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Jüdische Schulzeitung · 1930-02-14 · 2 (14.2.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
2 (14.2.1930)
Date
1930-02-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 2 Jüdische Schulzeitung. Seite X Hclicrlcgimn scheint uns damit als Tatsache erwiesen: aber auch der zweite. Nur wollen wir uns zunächst auf einen geringeren Zcitumfang beschränken, der aber trotzdem für das Problem der Ueberlieferung genügt, nämlich auf 6 Jahrhunderte. Die Ncligion der Pharisäer, wie sie Mischna, Talmud und Midrasch bezeugen, erstreckt sich nämlich mindestens über diesen Zeitraum. Es geht daraus als selbstverständlich hervor, das; Herford mit seinen Ausführungen den Pharisäismus urchk mit am Anfang als lebendige Religion erweist, sondern genau so auch für den Schlus; jenes Zeitraums, denn er stützt sich ja mit seinen Ausführungen auf die Worte der jüdischen Lehrer der verschiedensten Abschnitte jenes Zeitraumes. Herford redet nun an einer Stelle, die wir sogleich anführen werden, von der Entwicklung des Pharisäismus; er meint aber damit die Ausgestaltung des Religionsgesetzcs. Dagegen fällt ihm nicht ein, von der Entwicklung etwa der lebendigen Beziehung zwischen psychischem Individuum und objektiver Wesenheit zu reden. Gerade diese Beziehung bildet ja den Kern, der nach ihm durch das „Gesetz" erhalten werden soll. Eben deshalb, weil Herford nicht zu unserem Problem der Ueberlieferung Stellung nimmt, dürfen wir aus seinem Begriffe der Entwicklung für uns den der Ueberlieferung herausziehen. Jene Stelle aber lautet: „Die Entwicklung der Religion der Thora von Esra bis zu den Pharisäern und weiter bis zum Talmud, vollzog sich in zwei nebeneinanderlaufenden Hauptlinien. . ." (A. a. O.. S. 74) Aus diesen Worten schimmert ohne allen Zweifel der Begriff der Ueberlieferung heraus. Während das Religionsgesetz äußerlich sich entwickelte und immer mehr ausgestaltet wurde, ging diesem Vorgang innerlich eine Ueberlieferung des wesentlichsten Rcligionsgutes parallel, das ist die Ueberlieferung der lebendigen Beziehung zwischen den oben genannten korrelativen Gliedern. Das gerade nun ist die Folgerung, die man als drittes in unserer Ueberlegung bestreiten könnte, indem man sagt: Es ist ja richtig, das; der Pharisäismus als lebendige Religion sich durch Iahrhunderte erhallen hat. Aber must das durch Ueberlieferung geschehen sein, durch Einwirkung dritter oder könnte nicht vielmehr die lebendige Religion gleichsam sich selber erhalten haben, indem sie Individuen an sich hcranzog? Es ist keineswegs ein zwingender Schlust, von der längeren Eristenz einer lebendigen Ncligion auf die Möglichkeit ihrer Ueberlieferung zu schliesten. Aber das bestreiten wir. Es ist Tatsache, das; überliefert wurde, sodast nian geradezu eine Pädagogik des Talmuds schreiben kann.*) Es ist Tatsache, daß dieses Uebcrliefernwollen dem Tode trotzte ( . . . „und sogar während der Verfolgung . . . waren immer noch Männer vorhanden, welche die Tradition ihrer Religion fortpflanzen wollten. Es waren jüngere Leute, welche sich als Rabbiner ordinieren liesten Lu einer Zeit, wo dies den sicheren Tod bedeutete, wenn man den Römern in die Hände fiel." — Und nun behaupten: Das alles sei ohne Einflust für die Ueberlieferung lebendiger Religion gewesen — das scheint uns nicht möglich. Aber wie dem auch sei: Tatsache scheint uns auf alle Fälle, dast lebendige Religion sich über Iahrhunderte hin erhalten kann, und wir haben mindestens zu untersuchen, ob das mit oder ohne Einflust der Ueberliefern-wollenden geschehen konnte. 'Wir können diese Ueberlegung ausdehnen bis auf unsere heutige Zeit, denn auch das heutige Judentum ist noch das *) Ioscf Wiesen, Geschichte und Methodik des Schulwesens im talmudischen Altertum (Dissertation Straßburg 1892); Dr. Samuel Markus, Die Pädagogik des israelitischen Volkes von der Patriarchenzeit bis auf den Talmud, 2. Teil: Zur Schulpädagogik des Talmuds; Julius Lewit, Theoretische und praktische Pädagogik im jüdischen Altertum nach talmudischen Quellen (Dissertation Erlangen 1895). Judentum der Pharisäer. Auch das sieht Herford, wenn er schreibt: „Die Prinzipien des Pharisäismus haben sich aber, wenn auch der Name heute nicht mehr in Gebrauch ist. bis auf diesen Tag behauptet, und sie sind es mehr als irgendetwas anderes, die das Judentum als eine lebendige Religion erhalten haben." . Wir glauben, dast man eine analoge Ueberlegung auch für das Christentum und den Islam anstellen könnte. Es wäre aber freilich ein Irrtum unsererseits, zu glauben, dast damit die Frage nach der Lehrbarkeit der Religion beantwortet wäre. Gewiß, die Tatsachen lehren, das; lebendige Religion sich über Jahrtausende hin erhalten hat, und wir meinen: überliefert worden ist. Die Schwierigkeit des Problems der Lehrbarkeit der Religion liegt nun aber gerade darin, zu untersuchen, wieso und unter welchen Umständen Religion überliefert werden konnte und kann. Der Aberglaube bei der ^mbererziehLMg. Von Konrektor Speyer. Frankfurt a. M. Gibt es in unserer aufgeklärten Welt noch Aberglauben? Fast könnte sich mancher versucht fühlen, diese Frage mit „Nein" zu beantworten, und doch grassiert keine Krankheit schon seit Jahrtausenden so wie der Aberglaube, und alle Heilmittel dagegen haben bis jetzt keinen vollen und nachhaltigen Erfolg gehabt. Der Aberglaube ist so alt wie das Menschengeschlecht, also älter als alle Religionen und alle Wissenschaften. Als die' ersten Menschen stch der Natur und ihren gewaltigen Erscheinungen gegenüüersahen, da war es nur natürlich, dast sie alle Dinge und Ereignisse von dem Gesichtspunkte aus betrachten, welchen Nutzen sie ihnen gewährten. Alles Lebende auf der Erde, die ganze Tier- und Pflanzenwelt, aber auch alle Himnielskörpcr zogen ganz besonders ihre - Aufmerksamkeit auf sich. Ihre Br trachtungsweise derselben war noch so naiv und zeugte vc keiner Geistcsschulung. So subjektiv wie sie daher die .Körper unmittelbar anschauten und auffastten, so subjektiv war auch ihre Erklärung für die Vorgänge in der Natur. Vor allem war es das Gefühl der Furcht, das ihnen die gewaltigen Naturereignisse einflöstten, das ihr ganzes Denken beherrschte, so dast sie bei ihrer subjektiven' Ansicht nicht die wahre Ursache derselben erkannten, sondern sich als abhängig von geheimnisvollen Kräften fühlten. Sie dachten sich daher alle Körper der Natur mit Göttern oder Geistern besetzt, denen sie geheimnisvolle Einwirkungen zuschrieben. So entstand auf der niedrigsten Kulturstufe des Menschengeschlechts der natürliche oder Volksaberglaube, der einseitig auf falscher oder besser irregeleiteter Naturauffassung beruht. Der Abergläubische setzt also mitten in dem Zusammenhänge der natürlichen Ursachen übersinnliche Kräfte als mitwirkend voraus. Dieser natürliche Aberglaube, entstanden aus irre geleiteter Naturauffafsung, die den Naturdingen übernatürliche Eigenschaften, dem menschlichen Tun übermenschliche Kraft zulegt, zeigt deshalb auch bei allen Völkern und. zu allen Zeiten in den Grundgedanken und Hauptgestaltungen eine äußerst auffallende Uebereinstimmung. Alle Völker des Altertums hatten Aberglauben, wenn es ihnen auch meist unbewußt war. So ist der Aberglaube so alt als die Menschheit und ist älter als die Religionen, d. h. als d i e Religionen, die Gott nicht als den Schöpfer des Himmels und der Erde ansahen. Denn die wahre Religion hat sich zu dem Bewußtsein hindurchgerungen, dast Gott die Welt in ihrer Vollkommenheit so geschaffen hat und sie auch so weiter regiert und erhält. Diesen Glauben aber hatte zuerst das Volk der Israeliten, das deshalb im Vergleich zu anderen

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