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Jüdische Schulzeitung · 1930-03-14 · 3 (14.3.1930) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
3 (14.3.1930)
Date
1930-03-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Jüdische Schulzeitung. tonte 4 Liberalismus, hier liegen die Keime der Zersetzung und der geistigen Arterienverkalkung im deutschen Judentum." Hierzu möchte ich bemerken: 1. Die Jüdische Reformgemeinde (es gibt nur eiue in Deutschland) ist nicht identisch mit dem liberalen Judentum. 2. Was von der Wertschätzung des Gebetes im liberalen Judentum gesagt wird und was angeblich für den liberalen Inden Religion ist, zeugt von einer gewissen Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse und der religiösen Bestrebungen im liberalen Judentum. 3. Wenn von Negativem und Zersetzendem im Judentum zu reden ist, so trifft dies für wirklich liberale kreise nicht zu: dort werden vielmehr positive Werte geschaffen. 4. Ich bemerke ferner: In Baden, über dessen Schulbehörde Herr Translateur sich offenbar aufregt, leben etwa 20 000 Juden. Das ist nur ein Bruchteil der deutschen Judenhcit. Man kann also nicht von diesem Bruchteil auf das Ganze schlichen. 2n Berlin leben etwa 200 000 Juden, darunter ungefähr 16 000 Schüler. Das ist etwa ein Drittel aller deutschen Juden. In Berlin betrügt die Mindestzahl der jüdischen Religionsstunden an den Stellen, an denen die Jüdische Gemeinde und ihre Schulverwaltung Einfluß ausüben kann, 4 Stunden. Sie ist aber an einigen Stellen bis auf 8 und 10 gesteigert worden. Selbst da. wo der Staat an den höheren Schulen nur 2 Stunden für den Religionsunterricht frei gibt, ist vielfach von der Jüdischen Gemeinde eine dritte Stunde für den hebräischen Unterricht eingerichtet. Die Schulverwaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin bemüht sich besonders, - seitdem ein Fachmann sie leitet, den hebräischen Unterricht in jeder Form zu fordern, sie hat an ihren Religionsschulen seit einigen Jahren eine Reihe von Versuchsklassen eingerichtet, die die neueren methodischen Bestrebungen für den Unterricht nn Hebräischen versuchen und brauchbares für die Allgemeinheit zur Regel machen. Sie hat in ihren amtlichen Lehrerkonferenzen wiederholt gründlich über neuere Methoden für das Hebräische, Referate und Lehrproben halten lassen. Sie hat in den letzten Tagen des Jahres 1929 ihre Lehrerschaft zu Ferienkursen zusammengefaßt, in denen drei bekannte Methodiker Referate und Lchrproben gehalten haben: zu ihnen gehört auch der bekannte badische Schulmmm Rosenfelder aus Ladenburg. Und der, der das alles zum grössten Teil veranlaßt und immer wieder veranlaßt, ist der Verfasser dieser Zeilen, der das alles nicht nur tut, trotzdem er ein liberaler Jude ist, sondern weil er aus seiner jüdisch-religiös-liberalen Weltanschauung heraus diese Arbeit für durchaus notwendig hält. Er hat auch in den letzten Jahren als Vorsitzender der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin sowohl in der engeren Vereinsarbeit, wie auch in den allen Lehrern Deutschlands zugänglichen Feriensortbildungskursen der methodischen Weiterbildung des hebräischen Unterrichts die Wege zu bahnen und zu weisen versucht. 5. Vielleicht revidiert Herr Translateur sein Urteil über das liberale Judentum an diesen Tatsachen und an der Tatsache, daß solche.Arbeit nicht möglich wäre, wenn nicht einerseits alle Kreise der Berliner jüdischen Gemeindeverwaltung freudig mithelfen würden, das von der Schulverwaltung gesteckte Ziel zu erreichen, das allerdings nach der Meinung des Verfassers dieser Zeilen mit Partei nichts zu tim hat. 6. Eine Behandlung des Themas „Die Lehrziele des Hebräischen" auf einer allgemeinen Verbandstagung könnte sehr wohl Erfolge zeitigen, allerdings nur unter der Voraussetzung, daß die tatsächlichen Verhältnisse nicht nur durch die Parteibrille geschaut werden. Nummer 3 GeschichLs-Phirossyhische Reuerschermmgsn. Besprochen von Dr. I. Bcrmberger. Nürnberg. Wir beschränken uns heute auf zwei Arbeiten, die sich in gewissem Sinne gegenseitig ergänzen und von denen die eine Studie die andere historisch sortsetzt. Dr. Albert Lewkowitz (Breslau) hat von seiner Arbeit „Das Judentum und die geistigen Strömungen der N e u z e i t". II. D i e A u f k l ä r u n g. erscheinen lassen (als Fortsetzung des!. Teiles: Renaissance, den wir an dieser Stelle früher besprochen haben). (1929, Verlag: Wilhelm Jacobsohn u. Cie.. Breslau.) L. entwickelt zunächst das Weltbild der Neuzeit. die Weltanschauung der Aufklärung. Sie wird uns dargestellt als ein Phänomen, das aus der individuellen geschichtlichen Lage der europäischen Kultur hervorgegangen ist. Das politische, wirtschaftliche und geistige Leben erfährt im Zeitalter der Aufklärung eine tiefgehende Veränderung und damit verlieren die Machte der Tradition, insbesondere die Kirche, ihre politische und geistige herrschende Stellung. Das Zeitalter der Vermcnftreligion tritt an die Stelle der Dogmatik der Kirche. Des ferneren setzt sich die Aufklärung auch in bewußten Gegensatz zur Renaissance. Diese eint Gottes¬ und Naturerkenntnis in der neuplatonischen Weltanschauung. der Ausklärung hingegen ist die Natur ein mathematischnaturgesetzlicher Zusammenhang, in den die Gotteserkenntnis nicht einbezogen werden kann. Die Philosophie der Aufklärung sucht Gott als den Schöpfer der Weltmaschine und den Menschen als Zielpunkt des Universums zu erweisen. Soweit es gelingt, die Religion in wissenschaftliche Erkenntnis überzuführen, erreicht der religiöse Glaube seine Gewißheit. Wir dürfen diese große geschichtliche Leistung der "Aufklärung nicht unterschätzen, weil wir inzwischen hindurchgegangen sind: Durch die systematische Religkonsphilosophicl Kants: weil wir ferner seitdem neue psychologische Einsicht von der seelischen Unmittelbarkeit des religiösen Bewußtseins durch die Religionspsychologie gewonnen haben. Durch die Aufklärung sind Gott und Menschheit Grundlage und Ziele menschlichen Lebens geblieben, als die mittelalterliche Weltanschauung und auch die antike Philosophie den Völkern Europas ein religiöses Weltbild nicht mehr zu begründen vermochten. Des weiteren: die Eeistesgeschichte des 19. Jahrhunderts. Klassik, Romantik und der soziale Idealismus haben in der Menschheitsreligion der Aufklärung ihre Wurzel. All das bringt Lewkowitz in dieser Arbeit zur Darstellung. Ausgehend vom wissenschaftlichen Weltbild der Neuzeit, wird uns das Denken Descartes' vorgeführt, durch den das neue. Bild seine erste tiefere Begründung erfährt. Pascal und Beyle unternehmen Restaurationsvcrsuche der .iUttelalterlichen Weltanschauung. 2m weiteren entwickelt L. die Gedanken der naturalistischen Aufklärung durch Hobbes und Spinoza. Hier an dieser Stelle wird im Gegensatz zu Spinozas Gottesbegriff der Gottesbegriff der jüdischen Religionsphilosophen dargestellt. Spinoza streicht die sittlichen Begriffe aus den Attributen Gottes, während gerade die sittliche Bestimmung Gottes als des Gottes der Liebe und Gerechtigkeit die tiefste Eigenart des jüdischen Gottesbewußtseins bildet. Die Untersuchungen des Autors über das Probleuc Spinoza und Judentum gehören zum Besten im ganzen Buche. Im Gegensatz zu Hobbes und Spinoza versucht der Deismus eines Locke, Shaftesbury und Leibniz den Gottesbegriff der Offenbarungsreligion als mit der Vernunft in Uebereinstimmung zu erweisen. Wie das möglich ist. wird in erakter Weise dargestellt. Und im besonderen geht dann

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