Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 2 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 gcrrler Walddorfschule icnc merkwürdige Anstalt, in der jedes einzelne Klassenzimmer seine Einmaligkeit hat und der gesamten Klasse als Gcmeinsthaftsindividualität angepatzt ist. Alan mns; einmal sülche Anstalt besucht haben, um den Slci3 der Umwelt, des Milieus, der Atmosphäre am eigenen Leibe verspürt 311 haben, dann wird man um sv stärker die Wirkling einer uns leider alltäglich zur Gewohnheit gewordenen Eroßstadtschulkaserne verspüren, die ein ganzes Tausend Kinder von 8—2 Uhr zu einer Kollektiobildung in psychiologisch ganz und gar unmögliche Bänke Zwängt und zum Stillsitzen verurteilt. Man halte neben solche Bildungsanstalten dann eine SchuUlasse aus Hellerau, etwa „Das blaue Nest" Willy Steigers, oder eine aus dem Kreise der „Lebensgcmeiirschaftsschulen" um Fritz Karsen herum, dann wird man begreifen, warum aus diesen Schulen so ganz und gar andere Schülerleistungen zutage treten als irgendwo sonst. Die Frage nach der Schöpferkraft des Kindes ist also nicht nur eine psychologische, sondern eine Frage des. Milieus, der lebendigen und toten Umwelt..des Kindes. Man ängstige sich nicht, datz die Kinder in solcher; Atmosphäre etwa vital. verwildern, moralisch verkommen. Das Wissen wird allerdings in dieser Schule nicht Maßstab für die Leistungen sein, sondern die lebensfrische entbundene Kraft. Kraft wirkt Werke, gestaltet Leben und schafft lebendige Werte. Erziehungsschule heißt durchaus nicht Tollhaus kindlicher Erorbitanz, Treibhaus unsinniger Triebhaftigkeit — Erziehungsschule ist Arbeits- und Schaffensschule —, aber einer Arbeit, die in Beziehung steht zum Leben um und im Kind, nicht Arbeit, die wie ein Fremdkörper in den Lebensstrom des Kindes gestoßen wird, sondern Arbeit, die aus dein Bedürfnis und der Notwendigkeit wächst, die Lebenssinn hat. Das bedingt aber Spielraum, Wahl. Freiheit. Gewählte freie selbsttätige Arbeit ist immer die verpflichtendste — sie diszipliniert von innen heraus, wandelt in Kern und Wesen — erzieht. Die Arbeits- und Schaffensquellen, aus denen diese Schule schöpft und Nahrung zieht, sind die ewigen Quellen menschheitlichen Wachstums: Inwelt und Umwelt. Inwelt als Kraft und Erbgut, als Vitalität und Anlage, die Umwelt als Heimat und Gemeinschaft, als Natur und Kultur. Aus der erschlossenen, schöpferisch quellenden Inwelt zur gestalteten Umwelt, das ist der Weg, Richtung und Inhalt einer organischen, schöpferischen Erziehung, der neuen Schule. Schöpferische Pädagogik ist kein System, keine revolutionüres Progrannn, sondern fundamentale Einstellung, Bekenntnis, Glaube an das Ewige im Menschen. Nicht neue Methoden entscheiden hier, nicht Lehrpläne und. Tabellen, sondern der Geist des Lehrers und der Schule. Nur aus innerer Wandlung, aus langsam wachsender Umwandlung wird schöpferische Pädagogik, die Mithelferin am Bau einer neuen, besseren Zeit. Die LehrLarkei; Ler MeLLgisn.^ Von Rabbiner Dr. Emil Schorsch. Kann eine lebendige Religion überliefert werden? Es scheint uns nicht möglich, diese Frage zu verneinen,- wir wollen unser Ja an Hand der Betrachtung *) Obiger Aufsatz ist mit freundlicher Erlaubnis des Herrn Verfassers und des Verlags Hermann Beyer & Söhne. Langensalza, dem trefflichen Buche „Die Lehrbarkeit der Religion" (Seite 47—51) entnommen. (Vgl. hierzu die Besprechung des Buches von Alfred Eordon in Nr. 10. Jahrg. V der Jüdischen Schulzeitung. Kummer 2 einer großen monotheistischen Religion begründen. Man könnte diese Betrachtung an jeder von ihnen vornehmen: wir wollen sie am Judentum anstellen. Um die Ueberlegung kurz darzustellen: Das Judentum war vor 2000 Jahren schon eine lebendige Religion, wie wir meinen. Wir können nicht zweifeln, dag es heute noch lebendiges Judentum gibt. Damit aber haben die Tatsachen die Frage beantwortet, ob Religion lehrbar sei. Es gilt dies für andere Religionen genau so.' Diese Ueberlegung könnte in allen drei Gliedern angegriffen werden. Man könnte erstens bestreiten wollen, das; das Judentum vor 2000 Jahren eine lebendige Religion war. zweitens — wenn man die erste Behauptung zugäbe — datz es heute noch eine lebendige Religion ist, und wenn auch, datz es noch die gleiche ist wie vor 2000 Jahren, drittens — wenn man die erste und dritte Behauptung als Prämissen eines logischen Schlusses zugübe — könnte man bestreiten wollen, datz der Effekt durch Ueberlieferung erreicht wurde, also durch Maßnahmen der jeweils überliefernden Generation. Was die erste Prämisse anbetrifft, so stellen wir allerdings die Behauptung auf, datz das Judentum vor 2000 Jahren eine lebendige Religion war. und meinen, datz dies für den Kenner des jüdischen Schrifttums, das jene Zeit beleuchtet: Bibel. Mischna, Talmud und Midrasch von selbst einleuchtend ist. Das zeigt sich besonders deutlich in dem Werke des englischen unitarischen Geistlichen R. Travers Herford, „Das pharisäische Judentum". Herford behandelt das pharisäische Judentum von seiner Entstehung bis zur Vollendung des Talmuds, also mindestens durch 6 Jahrhunderte: er hat die Literatur dieser Zeit, Talmud und Midrasch, eingehend studiert. Dabei kam er, was diese Literatur angeht, zunächst zu folgendem Ergebnis: „2m Talmud haben wir diese Hauptquelle zur Erkenntnis des pharisäischen Wesens... Die mit dem Talmud gleichzeitig entstandene ungeheure Literatur wird mit dem allgemeinen Namen Midrasch benannt... Das ist das geschriebene Vermächtnis des Pharisäismus, die Spur, welche er in der Weltliteratur hinterlassen hat. Da allein und nicht in den Schriften derjenigen, die seine Ideale nicht verstanden und seine Hoffnungen nicht teilten, kann seine wirkliche Bedeutung gefunden werden." Was das Hauptsächlichste gegen den Pharisäismus als lebendige Religion eingewendet wird, ist: es sei eine Religion der Gesetze. Es ist richtig, datz zum Wesen des Judentums unbedingt seine Gesetze, seine Mizwoth gehören. Aber worauf es hier ankommt, ist die Frage: Haben diese Mizwoth das lebendige Verhältnis zwischen Individuum und objektiver Wesenheit erstarren lassen? Darauf antwortet Herford: „Unter all dieser äußeren Einkleidung, die in Wort und Form so völlig dem zuwiderläuft, was dem Christen als natürliche Aeutzerung der Religion erscheint, barg sich nichtsdestoweniger die Gemeinschaft lebender Seelen mit dem lebendigen Gott..." So überschreibt Herford sein "letztes Kapitel geradezu mit den Worten: „Der Pharisäismus als Religion der Seele" und schreibt gegen den Schluß die Worte: „Die.Zeit ist sicher schon da, datz der Pharisäismus endlich als eine Religion anerkannt wird..., eine Religion ganz eigener Art, die aber nichtsdestoweniger als eine von den vielen Ausdrucksformen göttlicher Offenbarung ebenso wie menschlichen Emporstrebens zu Gott anerkannt werden muß." Damit scheint uns ausgezeigt, datz die Religion der Pharisäer in der Hauptsache das ausweist, was wir als Religion anerkennen: eine lebendige Bo ng der korrelativen Glieder: psychisches Individuum — objekive Wesenheit, unter gleichmäßiger Betonung beider Glieder. Der erste Teil unserer Jüdische Schulzeitung.