Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 3 (14.3.1930)
- Date
- 1930-03-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Schulzeitung. Seite Nuunncr 3 Abergläubischen die Natur bevölkert. Oft beruhen die Formen des Aberglaubens in einer falschen Auffassung der Natur. Cs gilt daher, sie durch die richtige Auffassung zu ersehen. Aufklärung und Entfernung der schlimmsten Unwissenheit verdirbt auch die Wurzel des Aberglaubens. Rechte Erkennung der Naturvorgänge und Naturkörper wirkt nach zwei Seiten hin: sie verdrängt den Unglauben, sodann auch den Aberglauben. Darzulegen, wie diese rechte Naturaufsassung im einzelnen zu vermitteln ist, würde hier zu weit führen. Hingewiescn sei nur darauf, das; in dem Physik- und Chemieuntcrricht der Lehrer die ausgiebigste Gelegenheit hat. den Lindern klarzumachen, das; überall in der Natur die strengste Gesetzmäßigkeit herrscht. Dadurch erhalten die Linder eine innere Einsicht in die Gesetze der Natur und ein Verständnis für die innige harmonische Verbindung im Naturleben, eine Erkenntnis, wie die Naturgesetze nicht willkürlich beeinflußt oder beiseite geschoben werden können. Versteht es dazu der Lehrer, die Schüler zum Nachdenken über alle Naturvorgänge anzuleiten, sie dahin zu bringen, daß sie selbständig über Erscheinungen, die anfangs den Schein des Aberglaubens erwecken könnten, urteilen und schließen, daß sie dieselben mit kritischem Sinne betrachten, so wird allmählich eine bessere Einsicht in die Vorgänge des täglichen Lebens erwachen und dem Aberglauben Abbruch tun. Auch der Unterricht in Botanik und Zoologie kann zu diesem Zweck beitragen, indem die Einführung der Linder in das Verständnis der biologischen Erscheinungen nach Ursache und Wirkung und in die mannigfachen Wechselbeziehungen der Naturkörper unter sich ein Mittel ist, den Aberglauben von Grund aus zu vernichten. Ebenso kann der Lehrer in der Geographicstunde genug auf die in seiner Gegend vorkommenden abergläubischen Sitten und Gebräuche Bezug nehmen und sie in das rechte Licht setzen. Vor allem! wird es ihm hier gelingen, die Gesetzmäßigkeit in der Bewegung der Himmelskörper zum Verständnis zu bringen, die Widersinnigkeit der Ansichten über den Einfluß von Sonne, Mond und Sterne auf das menschliche Leben, die falsche Meinung über die Erscheinungen der Lometen, über den so oft schon prophezeiten Untergang der Welt nachzuweisen. Hierher gehört cs auch, wenn der Lehrer immer wieder dahin wirkt, daß die Linder sowohl in der Schule wie zu Hause mit gruseligen Geschichten und Märchen verschont bleiben. Diese sind so recht geeignet, die Linder abergläubisch und furchtsam zu machen. Wenn, sie von Verstorbenen zu hören und zu lesen bekommen, die noch lange nach ihrem Tode umhcrwandeln müssen, oder vom Wassermann, der gerne Linder zu sich in den Teich zieht, oder vom wilden Jäger, der in den finstern Lüften spukt, so darf man sich nicht wundern, daß sie, die an sich mit einem weichen und empfindsamen Gemüt ausgestattet sind, bald abends überall Gespenster sehen, manchen Strauch als wilden Mann, ein weißes Handtuch an der Wand als eine Eeistererscheinung erkennen wollen (Goethes Erlkönig). Der Lehrer bekämpfe auch die Unart, kleinen Lindern, die nicht ruhig liegen wollen, mit dem „schwarzen Mann", dem Schornsteinfeger, dem Schutzmann Angst zu machen, beim Gewitter von dem scheltenden lieben Gott zu erzählen. Ebenso niache der Lehrer darauf aufmerksam, daß es falsch ist, wenn die Linder sich vor der Finsternis fürchten, die Nacht als Schreäenszcit anfehen. Darum hat der Lehrer in seinen Schülern als. letztes Mittel die Gewöhnung zu kräftigen, bewußtes Handeln zu pflegen, Selbstbeherrschung. Charakterfestigkeit. Mut und Unverzagihcit zu stärken, wodurch es nicht nur möglich ist, sich den Wcchselfällen des Lebens mit festem Sinn entgegenzustellen, sondern auch über abergläubische Furcht und gespenstische Einbildungskraft den Sieg davonzutragen. Religiöse Unterweisung und Erziehung zum Glauben an den lebendigen Gott und seine Liebe, innere Einsicht in die Gesetze der Natur und Gewöhnung von Selbstsucht sind die drei Mittel, um den Aberglauben auch in der Schule zu bekämpfen, Alle drei hängen aufs innigste zusammen, wenn sie in das rechte Verhältnis zueinander gesetzt werden. Uebcrtriebcne religiöse Einwirkung führt, wie oben schon erwähnt, zu einseitiger Frömmelei und begünstigt geradezu den Aberglauben. Durch die in immer weiteren Volkskreiscn verbreitete Volksbildung wird dem Aberglauben mehr imb mehr Abbruch getan und so mancher Zweig des Aberglaubens vernichtet. Aber einseitig 'betriebene rationalistische Äerstandesaufklärung zerstört mit dem Aberglauben auch einen großen Teil des echten religiösen Glaubens, bei welchem es sich auch um Dinge, die allein mit dem nüchternen Menschenverstände nicht begriffen werden können, handelt. Deshalb müssen religiöse Unterweisung in: jüdischen Glauben und Verstandesaufklänlng in innigster Beziehung zueinander stehen: ist dieses aber nicht der Fall, dann wird die Bekämpfung ' des Aberglaubens durch Aufklärung ohne Glauben eher schaden als nützen. Dänin: eben findet sich noch unter vielen sogenannten Gebildeten, die nach Gott nichts fragen, so viel Aberglauben, der in gar manchen Abarten wie Tischrücken. Wahrsagen-, Lartenlegcn in reichster Blüte steht. „Religiöse Bildung, verbunden mit Selbstsucht, ist daher das Mittel, um den Aberglauben zu vernichten oder wenigstens zu verringern". Das Lehrziel des hebräischen Unterrichts. Von Robert Hirschfcld, Schulreferent der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Herr Translateur versucht, in Nr. I der „Jüdische,: Schulzeitung" ein Lehrziel des Hebräischen aufzuzeigen. Zu diesem Zwecke stellt er fest, was nach seiner Meinung die drei großen Parteien des deutschen Judentuins durch das Hebräische erreichen wollen. Er spricht über die neuen Lehrpläne für das Hebräische in Baden und Württemberg. 2n diesen Ländern soll, wie mir berichtet worden ist. die jüdische Schulbehörde in der letzten Zeit neue Lehrpläne für den Religionsunterricht geschaffen haben .oder schaffen wollen. Für Baden scheint man dabei den modernen Forderungen etwas Rechnung zu tragen, soweit die in den: Lande herrschenden Zustände dies zulassen. Herr Translateur ist mit der Neuordnung nicht zufrieden, insbesondere damit nicht, daß für das Hebräische nur eine Wochenstunde festgesetzt ist. Damit hat er vollkommen Recht und auch mit dem, was er über die . Unmöglichkeit sagt, in so kurzer Zeit etwas Ersprießliches erreichen zu wollen. Stait aber nun zu fordern, daß das Elternhaus bewogen werden müsse, die Linder zu weiteren Stunden für das Hebräische bereit zu stellen, ergeht sich Herr Translateur in ziemlich heftigen Worten über die liberalen J-uden. Er sagt von „Die jüdische Reformgemeinde beschränkt sich auf die theoretische Forderung, daß die Jugend befähigt wird, sich am hebräischen Gottesdienst zu beteiligen, ohne die Art und den Urnfang der Teilnahme näher zu umschreiben. Für den liberalen Juden bedeutet das Zuhören, das rein rezeptive Aufnehmen, das „Besuchen" der Synagoge allein schon Religion." „Von diesen drei Forinulierungen ist das liberale das auflösende und zersetzende, das. negative Element im Judentum. Hier ist der eigentliche Lrebsschaden des jüdischen