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Jüdische Schulzeitung · 1930-04-15 · 4 (15.4.1930) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
4 (15.4.1930)
Date
1930-04-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 überhaupt Mechanisches vollkommen ausgeschaltet werden kann, wird dies hierbei der Fall sein. Durch dieses Ausgehen vom Schreiben wird auch die Jdealforderung erfüllt, die Stoll in seinem neuen Lehrplaneniwurf ausgestellt hat. ..die Fibel für rede Schule i.n Sinne eines streng synthetischen Aufbaues seldfr zu erarbeiten. (Auch hierzu siehe unten.) Das Heft, das die Binder fleitzig beschreiben (quadriertes Rechenheft, entsprechend der Quadratschrift) ist nämlich nichts anderes, als jene erste Fibel, oder wenn man's im Sinne bisheriger Terminologien ausdrücken will, eine Art von Vor-Fibel, selbst geschaffen und entsprechend jeder besonderen Anfangssituation. jedem besonderen Milieu. (Das Wort Milieu hier als Summe der Erziehungsbedingungen genommen.) III. W i e soll man schreiben? Rosenfelder sagt, in der Nr. 10 2ahrg. V dieses Blattes, allerdings von anderer Grundlage ausgehend: „Für unwesentlich erachte ich es. die Buchstaben nach Laut- oder Formenschwierigkeiten folgen zu lassen". (Rosenfelder beginnt mit dem Sprechen und das Schreiben scheint lediglich die Rolle der Vertiefung zu spielen, wenn es auch sehr empfohlen wird.) Ich meine nun, datz man einzelne Buchstaben oder Buchstabenteile sozusagen als Grundformen ansprechen kann, von denen auszugehen dann ein Vorteil wäre, der bei unseren Unterrichtsverhältnissen nicht unterschätzt werden darf. Ich denke an das Resch, an den „Stiel" des Waw, an Waw selbst. Ohne eine Prinzipienfrage daraus zu machen, darf man wohl darauf Hinweisen, datz schwierigere Formen wie Peh, Zadeh nicht gerade in die erste Stunde gehören. (DD^np-n Beispiel einer Entwicklungsreihe!) IV. Was soll der Inhalt der Fibel sein? Die Verschiedenheit der bekannten Fibeln entspricht nicht etwa nur dem verschiedenen Geschick der Verfasser, sondern in erster Linie wohl ihren verschiedenen Zielen. Eine Beurteilung ist immer nur möglich an Hand dessen, was erstrebt war. (Wiewohl auch das Ziel selbst einer Kritik unterliegen kann.) Doch bei aller Möglichkeit der Sondergestaltung darf es wohl eine Nichte geben, sofern eine Fibel gedacht ist als Ausgangs- und Erundlagenbuch. Dann "möchte ich folgenden Grundsatz aufstellen: alles, was je im Religionsunterricht Vorkommen wird, inutz in seinem Kerne, in seinem E edanken- oder Stoffkreise bereits an gebahnt, vorbereitet werden. Deshalb gehören in die Fibel: die wichtigsten Namen der biblischen wie gesamtjüdischen Geschichte, die wichtigsten Ortsnamen, die Monate, die Festesnamen und Bräuche, die Namen der Hauptgebete des ganzen Iahres, die Namen der 24 Bücher der heiligen Schrift. Büchernamen wie Talmud, Mischna, Schulchan Aruch, Mischne Torah, die Bezeichnungen wichtiger Stationen jüdischer Geschichte, wie Jeziath Mizrajim, Gallith Babel, Chorbün beth hamikdasch, die Kennworte jüdischer Gebräuche, wie 8'kirath haomer, netilath lulaw, hagboho und gelllab. hakafoth, hoschana Sefer thora, megillab, die Namen der Fasttage, wie überhaupt alle jüdischen Charakteristika. Und das ist vielleicht noch mcht alles. Dadurch wird die Fibel mnfangreicher. aber das wird nur gut sein. So werden selbst mehrfache Wiederholungen des Stoffes vom Kinde leicht ertragen werden. Allerdings: man mutz dann dem Kinde einen viel grötzeren Gesichtskreis Zutrauen und eine stärkere Kraft des Begreifens, als das anscheinend heute bei uns geschieht. Es gibt im Bereiche dessen, was von Juden und an Juden geschehen, nur weniges, was einem Kinde nicht begreiflich zu machen wäre. Nummer 4 V. Allgemein-methodisches. Damit sind mir schon in eine neue Frage gelangt. Die Lernschule ist tot. G. s. D. Doch sind nicht unsere methodischen Bewegirngen, weil sie protestw waren, übers Ziel hinausgeschossen? Und hat man nicht am Stüsstüyöii zuowl yskttiinwvaNokt? Ick möchte keineswegs einer stofflichen „Ueberfütterung" das Wort reden, aber ich glaube, datz besonders unser Religionsunterricht an einem methodischen Zuviel, besser gesagt, an methodischen Künsteleien leidet und stofflicher Unterernährung! Mehr wie für die Beschäftigung mit dem Hebräischen gilt dies für unseren Geschichtsunterricht. Ich will mich hier kurz und untheoretisch fassen. Hat vielleicht der eine oder andere Kollege schon einmal von einem Freund. Vater. Erotzvater oder von der Mutter eine Geschichte gehört? Eewitz! Hat er sie auch im Gedächtnis behalten? Selbstverständlich, noch 30 Jahre darnach! Und nun. meine ich. sollten wir daran gehen, unsere Geschichte auch nach den Prinzipien der M u t t e r s ch u l e darzubieten, in jener gar nicht auffallenden, aber eindringlichen, weil ruhigen Art der Erzählung oder vielmehr der erzählenden Unterhaltung. Dazu gehört auch, datz wir beispielsweise jenes unleidliche Nacherzählen einschränken. Haben wir Deutschunterricht oder Religionsunterricht? Dieses quälende „Ausquetschen" des Schülers mag zur Transpiration der Schulinsassen beitragen, aber eine Vertiefung des Verständnisses kommt daraus nicht. Dazu taugt mehr die freie, kameradschaftliche Aussprache, die Frage der Schüler und des Lehrers. mehr zur Erklärung hinleitende als offen erklärende Antwort. Wir leiden an einer methodischen E l e f a n t i a s i s. Aber wir gestehen uns das nicht ein. Denn wer möchte vor den Kollegen, vor der Welt und — in der Unsicherheit kommt auch das vor — vor sich selbst als altmodisch, faul und reaktionär gelten? Wir müssen aber den Mut aufbringen, unpopulär zu sein, und die a n s ch e i n e n d geringere Anstrengung, die knappere Gestik und den kleineren Rhythmus propagieren, wenn dies erfolgreicher ist. Fleitzigsein und Klugheit sind altbekanntlich zweierlei. Den Seminarschulen darf hier ein Wort gesagt werden. Die Probelektionen, die einem angehenden Lehrer vorgesührt werden, müssen selbstverständlicherweise das ganze technisch-pädagogische Rüstzeug aufleuchten lassen, und alle Möglichkeiten und Feinheiten der Methodik aufzeigen. Aber man vergibt, den Aspiranten einzuschürfen, datz man zwar alles können, aber nicht alles tun soll, wie jenes Volkswort sagt. Die methodischen Künste sind für den Unterricht da. aber nicht ist der Unterricht dafür, datz der Lehrer in jeder Stunde sich auf- und abkletternd auf der ganzen Skala seiner methodisch-technischen Könnerschaft produziere und seine methodischen Raffinessen erprobe. Weder Barbarismus noch Dekadenz, sondern eine gesunde Natürlichkeit des Unterrichtens brauchen wir. VI. In Verfolg dieser Gedankengänge müssen wir weiter fragen: was steht, nun im Mittelpunkte des Unterrichts der Unterstufe? Nicht die biblische Geschichte, sondern die Fibel, bzw. alles, was sich ihr (im Sinne der vorherigen Ausführungen) voranstellen und anschlietzen lätzt. Gerade weil die Geschichte das leichtere Fach ist, darf sie auf der Unterstufe auch den kleineren Raum einnehmen, darf sie das E r g ä n z u n g s f a ch fein, bis die Kinder eine gewisse Vertrautheit mit dem Hebräischen haben. Aber, so wird man einwenden, die Geschichte ist doch so „nett", man kann dabei so hübsch erzählen, die Kinder lauschen mit glühenden Köpfchen, es ergibt sich die Möglichkeit theatralischer Darstellung und dramatischer Jüdische Schulzeitung.

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