Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 1 (15.1.1930)
- Date
- 1930-01-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Schulzeitung. Nummer 1 Seite 7 er es mit einem Doppelleben, an dem er zugrunde geht — des Buches tragischer Teil. Eine bunte Gesellschaft in einem sonnigen Land, von einem schalkhaften .Künstler gestaltet, der. den weltgeschichtlichen Hintergrund seiner Begebenheiten mit sparsamen, aber, kräftigen Strichen zu zeichnen versteht. Die Dreyfuszeit hat ihren Dichter gefunden. M. St. Jlja Ehren bürg. Das Buch von Lasik Noitschwantz. Zürich. Rhein-Verlag. Am diese Binsenwahrheit zu begreifen: der Mensch ist schwächer als eine Fliege und stärker als Eisen — bedarf es wieder einmal, nach so und so vielen Katastrophen, Enttäuschungen und Jrrgängen eines dicken, überspitzt intercifanicn Buches von annähernd 400 Seiten, und man steht erschüttert, philosophisch spintisierend am Ende vor einer menschlichen Ruine, vor einem zerbrochenen Durchschnitt, den lein Roman, sondern die Wahrheit, das Leben, die mm mal so seienden Tatsachen richtig durcheinandergewirbelt haben. Was ist überhaupt so ein Mensch! Jlja Ehrenburg weis; auch keine Antwort zu geben . . . Der Schnorrer wandelt wie ein Prophet, schraubt sich im Getriebe der Mistgeschicke durch Städte, Länder, Erdteile, — erleidet einen ordentlichen Chimborasso von allen möglichen und im bürgerlichen Geschehen unmöglichen, Sorten Elend, — ist tatsächlich scheinbar aus Eisen in seiner armseligen Gebrechlichkeit, — die Aeberschrift hat recht: Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz! Bewegtes Leben? Als ob ein Roitschwantz, selbst wenn er seinen Namen eine goldene Zeitlang französisiert oder mit englischen Akzenten behängt, ein geruhsames, sattes, endgültiges Dasein zu dokumentieren hätte! Man kommt aus der Sphäre des Cheders. mitten in Hömel, in einem Städtchen, das regelrecht jüdisch ist. und gerät dann in diesen bizarren Taumel bolschewistischer Wichtigtuerei, neumodischer Zeitungs- und Parteiredensarten, — der Verfasser weis; diesen unausbleiblichen, tragikomischen „Zwiespalt". dieses Neu-Russische im jiddischen Milieu, diesen Januskopf einer mit arger, krampfhafter Not zusammengekoppelien ..Gesinnungstüchtigkeit" mit einem auffallend sicheren Griffel zu zeichnen. So dast man manche Uebertreibungen gern übersieht, nachdem der betrogene Lasik über die polnische Grenze geschleppt und allmählich ins westeuropäische Kulturwasser hineingezerrt wird . . . Wir waren Zeugen derartig gefahrvoller Uebergünge. Europa wird auch für Roitschwantz zur Gefahr. Nur: dieses seelische Chaos ist für ihn keine Gelegenheit, um im Trüben zu fischen. Im Gegenteil, — er wird zerrieben in der Tretmühle, — er erkennt sich zuletzt selber nicht mehr: diese vielen Gefängnisse, derewige Hunger, die dürre Erinnerung an eine lächerlich stecken gebliebene, erste Liebe, — das wechselt ab. kehrt wieder, ob er in Frankfurt die Nolle eines Rabbiners spielt, ob er Zeitungen verkauft, Fensterscheiben putzt, in London zum Missionar wird, — oder zuletzt, ohne Genehmigung des Aufsehers, in Palästina, am Grabe Nahels, mit einer chafsidischen Legende auf den Lippen stirbt. Es ist unglaublich, was so ein Tppus Roitschwantz auszuhalten vermag! Das Buch ist ein neuer Beweis für die dichterische Gestaltungskraft Jlja Ehrenburgs, ist viel mehr als em moderner Roman, den man „gelesen haben must", und wird zu. einer gewissen Nachdenklichkeit, die eine merkwürdige Zeit an ihren merkwürdigen Rand geschrieben hat. I. Raphael. Kalender des Friedens. Das Ende des bürgerlichen Jahres bringt es automatisch mit sich, dast man — fast durchweg wahllos — mit Kalendern aller Fassons sein Hei:,'.. . den..Arbeitstisch: das Schulzistimer schmückt: Jeder men;, oatz ttci) hier ösr genug ein höchst wioerttcher Kitsch (man braucht nur diese sinnlosen „Sinnsprüche" zu lesen!) breir macht, als ob es so sein müsse, ganz gewohnheitsmäßig. Der jüdische Erzieher soll sich den wirklich einwandfreien Abreißkalender kommen lassen, den der Verlag „Friede durch Recht", Wiesbaden. Gartenstraste 18, auch in diesem Jahre herausgebracht hat. (Republikanischer Kalender 1930.) Jedes Blatt ist wertvoll, enthält Auszüge und Worte der Menschenliebe, — Worte aus allen Zeiten und Religionen. angefangen bei Jesaja, Micha, Laoise, Buddha. — mnlK'.rcnb bei Martin Buber, Jakob Wassermann. Emstein, Proieswr Förster. Gandhi. Die Bikdbeigaben sind hervorragend. Der Kalender sollte in keinem .jüdischen Schulraum fehlen. Er gibt Anregungen in Fülle, inn unseren Unterricht für das krasse Leben vorzubereiten, das in der Enge seiner Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit immer noch auf den Messias wartet, das heißt: auf jede Tat. auf jede ehrliche Einzelheit von uns! I. R. Setnrich Sehre, Memoies». Hersusgegebeil von Herbert Eutenberg. 700 Seiten, 22 Bilder. Preis 14 ,7;M. Rembrandt-Verlag, Berlin. Steht unsere Zeit immer noch .unter dem Schalten Heinrich Heines? 1925 brachte Dr. Hugo Bieber die Uebersicht über des Dichters widerspruchsvolle Liebe zum Judentum heraus: ^Confessio Judaica" (es ist nicht einzusehen, warum dieses einzigartige Sammelwerk heute wieder halb vergessen ist). Ein Jahr darauf erschien das Buch miil den tausend geistvollen Seiten von H. H. Houben: „Gespräche mit Heine", — nun aber will der Landsmann Heinrich Heines, der Rheinländer Herbert Eulenberg, einen ganz grasten Coup wagen: er hat aus dem verzwicktenumfangreichen Werk, aus der Poesie und Prosa eines scheinbar ewig aktuellen Heine den Roman seines Lebens herausgehoben, aneinander gekettet, .— wie ((vielleicht, vielleicht!) der tote Dichter und Spötter ihn selbst, mit der ihm eigenen Eleganz, zusammengestellt haben würde, wenn — —! Ja. Eulenberg riskiert mit einem solchen Buche seinen Dichterruhm. Es ist immer gefährlich, Heinrich Heine irgendwie interpretieren zu wollen. Schon diejenigen, die seinen „Rabbi-' vollenden wollten, begaben sich auf Glatteis: der Tonfall ist nicht die Melodie. Wundervoll ist die Zusammenstellung, die Eulenberg uns vorlegt, es ist nichts vergessen, alle Teile und Winkel Heinescher Aeusterungen sind eingehend durchstöbert worden, — was mit seinem Leben in Verbindung steht, ist korrekt gesammelt. — und dennoch: störend wirken die von Eulenberg eingefügten „verbindenden" Terte, diese Sätze, die nicht jedesmal den Stil treffen. Was weder ein Wunder, noch ein Vorwurf ist! Und auch das Nachwort wäre am besten, ungeschrieben geblieben. — In bibliovhiler Hinsicht ist das Buch zweifellos eine bedeutende Bereicherung. I. N a p h a e l. Der sehr rührige und besonders in den Kreisen der Jugendbewegung bestens bekannte Arbeiterjugend- Verlag, Berlin, hat in einem kleinen, äußerst geschmackvoll und freundlich ausgemachten Büchlein einige der wesentlichsten Dichtungen von Ernst Toller herausgebracht. Das Buch trügt den Titel „Verbrüderung". hat in seinem Geleitwort eine ausreichende Einführung in das Schaffen des Dichters und wird bei modernen Schulfeiern und Jngendveranstaltungen gute Dienste leisten. Es kostet broschiert 90 Pfennig, in Halbleinen 1,50 9tJl. I. R. 4> e t e r PererIen uno Vans ms o i t T: vsine Grundschule nach den Grundsätzen der Arbeits- und Lebensaemoinschaftsschule. Verlag Herniann Bühlaus Nachfolger, Weimar. Unter den Veröffentlichungen, die über Wesen und Aufgabe der Grundschule in den letzten Jahren erschienen [mb, verdient die vorliegende Arbeit von Petersen und Wolfs in.der Reihe der „Forschungen und Werke zur Erziehungswissenichaft" besondere Beachtung. Das liegt bereits in dem Untertitel ausgesprochen, nämlich „Grundschule nach den Grundsätzen der Arbeits- und Lebensgemeinschaftsschule". Im Gegensatz zur früheren Vorschule ist die heutige Grundschule eine Bildungsstätte der werdenden , Persönlichkeit: sie bietet uns Hilfe zu einer neigungs- und Mgäbnngsgcrechlei, Schulbaün üüd, ist MiXsstM m* ^SnjiGol Geiiiemichail eine Schule für alle Kinder mit dem Ziel: Erstehung zur Eemeinschaftsgesinmlng. Für diesen Anfgabenkreis haben die beiden Verfasser, welche den Unterricht in der Schule der „Erzrehungswissenschaftlichen Anstalt der thürmaischen Landes-Universitüt" zu Jena erteilen, ein bis ms Einzelne gehendes Material zusammengetragen. Man erlevt sozusagen ein ganzes Schuljahr in dieser vorbildlichen Grundschule mit. Das Bedeutsame ist dabei, das; Schulgemem>chast und, Eltern in ihrer Beziehung zueinander 6?nzen Arbeit das Gepräge verleihen. Hier wird die erziehliche Seite weit stärker betont als sonst, und zwar Mlhr durch Einwirkung vermittels ethischer Stoffe, sondern durch das -vun. Hier ist die Pädagogik vom Kind aus