfte. Und auch gegen den Eintritt in eine politische Äugendgruppe — ausgenommen die extremen Radikalen — wird, abgesehen von grundsätzlichen Bedenken vom jüdischen Standpunkt, nichts einzuwenden sein. Bedenklich wird diese „Assimilation" erst, wenn infolge dieser Entwicklung auf Grund von Ideologien, die für den Äugendlichen noch nicht überprüfbar sind, das jüdische Element aus dem Leben des Äugendlichen verschwindet, begünstigt von jenen intellektuellen jüdischen Kreisen, die — selbst in ihrer Lebenshaltung durchaus bürgerlich — mit aller Macht für -eine proletarische Geisteshaltung agitieren, die sich meistens gegen das religiöse Judentum — sei es orthodox oder liberal —, häufig auch gegen den Zionismus richtet. Es ist dies die .Gefahr der „roten Assimilation", auf (die nicht eindringlich genug hiugewiesen werden kann. Wir erkennen sie kaum: unsere Stellung zu dieser wie zu allen Lebensfragen überhaupt ist eine, gewissermaßen versteckte. Vielleicht müßten wir — wie die christlichen Konfessionen aus der Stockholmer Konferenz 1925 — auch zu einem Treffen der jüdischen Führer kommen, auf dem wir dort 31t den Fragen der Erziehung, der Arbeit, der Muße, der Ehe, der Familie usw. vom jüdischen Standpunkt in jedem Sinne — religiös wie nationaljüdisch, beides wird sich nicht trennen lassen — Stellung nehmen. Vorläufig aber ist es nicht au dem, und wir stehen vor der Aufgabe, der „roten Assimilation" entgegenzutreten, einer Aufgabe, bic auch die Mitarbeit des jüdischen Lehrers erfordert. Nun muß hier, bevor die Aufgabe näher gekenuzeich-- not wird, eine klare Scheidung erfolgen zwischen dem Teil der jüdischen Äugend, der schon aus proletarischen Verhältnissen stammt, und dem Teil, der — aus bürgerlichem Milieu hervorgeheud — die oben beschriebene Entwicklung entweder schon durchmacht oder doch vor ihr steht. Dieser Teil der jüdischen Äugend ist heute großenteils noch in den Bünden der jüdischen Äugendbewegung zu finden, jener keineswegs. Die Aufgabe, der „roten Assimilation" entgegeuzuarbeiten, wird darum zunächst bei der bereits wirtschaftlich und geistig proletarischen Äugend einzuseizen haben: doch werden die so gewonnenen Methoden späterhin — möglicherweise mit Abwandlungen — auch auf die zunächst erst wirtschaftlich „verproletarisierte" Äugend Anwendung finden. Fürs erste könnte gefragt werden, warum die jüdifche Äugendbewegung sich nicht dieser „Unorganisierten" — wie diese Jugendlichen zum Unterschied von den bereits in der Jugendbewegung „Erfaßten" genannt werden — annimmt und bet sich aufnimmt. Und zugleich wäre die Gegenfrage zu stellen, ob sich die „Unorganisierten" .von der Jugendbewegung erfassen lassen würden. Diese Frage ist zu verneinen. Die Andersartigkeit des Milieus — die jüdische Jugendbewegung ist im großen und ganzen noch durchaus bürgerlich — einerseits, die Auslese, die die Jugendbewegung trifft (mit Nechtl), andererseits wirken hemmend. Die Erfassung der Unorganisierten wird sich also gesondert von der Jugendbewegung, wenn auch in ständiger Wechselwirkung mit ihr und in Anlehnung an sie vollziehen. Und zwar geschieht die Erfassung in sogenannten Äugendpflegegruppen. Das Adressenmaterial liefern zunächst die Kartotheken der jüdischen WohlfahrtS-, Äugend-, Arbeitsämter. Gefällt es den auf diese Weise gewonnenen Äugendlichen, so bringen sie dann wohl auch i.hve Freunde mit. Die Erfahrungen