Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 2 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdische Schulzektung. Nummer 2 Völkern fnchzeitig auf einer höheren Entwicklungsstufe des religiösen Bewußtseins und gröberer geistiger Bildung stand. Darum wird in unserem heiligen Gesetze der Aberglaube aufs schärfste verurteilt und als der schwerste Frevel bestraft. Unsere heiligen Lehrer haben dämm den Aberglauben aufs schärfste verurteilt und als schwersten Frevel bezeichnet. Sie sahen darin eine Abwendung von Gott, eine Zuneigung zum Heidentum, ein Uebertragen der göttlichen Kraft auf Menschen oder Naturkörper. Es heißt darum 5. Buch Moses, 16, 9—14: „Wenn du in das Land kommst, das der Herr, dein Gott, dir gibt, so lerne nicht den Greuel jener Völker gleichzutun. Es soll sich nicht finden bei dir solcher, der seinen Sohn oder seine Tochter durch das Feuer führt (als Opfer verbrennen labt), Wahrsagerei trejvf, per aus Wolken und Schlangen deutet, überhaupt ein Zauberer ist. kleine Eeisterbanner, tmb solche, die durch Beschwörung befragen und keine Totenbeschwörer. Denn ein Greuel, dem Herrn ist jeglicher, der dies tut. und um dieser Greuel willen, treibt sie der Herr, dein Gott, vor dir aus, und im 3. Buch Moses 19. 26 heißt Kes: „Ihr sollt nicht'zaubern und aus Wolken heuten", und im Vers 31 desselben Kapitels heißt es: „Wendet euch nicht den Beschwörern und Zauberern zu: sucht sie nicht auf, daß. ihr euch durch sie verunreinigt. Ich bin der Herr, bin euer Gott." Nicht zu verwechseln mit diesem Volksaberglauben ist der philosophische oder gelehrte Aberglaube, der sich zur Zeit des Mittelalters zur großen Blüte entfaltete. Beide verhalten sich zueinander wie Volksepos zum Kunstepos, Wer kennt den Verfasser vom Volksepos? Wer weiß, wann und wo die einzelnen Volksgesänge sich gebildet haben? So ist auch der Volksaberglaube so ganz im Volke und aus dern Volke herausgewachsen. Beim Kunstepos dagegen ist der Verfasser meist bekannt: er hat die einzelnen Gesänge oder Teile nach allen Flegeln der Kunst bearbeitet rind sie zu einem in sich abgerundeten 'Ganzen zusammengefügt. So haben auch die Gelehrten, die Alchemisten und Mystiker, die Magier, Zauberer und Astrologen, der von ihnen gepflegten Kunst, der Magie oder Astrologie, ein wissenschaftliches, ja philosophisches 51kib gegeben. Ost verfolgten sie ernsthafte, praktische naturwissenschaftliche Zwecke: oft aber bildeten sie ihre Magie zu einer „schwarzen Kunst" aus und verstanden es. in dem Volke den Glauben zu erwecken, als ob sie im Besitze geheimnisvoller Naturkräfte und ungewöhnlich wirkender Zauberformeln wären. Allmählich brachten sie ihre ganze Lehre kn ein gewisses wissenschaftliches System. Im Gegensatz zu diesem philosophischen "Aberglauben steht der Dolksaberglaube, bei dem sich keine Künstelei vorfindet, der sich vielmehr durchaus naturwüchsig zeigt. In Wirklichkeit ist es aber durchaus nicht leicht, ja oft unmöglich, zu erkennen, ob dieses oder jenes Stück des "Aberglaubens als Volks-, oder Kunst-Aberglaube auszufassen ist. Nachdem so in kurzen Zügen das Wesen und die verschiedenen Seiten des Aberglaubens klargelegt sind, möge in folgendem eine Darstellung des Aberglaubens erfolgen, wie er sich bei der Angelegenheit der Kiudererziehung oft noch heute zeigt, um zuletzt die Frage zu erörtern, was die Schule zur Bekämpfung des Aberglaubens zu leisten vermag. Gehen wir nun darauf ein, wie sich der Aberglaube in der Praxis bei der Kindererziehung zeigt. Wir übergehen hierbei alle die Seiten des Aberglaubens, die sich darauf beziehen, wie junge Leute sich die Liebe der oder des Erkorenen zu erwerben und zu erhalten suchen, welche Vorbereitungen und Veranstaltungen bei der Hochzeitsfeker, der Trauung, dem Festmahl usw. zu treffen sind, wie sich die Mutter vor der Geburt ihrer Kinder zu verhalten hat, und sehen sogleich mit der Geburt des Kindes ein, weil damit die eigentliche Kindererziehung beginnt. — Es ist für ein Kind durchaus nicht unwichtig, an welchem Tage der Woche es geboren ist. „Ein prächtiges Sonntagsmädel geboren!" wie oft liest man diese Anzeige in der Zeitung. Deutlich zeigt sich hier noch die Bczugnahnre auf die von den Altdeutschen als göttlich erfaßte Himmelsmacht, die „Frau Sonne". Der Sonntag wird als ein glückverheißender Tag angesehen, und Sonntagskinder werden glückliche Menschen und werden deshalb sich durch Erkenntnis mancher Art auszeichnen, wie ja auch die Sonne alles sieht. Wenn ein Kind am Sonntag zwischen 11 bis 12 Uhr geboren ist, so kann es an jedem Sonntage in der angegebenen Zeit in einer blühenden pctieoertanbe sehen. Im Gegensatz zu den glücklichen Sonntagskindern sind Montagskinder unglücklich daran. Der Montag, der mit dem „Herrn Mond" in Beziehung steht, hat deshalb viele Eigenschaften desselben: seine größere Dunkelheit im Vergleich zur Sonne, seine Veränderlichkeit deutet auf Tätigkeiten hin. die im Finstern geschehen, z. V. das Stehlen. Montagskinder sterben deshalb früher oder werden niemals ihres Lebens froh. Der Dienstag, der Tag des Ziu, des Kriegsgottes, des Gottes des Schwertes und damit des Gerichts, ist gleichfalls als Geburtstag nicht günstig: Kinder, an diesem Tage geboren, haben viel mit dem Gericht zu tun, vor allem wegen Diebstahls. Wenn Kinder am Donnerstage, dem Tage des Donar, geboren werden, so kann sich ihr Lebenslauf, je nach der Auffassung von diesem Gotte, unglücklich oder glücklich gestalten. Nimmt man seine düstere und rauhe Seite, so zeigt er sich als der wilde Gott, der mit feinem Hammer alles zerschmettert, und sein Tag muß für alle, auch die Neugeborenen, unheilvoll werden: darum werden Kinder, am Donnerstag geboren, unglücklich. Aber Donar ist auch der Gott des Rechtes und des Vertrages und zeigt auch eine freundliche Seite. Darum gelten an manchen Orten Heiraten am Donnerstag als Glücksheiraten und Donnerstagskinder als Glückskinder. Auch über die Freitagskinder ist die Meinung getrennt. je nachdem sich die altheidnische oder die christliche "Auffassung geltend macht. Freitag ist der Tag der Freya, der Göttin der heiteren Jahreszeit, des Lebens und Wachstums, der Liebe und Ehe. Darum ist dieser Tag vor allem zur Hochzeit geeignet. Freitagskinder find darum glückliche Kinder und find in ähnlicher Weife vom Glück begünstigt wie die eigentlichen Sonntagskinder. Wieder andere Gegenden behaupten, Freitagskinder werden Kreuz und Leiden ihr ganzes Leben hindurch nicht los. — Auch Kinder, die am Sonnabend oder Samstag geboren werden, sind nicht zum Glück bestimmt, neigen zur Verstellung, lieben Heuchelei und zeigen sich lüstern, ja können mehr sehen und hören als andere Menschen. — Es ist somit klar, daß nur Sonntags- und Mittwochs-Kinder wirklich glücklich werden, daß dagegen die Ilnglückstage in der Woche bedeutend überwiegen. Nicht minder wichtig, wie die Wochentage, sind für die Neugeborenen die Monatstage: doch find die Monate an sich ziemlich ohne Bedeutung, mit "Ausnahme des April, weil alle Aprilkinder Ilng lücks linder sind. Alle Monatstage, die eine 7 haben, also der 7.. 17. und 27.. gelten' als Unglückstage. Viel Aberglauben herrscht auch bei der Namengebung. Wird der Vorname unglücklich gewählt, so erntet das Kind davon Unglück. Sehr wichtig ist auch die Wahl der .Paten, denn ihre Eigenschaften vererben sich auf das Kind. Haben sich z. B. die Paten nicht rein gewaschen.