Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 6 (16.6.1930)
- Date
- 1930-06-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Jüdische Schulzeitung. in feinem Buche. „Religiöse Verwirklichung" ausspricht. Altes wird aus der Religion entlassen. Neues wird in sie aufgeuommen. In nicht ganz identischer Weise, wie dies hier geschieht, prägt Litjich au-, Bi^tu Zustand dox steten Erneuerung und Ilmprügung den Begriff der „Grenzsituation". Er meint nun. das; es das Spezifikum des Protestanten sei, an der Grenze zu stehen, und betrachtet demnach sein Buch als ein protestantisches und die Verwirkliiichung. die er predigt, als eine protestantische. Aber die Widerlegung dieser konfessionell beengten Meinung bahnt der Verfasser selbst ans indem er sagt: „Die religiöse Verwirklichung . . . musz . . . zuerst und vor allem soziale Verwirk uchung sein." Wir meinen — und damit hoffen wir, jeden Religiösen, gleich welcher Konfession, in den Gedankenkreis Tillichs hineingeflochten zu haben—, dag. überall die gleichen Erundtatsachen einer im Grunde gleichen Wirklichkeit sich uns zur religiösen Gestaltung anbieten und auf dem Boden der Wirklichkeit die Aktiv-Religiösen aller Konfessionen sich schließlich begegnen. Sicherlich sind Ausgangspunkte nnd Methoden verschieden. Wahrscheinlich werden auch die Ziele verschieden benannt. Aber sicher und gewiß sind es die gleichen menschlichen, technischen, wirtschaftlichen, politischen Aufgaben, um die zu ringen und. die oorwäriszutreiben nufere' jüdische Aufgabe genau so ist. wie Aufgabe der Protestanten. Auch des Katholiken? Das Fragezeichen soll , weniger einen Zweifel bedeuten, als die eigene Kompetenz zum Bejahen oder Verneinen in Frage stellen. 'Denn in der katholischen Kirche ist die Methode gewichtig geworden und ihre Handhabung und ihre Beurteilung setzen ein Drinnenstehen voraus. Doch darüber zu befinden und Untersuchungen anzustellen, ist hier nicht der Platz. Hier ist der. Ort auszusprechen — ich hoffe, es wird nicht mißverstanden werden — „gib uns Anteil an deiner Lehre". Religiöse Verwirklichung ist konfessionell gewachsen, aber nicht konfessionell begrenzt. Nach vielen Richtungen treibt der ebenso eigenwillige wie impulsive Verfasser seine Eedankengänge vor. „Das Religiöse als kritisches Prinzip", „Das Religiöse als gestaltendes Prinzip", „Ileber gläubigen Realismus", zur „Christologie", zur „Eschatologie", zum „Sakrament", zur „Ethik", zum „Sozialen", zur „Politik" zu Augustins „De Civitate Dei" und „Zur evangelischen Prosanität" werden in zwölf 'Abhandlungen tiefe Gedanken formuliert. Praktisch interessiert uns gewiß nicht jedes dieser Themen. Aber schließlich kreist doch alles um die Wegfindung zur religiösen Verwirklichung. Können wir anderes tun, als unS anschließen? Diese Wegfindung aber ist mit subtiler Gewissenhaftigkeit erarbeitet und begründet. Lückenlos schließt sich Gedanke an Gedanke, mit äußerster Disziplin wird hier ein Weg abgeschritten, abgemessen. Beinahe wäre mir lieber, der Verfasser würde mit ein paar landsknechtischen Sprüngen den akademischen Ton würzen. Der Popularität und der Masfenwirkung des Buches käme es zugute. Der tiefe Ernst des Buches setzt in 'Respekt und Staunen. Aber wir möchten von dem Buche, daß es die Massen der Geistigen hinreiße und dem rüäblickenden Denken nicht so viel Raum gebe, daß. der politische Impuls keinen Platz mehr finde. - Wenn der geistesadlige Verfasser aber nur ein Führerbrevier geben wollte, so wünschen wir, daß von ihm oder seinem Kreise bald ein konkreter sprechendes, robusteres, in die Niederungen des Tageskampfes führendes Werk, ein Laienbrevier, der Welt geschenkt werden möge, überzeugt, daß viele sich der Führung eines solchen Wegweisers gläubig anvertrauen werden, in welchen abweichenden Formeln sie auch sonst zu Gott beten. Es wurde bereits gesagt, daß uns nicht jedes der zwölf Themen gleichstark interessiert. Aber der Rezensent kann sich Nrumner (> hier nicht damit begnügen, etwa die beliebte Formel zu sehen: „und wo man's ausschlägt ist es interessant". Angesichts der Summe von Geistesarbeit, angesichts der Tiefe und des Ernstes eines solchen Werke«. Wäre ein solche-? llrtei! eine Herabsetzung, förmlich eine Entwürdigung. So wählen wir nun zur näheren Betrachtung ein Kapitel, das der Verfasser selbst als zentral bezeichnet. Es ist der Vortrag Nr. 9 — denn das Buch stellt eigentlich 12 zusammenhängende Vortrüge dar — über „Klassenkampf und religiöser Sozialismus". Ich zitiere aus der kurzen Einleitung hierzu: „... die Stellung zum Klassenlampf ist der Maßsiab dafür, ob ein Sozialismus, vor allem auch, ob ein religiöser Sozialismus den Anspruch auf Ernsthaftigkeit erheben darf." Es muß wirklich immer wieder ausgesprochen werden, mit allgemeinen „kosmischen" Gefühlen, mit Bezeugungen des Mitgefühls, mit „Seid umschlungen Millionen", mit der sozialen „Hingabe" ist nich^ genug getan. Damit kann sogar sehr fehlgetan sein, weil da. wo eine falsche Maßnahme sich breitet, der Plaß für eine richtige versperrt wird. „Religiöser Sozialismus ist also nicht... das hoffnungslose Unternehmen, die beiden als fertig gedachten Größen „'Religion" und „Sozialismus" auf irgendeine Weise zu verbinden. Etwa so, daß man sagt, „Sozialismus ist Neligion" oder so, daß man sagt, „aus Neligion folgt Sozialismus"... Nun beginnt die „Systematische Grundlegung" des Kapitels. durchgeführt mit eifervoller Gründlichkeit, wie überhaupt das ganze Buch durch eine glutvolle Hingabe gekennzeichnet ist, ohne daß der Ton jemals in billigen Agitationsjargon verfällt. Da wird zunächst gesprochen von der nächtsubstantiellen, aber doch erakt nachweisbaren Tatsache, daß der Mensch imstande sei, sich selbst zu betrachten, über sich selbst zu denken, sich selbst zu führen. Tillich nennt dies den „gebrochenen Lebensprozeß". Diese Gebrochenheit, diese Duplizität, wie ich sagen möchte, dieses Leben und seine kritische Spiegelung in unseren Begleitgedanken dazu, bedeutet „menschliche Freiheit" zugleich aber menschliche „Bedrohtheit". „Und doch kann der Mensch nicht zurück in das bloße Sein, in den ungebrochenen Lebensprozeß. So gern er.es möchte, so häufig auch philosophisches Denken es ihm empfiehlt: es ist unmöglich. Der Bruch ist vollzogen und kann nicht rückgängig gemacht werden." Diese Säße stehen hier als Vorbereitung, sind aber für sich betrachtet Ergebnisse, tiefe Ergebnisse klaren Nachdenkens, dargestellt mit Hilfe eines ebenso einfachen wie monumentalen Sprachsinnes. Es folgt eine „Geistesgeschichtliche Grundlegung", wo als geistige, nicht etwa soziologische Ahnen des Sozialismus der heidnische, christliche und der moderne Humanismus nachgewiesen werden. Vom Humanismus in seinen Grundformen wird da gesagt, daß er „das menschliche Wesen als solches zu bewahren sucht". „So kämpft er gegen leibliche Zerstörungen, die sakral begründet sind, wie Sklaverei. Kastenwesen, Krieg, Blutrache usw.: gegen seelische Zerstörungen die sakral begründet sind, wie die heilige Prostitution und den heiligen Rausch: gegen geistige Zerstörungen, die sakral begründet sind, wie das Zerbrechen des Wahrheitsbewußtseins um des Dogmas willen. Der Kampf gegen diese Dinge gibt dem Humanismus sein Pathos und seine religiöse Kraft. Es ist, mythisch gesprochen, ein Kampf um die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, gegen sakrale Verzerrung und Zerbrechung." 2m Laufe der verschiedenen Humanislnen — Tillich unterscheidet scharf verschiedene Perioden und Formen — wird nun die profane Komponente innner stärker, die religiöse Note „klingt ab", schließlich wird der Humanismus profan. „Wir stehen auf dem Boden eines religiös abgeklungenen Humanismus, eines Menschentums, das abgefchnitten ist von den transzendenten Bezügen. Der Mensch steht auf sich selbst. Er sucht die Erfüllung seines Sinnes in sich." Diese