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Jüdische Schulzeitung · 1930-06-16 · 6 (16.6.1930) · page 1

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
6 (16.6.1930)
Date
1930-06-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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WsKkksschM fßr MKs§sM r-rrS Schs^sMK Hesa»sgegebe« von! „WsichSvcrb-rnd d-r jüdische» Hcfyvezbeveme“ Die „Iüd.Schu!zeilu::g" erscheint um den 1ü. einesiedenMonatsnudwirdallen Mitgliedern der den: „ReichLverbaud der jüdischen Lehrer- Vereine" anqcschlossenen Vereine kostenlos zugestel!!. —'Post-Dezngspreks für Nichtruitglreder: Mk. Z.20 pro Quartal. Hamburg, 16. §uui 1929 Druck, Verlag und Geschäftsstelle: M. Les;mann, Hamburg, AVC-Strage 57. Tel.: Sannnelnunnner C4 Dammtor 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil. M. Steinhardt-Magdeburg, für den Inseratenteil: L.K n u d s e n, Hamburg. Anzeigenpreis 40 0 für die Ogespaltene Nonpareille-Zeile. 2 n h a l t d i e f e r N u m m e r : Neligiose Lerwirilichung von 2ssi Bayer. Sigismund Stern von E. Ent. Die Wissenschaft des Judentums (Schlug) von Rabbiner Dr. Posner. Leitgedanken bei meinem Unterricht (Schlug) von M. Abraham.. Literarisches. Bei der Schriftlcitung cingegangene Bücher. Notizen. „Keligmfs WsLkDrEichAttg." *] Von 3w Bayer. 2u Leipzig Hai man jetzt ein großes Altersheim gebaut. Das ist religiöse Verwirklichung. Die jüdische Gemeinschaft, eingeengt in ihrem Tatwillen durch widrige Wirtschaftsumstände, vollbringt hier, im Namen der Religion, ein Werl der Liebe. 2n Rußland hat man jetzt die „Turlsib", die verbindende Eisenbahn zwischen Tnrlcstan und Sibirien, gebaut, in demselben Rußland, das den Satz von „Schnaps, Kirche und Kino" geschaffen, das die Organisation des „Besbofchnil", des „Gottlosen", siaaklich anerkennt, unterstützt und fördert. Äst. dieser Bähnbau — zweifellos eine wirtschaftliche Großtat — auch eine religiöse Tat. eine religiöse Verwirklichung? Man sieht schon, die Frage, was eigentlich Religion fei, ist schwierig. Soviel steht fest: die ethymologisierende Methode, der Hinweis darauf, daß Religion sprachlich von religio Bindung herrühre, besagt nichts, aber auch gar nichts. Denn es erhebt sich sofort die Frage: Bindung an was? Und nun: die Antwort mag — nehmen wir es einmal theoretisch an —j für uns alle heute Geltung haben, so hat sie doch nicht Geltung für frühere und nicht für spätere Zeiten. So also kommen mir dem Objekt unserer Betrachtung nicht bei. versuchen wir cs anders! In dieser Zeitschrist ist, im Anschluß an das Buch von Dr. Schorsth, die Frage der „Lehrbarleit der Religion" untersucht worden.. (2üd. Schulzeitung, V. Iahrgg., Nr. 10.). Dazu möchte ich hier kurz sagen: zu Religion als Empfindungslage hinzufnhren, dürfte möglich fein. Aber es kommt gar nicht so sehr daraus an, was Religion i st, - sondern, was Religion f ordert. Hierüber aber hat die Majorität der Menschheit wenn auch nicht eindeutige, so doch verhältnismäßig klare Vorstellungen. Hillel, der Patriarch, hat es so formuliert: „Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinen: andern zu." Das ist eine negative Formel, deren Positiv selbstverständlich lautet: „Was du wünschest, daß dir getan werde, das tue auch an ändern." Uralte jüdische Gelehrsamkeit kennt die Scheidung in Mi/.» woth lo iaasse in Pflichten, die ein Unterlassen, und in Mizwot assc, in Pflichten, die ein Tun erfordern. Das also, was die 'Religion fordert, liegt gar nicht so sehr im Dunkeln. Freilich, das Naheliegende, das Alltägliche .*> Paul Tillich: Religiöse Verwirklichung, Furche-Verlag, 226 eenen. Geheftet 10 JUL, in Ganzleinen geb. veMllt so leicht der Mißachtung. Auch unsere Gültigkeit hat eine sinnliche Komponente, die nach immer neuen, wechselnden Reizungen verlangt, die tiefe Erregungen herbeisehnt und sich von dem, was gang und gäbe ist, gelangwcilt hinwcgwendet. Das gleichförmige Maß täglicher Pflichten genügt uns dann nicht mehr. Wir verlangen nach dem aufwühlenden Ruf einer großen Parole. Letztes — so lautet dieses verderbenstiftende Wort — wollen wir ergründen, in -letzten Gedanken uns — nbreagieren. Gott, Kosmos, ' Menschheit, so rufen wir dann aus. Keine Angst, die Welt geht über solchen Rufen nicht in Trümmer, sie bewegt sich nach wie vor. doch nicht etwa vom Klang dieser tiefen imb weiten Worte schneller augetriebeu. Nur wir bewegen uns schneller —, um daun das süße Gefühl der Ermüdung befriedigt auszukosten. Die Frage ist -aber nicht, ob wir uns schneller, sondern ob wir uns produktiver bewegt habe::. Nicht ob mir mehr gewollt, sondern ob wir mehr geleistet haben, geleistet am Maße alltäglicher, konstruktiver Arbeit. Für - uns Lehrer z. B. besteht diese religiöse Arbeit darin, rationell zu unterrichten, d. h. mit möglichst wenig Kraftaufwand, möglichst viel Erkenntnis, Wissen, Gesinnung, Gesittung. Leüensgewandtheit ustv. zu verbreiten. Für Architekten heißt diese Ausgabe heute vielleicht, den unzähligen Kleineristenzen die billigste und bequemste Wohnung schassen. Politiker mögen heute daran arbeiten, die Komn:unikation'der Egoismen im nationalen wie internationalen Leben herbeizuführen. Die berufliche Arbeit in höchster Zweckmäßigkeit ansgeführt, das ist die praktische Religiosität, die religiöse Verwirklichung, die jedem einzelnen obliegt. Maßstab isi.die Höhe des allgemeinen Wohles, das man roh messen kann, an: Inder des allgemeinen Wohlstandes. Eine sehr hausgebackene Religiosilät wird man sagen, so ganz ohne Tiefgründigkeit, so ganz des hohen Schwunges entbehrend, so spießbürgerlich, so einfach, so — wenig. Anstatt der Melodie der Sphären die Melodie des — Hammers. Anstatt gigantischen, himmelstürmenden Plauens, ein — Rechenerempel. Anstatt der Helden — Arbeiter, Kärrner. 2a, die Kärrner haben uns gefehlt und sie fehle:; uns heute noch. Vorhanden sind sie zwar, aber sie warten, mehr schüchtern als grollend, im Hintergrund der Zeitgeschichte, daß man sie endlich rufe, aber nicht um sie zu Degradieren, .sondern um zu sanktionieren, um ihnen die Krone des Schöpferadels aufzusetzen. Die Kärrner, sie bringen nicht den großen, aber den stetigen und wirkenden - Rhythmus mit, sie verweilen nicht im Planen, aber sie fügen, unermüdlich, Stein zu Stein, und Tat zu Tat. Und verwirklichen Religion oder was sie fordert. Das gilt heute. Vielleicht gilt es für morgen nicht niehr. Vielleicht galt es nicht für gestern. Das Probten: ist ein „dynamisches". Das ist auch eine der ersten, obenausliegeuden und doch tieserweisenden Erkenntnisse, die Paul Tillich-

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