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Jüdische Schulzeitung · 1930-01-15 · 1 (15.1.1930) · page 6

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
1 (15.1.1930)
Date
1930-01-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Schulzeitung. Seite 6 das Pflichtstundcnmast von 2 Wochenstundcn (einschließlich biblischer Geschichte. Religionslehre und nachbiblischer Geschichte) nicht durchführbar sei, so führt diese Praris immer mehr dazu, nufere Jugend dem Gebetbuch, der Bibel, der Synagoge und dein Judentum zu entfremden. Selbst im Lehrstoff, der noch nrehr als der Abrahamische beschnitten ist.. bedarf -'31t einer gründlichen und allseitigen Behandlung (sprachlich, liturgisch, gesanglich, ethisch) einer wöchentlichen Unterrichtszeit von A—6 Stunden bei entsprechender häuslicher Nachhilfe und ' häuslichem Interesse. Wenn dieses Dogma von den 2 Stunden in den sog. liberalen Kreisen weiter in Kraft bleibt, dann braucht man sich über den religiösen Zerfall im deutschen Judentunt nicht weiter zu wundern. Wenn nicht die hebräischen Fundamente rechtzeitig und vielseitig in das jüdische Erziehungsgebäude gelegt werden (am besten natürlich durch die jüdische Volks- bzw. Mittelschule), so sind alle ehrlichen Bestrebungen zur Erhaltung und Pflege des Judentums mehr oder weniger Luftschlösser, ohne reale Unterlagen. dann ist der ganze Apparat der jüdischen Lehrhäuser iu den Eros-gemeinden, der ganze Kultus der Vorträge durch verschiedene Vereine und Verbände, eine unproduktive Arbeit, ein lächerlicher Leerlauf unserer Eemeindebürokratie. 3. Das hebräische Lehrziel der Zionisten fordert, dast die hebräische Sprache nicht nur Kultus- und Gebet-- sprache. sondern vor allem Ausdruck der hebräischen Volkskultur und des jüdischen Äolksgeistes sein soll. Daher intensive Pflege aller wertvollen literarischen Dokumente, soweit dieselben in der Bibel, in dem Gebetbuch. Machsor ustv. enthalten sind,- daher instruktive Sprachpflege nach den Erkenntnissen der Sprachwissenschaften und den besten Methoden der Neuzeit. Alan verlangt dort mit Recht die Totalität in der jüdischen Erziehung, eine innige Verbindung zwischen Land, Lehre und Leben. Man erwartet, dast jüdische Lehre und jüdisches Leben befruchtet werden durch die jüdische Kultur in Erez Israel. Das Latst am ixvri ist gleichwertig dem Leib stamickrusLst, und dieses wiederum dem Latst stustanasatst. Von diesen drei Formulierungen ist das liberale das auslösende und zersetzende, das negative Element im Judentum. Hier ist der eigentliche Krebsschaden des jüdischen Liberalismus, hier liegen die Keime der Zersetzung und der geistigen Arterienverkalkung im deutschen Judentum. Wenn auch die Forderung des gesetzestreuen Juden in bezug auf hebräischen Unterricht einseitig theologisch und spiritualistisch ist und wenn das Lehrziel des Zionisten die Verhältnisse des Ealuth übersieht und eine zu weitgehende Säkularisation des Judentums erstrebt, so könnte doch vielleicht bis zu einem gewissen Grade eine mittlere Linke in der praktischen 'Ausgestaltung des hebräischen Unterrichts bei Einräumung eines genügenden Zeitmastes gefunden werden. Die Lehrerpersönlichkeit, die lediglich von pädagogischen und psychologischen Erwägungen und den Lebensnotwendigkeiten des Judentums ausgeht und auf eine totale jüdische Erziehung und Bildung hinarbeitet, wird versuchen müssen, eine Synthese zu schaffen zwischen der Sprachschule der Zionisten und der Thoraschule der Gesetzestreuen, zwischen dem Hebräischen als Ausdruck des Kultus und der Synagoge und den: Hebräisch der Kultur. Die Einberufung einer allgemeinen jüdischen Lehrer- Konferenz durch den Reichsverband kann m. E. zu keinem positiven Ergebnis führen, solange sich die deutschen Juden gegenseitig durch „Erklärungen" zu bekämpfen suchen. Der Ausgang einer solchen Tagung wird wohl dem der „Reichsschul-Konferenz" nicht unähnlich sein: vor lauter Politik Nummer 1 wird das Judentum vergessen werden und das hebräische Bildungsziel wird dann vermutlich zu politischen Zielsetzungen mißbraucht werden. Das Judentum ist letzten Endes ein Schul- und Bildungsproblem und dieses wiederum kann nur gelöst werden durch schultechnische Mittel und durch ein volles Maß von Zeit. Kraft und Wissen. Bei der Lehrerschaft fehlt es im allgenreirren nicht am guten Willen, an Hingebung rrnd Begeisterung: es fehlt auch bei uns nicht mehr an guten Lehrbüchern für den hebräischen Unterricht. Es fehlt aber am guten Willen und der nötigen Einsicht der liberalerr Juden, mehr Zeit für die jüdische Schule und den hebräischen Unterricht, nrehr Liebe und Verständnis für das jüdische Bildungsgrrt zu widmen. Es gibt ein jüdisches Sillenuird Moralbuch, das den Titel trägt: Linust l'ittim, d. h. Einsicht in die Zeiten. Dieses Verständnis für die Krisis Europas und für die Tragik des Judentums fehlt leider in den breiten jüdischen Volksschichten. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben des jüdischen Lehrerstandes, auf diese Zusannnenhänge hinzuweisen und der Entjudung durch Bagatellisierung des Religionsunterrichts entgegenzuarbeiten. LLLerarffches. Rudolf Schatz: Juden in der deutschen Politik. 320 Seiten. Mit 16 Einzelbildnissen. Berlin, Weltverlag. Ganzleinen 7 (JlM. Im Nahmen der gesamtpolitischen Entwicklung Deutschlands von den Freiheitskriegen bis heute werden die prägnantesten jüdischen Politiker gezeichnet, die Größe, aber auch die Grenzen ihres Einflusses Umrissen. Aufgezeigt wird.' wie sich das allgemeinpolitische Streben jüdischer Führerpersönlichkeiten mit dem Streben nach der Gleichstellung der Juden verband, wie aus der Sonderstellung der Juden die Eigenart und das Teuiperament Form gewannen und nach Gestaltung drängten, und ferner: wie in dieser Sonderstellung das meist tragische Geschick des jüdischen Politikers begründet lag. Mar.r, Lassalle. Bernstein, Eisner. Rosa Luxemburg und andere Sozialisten, die Führer der bürgerlichen Bewegung: Riester, Jacoby. Laster, Bamberger. Preust, Theodor- Wolfs. Georg Bernhard. Nat.'.-enan ersteben in voller Lebendigkeit. Auch dein Gründer der preußischen Adelspanei. dem getauften Juden Stahl, ist ein Abschnitt gewidmet. )VL St. 2. Opat 0 schu: Der Aufstand. Roman aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz. (Fortsetzung des „Letzten Waldiuden".) Welt-Verlag. Berlin. 5 JtM. 3m einleitenden Teil ein Kulturgemälde eigener Art: die Emigrantenkolonie von Paris, des zweiten Kaiserreichs glanzvolle Hauptstadt, zugleich Herd aller europäischen Umsturzbewegungen. Dann die Heimfahrt zweier Kriegsfreiwilligen, eines Polen und eines Juden — das Epos einer Wanderung, das der Zeiten und Völker Aufruhr erleben läßt. 2m dritten Teil, nun der eigentliche „Sturm", der Aufstand. der. schlecht vorbereitet und von kleinen Intriganten geführt, von der russischen Uebermacht zermalmt wird. M. St. Armand Lunel: Ricolo-Peccavi oder Weltgeschichte in Carpentras. Ein tragikomischer Roman. Aus dem Französischen von Lina Frender. Ganzleinen 6 Berlin. Welt-Verlag. (Der Heine-Bund hat von diesem Buche, wie von den beiden vorher besprochenen Neuerscheinungen im Weltoerlag. für seine Mitglieder Parallel-Ausgaben herausgegeben.) Da lebte vor der Großen Revolution ein jüdischer Strolch, eine Künstlernatur, der Komödie spielt, auf Märkten als Astrologe austritt und der seiner Gemeinschaft zu:n Tort 'katholisch wird. Sein Sohn gründet ein Herrenkleiderhaus, das die vornehme Gesellschaft beliefert. Die Familie ist so gut gesinnt, daß es Augustin Nicolo-Peccavi ist, der Urenkel, der im Dreyfuskrieg die llerikal-antisemitische Front kommandiert. Ein Zwiespältiger, der die Stimme des jüdischen Blutes hört. Im Herzen hält er es nüt den Juden und den Dreyfusards. Doch zu schwach, versucht

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