Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 6 (16.6.1930)
- Date
- 1930-06-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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..Ui> iuati , i|i ,;:üi ■,ücr- •'.iraü am ■:u iu . . io - \\i x äm vmn :Ol-b- ■rals .. der . ';Ui :-va oc-; j!-• .x‘l - •' Nummer 6 Situation mm kennzeichnet der Verfasser als „Voraussetzung des Sozialismus" als einen Boden, auf dem der Sozialismus aufwachsen konnte und mutzte. Der ' abendländische Kapitalismus wird ihm zinn „Symbol des profnnHicrtcn Humanismus". Der Sozialismus wird gewissermatzen herbeigerufen. Den Ruf verstärkt die „Bedrohtheit des menschlichen Seins im Proletariat". Hier wird die Bedrohtheit am stärksten sichtbar und am stärksten erlebt und entstünden. „Unges i ch e r t h e i t ", zunächst der materiellen Existenz, lätzt nicht zur Ruhe kommen.. Selbst bei „Hörigkeit und Sklaverei" war die Situation der geknechteten Menschen gesicherter. Es fehlt dazu die Sicherung im „Geistigen" oder nur die Möglichkeit der „Flucht" ins „Geistige" wie sie typisch ist für den Kleinbürger, der noch die Möglichkeit hat, auf eine scheinbar tiefere soziale Schicht herunterzuschauen, weil ihn nämlich , die Gesellschaft zwingt. Kragen anzuziehen, während anderen gestattet ist, ein Halstuch zu tragen. Es fehlt sogar die „Möglichkeit, durch gegenseitige Hilfe die Unsicherheit entscheidend zu beheben". Hinzu tritt das Gefühl der „A u s g e st o tz e n h e i t".' „Alle humanitären Versuche bestärken nur diese Situation." Und wenn dem Arbeitenden ein minimaler Anteil am Arbeitsertrag nur zugestanden wird, so verstärkt dies das Gefühl der Ausgestotzenheit. Wie heitzt es in einem „Lied vom täglichen Brot"?: Die Kleider weben gehen blotz, die Wohnung bau'n — wohnungslos, die Kohlen graben ohne Herd, die Werte schaffen ohne Wert." Der Proletarier kann „selbst bei günstigen Konjunkturen niemals über die proletarische Existenz hinauskommen". Das Signum dieser Situation ist „Hoffnungslosigkeit" und schlietzlich das „Vewutztsein einer völligen Sinnlosigkeit seiner Existenz". Aus dieser Sinnlosigkeit erhebt ihn der Gedanke des „Klassenkampfes", gegen den es keine Veruhigungspülverchen und -mittclchcn geben darf. Dem Proletarier als Ersatz spätere Glückseligkeit in Aussicht stellen, bedeutet nichts als einen „seelischen Betrug". „Klasse ist Gemeinsamkeit der wirtschaftlich begründeten Lebenssituation, die im Eegen.satz steht zu anderen auch wirtschaftlich begründeten S i t u a t i o n e n". Aber Klassenkampf — so wird weiter ausgeführt — hat zunächst nichts zu tun mit „Klassenhatz", „obgleich er schwerlich ohne solche Begleiterscheinungen auftreten kann..." „Im Klassenkampf will das Proletariat das erreichen, was ihm oorenthalten wird, den Sinn eines menschlichen Lebens". Und nun gelangt der Verfasser zu einer Erkenntnis, die uns zwar längst als selbstverständlich gilt, für die man, aber besonders danken mutz, wenn sie von einer anerkannten Persönlichkeit, ohne jeden agitatorischen. Beigeschmack, ausgesprochen wird. Er sagt: „Feder einzelne Kampf, mag er um eine politische Einzelheit, mag er um einen Tarifvertrag gehen, ist im letzten Grunde ein Kampf um Erfüllung mit Seinsfülle und Lebenssinn... ein Kampf um das Reich Gottes..." Dieses dumme Gerede von den Lohnsozialistcn ist wirklich widerlich und selbst die Behauptung vom verhinderen Bürger ist weder richtig, noch geistvoll, noch sympathisch. Man^kann es entweder als Dummheit oder als Gemeinheit, als Spott über eine unerhörte und natürlich unästhetische Armseligkeit nehmen, denn als was sonst? 2a, dieser Kampf yar einen riefen Sinn. Seine Ziele, seine Methoden, seinen' hypothetischen Ablauf, feine Antriebe zusammengefatzt, das :st^ der Marxismus. Fm Marxismus ist tatsächlich „Sein gclernst, menschliches Sein, Sein von Massen, die ohne Form und Sinn dahinlebten". Marxismus, wenigstens „echter Marxismus" \\t profaner Ausdruck religiösen Denkens, es kommt nur darauf an, sein religiöses Gewissen wachzuhalten. Seite 3 So wächst ein neuer Glaube „eschatologischen Charakters", ein neuer Lebenssinn, so wird der Sozialismus zrim „religiösen Phänomen". Wenn auch dieser Glaube in Form von wissenschaftlichen Thesen und Formeln, manchmal beinahe mathematisiert auftritt, er ist doch — vermöge der Heiligkeit und Kraft seiner Ziele — keine Wissenschaft, sondern ein Glaube. Freilich ein „verhüllter Glaube an den Mythos, d. h. verhüllter religiöser Glaube". Wissenschaftlicher Glaube, Elaubenswissenschast: das bringt eine „Zweideutigkeit der sozialistischen Formen". Auch die politische Partei hat ein zweites Gesicht für den Proletarier, sie ist mehr, sie ist auch eine „religiöse Gemeinde". Diese „Zweideutigkeit" ist eine Gefahr, aber auch eine stete Warnungstafel. Sie warnt, Hatz Teilerfolge materieller Art nicht den religiösen Schwung erlahmen lassen und sie warnt, datz das Nichterreichen schnellen Enderfolges' nicht zur Resignation führe. In dieser „Zweideutigkeit" — wir würden sagen Mehrdeutigkeit — wird das Religiöse im Sozialismus zum immer pochenden Gewissen, scheidend zwischen rein und unrein, zwischen edel und unedel, zwischen den Menschen und der „Situation" die allein zu bekämpfen ist, schützend vor der „Idealisierung des Proletariers als Menschen" und der „Dämonisierung des Bürgers als Menschen". Aber dieses disziplinierende, mahnende Gewissen darf nur er-r tönen „in Verbindung mit einem 2a zur Klassenkampfsituation", ohne jede Beschönigung der Umstände, ohne Verdeckungsabsichten, sachlich. Denn „Sachlichkeit nimmt die Sache so, wie sie ist, sie tut nichts hinzu, und sie nimmt nichts hinweg'....", siesucht keine Linderung, sondern neue sinnvolle Gestaltung. Diese sinnvolle Gestaltung aber ist dann die Station, die der nächsten Gegenwart zukommt, von der aber die übernächste Gegenwart sich schon wieder entfernen mutz. Neuem Ziele zu, aber keinem Endziel. Ein Ausruheplätzchen zu schaffen wird verschmäht, .nicht so sehr im Materiellen wie im Geistigen. Denn darein würde sich sonst die religiöse Sphäre separieren, anstatt die Profaneität zu durchpulsen und vorwärtszuschleudern. Das wäre ein „Abfall" von der religiösen 2dee. Der Verfasser sagt zwar nicht religiöse 2dee, sondern „christliche Idee", aber hier ist ein Kriterium der Religiosität schlechthin, für das keine konfessionelle Einengung möglich ist. Und für jede Religion liegt hier der Prüfstein, „ob -sie sich weiterhin der Aufgabe entziehen will, mit prophetischer Kraft der sozialen Dämonie unserer Zeit entgegenzustellen, oder ob sie, wie bisher, einerseits sich der Opfer dieses Systems — des hemmungslosen kapitalistischen nänilich (d. Rez.) — annehmen, andererseits unter dem Schein religiöser Neutralität das System als solches stützen will". S o z w i n g t der religiöse Sozialismus die ReIigionen auf den Weg der religiösen Verwirklichung. Es ist dann wirklich nur eine Frage der Terminologie, ob man den religiösen Sozialismus als Religion, oder nur als religiösem Impuls, oder als Sammelstrom religiöser Weltformungsgedanken bezeichnet. Die Frage der Bezeichnung überhaupt tritt zurück, gegen den Kampf in der vordersten Front, im Alltagsgetriebe. Das aber ist der Ruf dieses literarischen Kampfdokumentes: es gibt in diesem Kampfe kein Daneben, keine Etappe lind keine Schlachtenbummler, es gibt nur ein Sich ans chlietzen an die Kräfte der Weltgestaltung, der Aktion. Wer nicht dafür ist, der ist und wirkt mit seiner materiellen, geistigen und seelischen Schwerkraft dagegen, er zählt zur Front der Reaktion, als deren bewutzter oder unbewutzier Helfer, er kann den Menschen nicht vertieren, aber er entmenscht ihn, er kann ihm die „Ungebrochenheit" des Wesens nicht zurückgeben und enthält ihm die Bewegung vor, die allein die Freiheit sinnvoll macht. Jüdische Schulzeitung.