Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 1 (15.1.1930)
- Date
- 1930-01-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 1 ander dieselben Gerichte vorgeseyt bekam. So habe ich in einem Sommer neunmal nacheinander Spinat essen müssen. Während des letzten 2ah res meiner Tätigkeit in Mecklenburg war Baruch Isaak Lipschütz. der Sohn des bekannten Danziger Rabbiners, des Verfassers von Tifereth Israel. Landrabbiner. Auch er erteilte mir die Erlaubnis, religiöse Vorträge zu halten: doch trieben mich sein fanatisches Wesen und die geringe Aussicht auf eine besser dotierte Stelle aus Mecklenburg fort/ Einen Konflikt wie manche andere habe ich persönlich nicht mit ihm gehabt. In der Heimat angekommen, beantragte ich bei der Regierung in Posen meine Zulassung zum Elementarlehrereramen. Die Zulassung wurde gewährt. Leider fielen die Tage der schriftlichen Prüfung mit dem Neujahrsfeste zusammen, und so war es mir unmöglich, daran teilzunehmen. So lag meine Zukunft wieder einmal dunkel und wie ein Rätsel vor mir. Da ich leben mutzte und die Zeit bis zur Ansetzung eines neuen Prüfungstermins nicht beschäftigungslos verbringen durfte, nahm ich wieder eine Stelle als Kultusbeamter an, diesmal aber in Preutzen, in der Nähe von Küstrin, wo ein Jugendfreund als Lehrer seines Amtes waltete. Ueber Gebühr nahm mich dort die Schechita in Anspruch, namentlich in den letzten Monaten des Jahres, wenn die Oderbrucher Gänse ^u schlachten waren, die nach Berlin geschickt wurden. Damals begann ich, mich mit dem Französischen und Englischen zu beschäftigen. Die Unterrichtsbriefe von Toussaint-Langenscheidt waren meine Führer in dieses Gebiet. Da las ich in der Zeitung des Judentums, datz in M., einem Städtchen in Hannover, die Stelle eines Voltsschullehrers und Kultusbeamten zu besetzen sei. Ich meldete mich, löste mein bisheriges Verhältnis, was nicht ohne Schwierigkeiten geschah und mir ohne die Fürsprache der energischen und mir befreundeten Tochter des ersten Vorstehers nicht gelungen wäre, und machte mich, ohne bisher eine zusagende Antwort oder auch, nur eine Aufforderung zur persönlichen Vorstellung erhalten zu haben, auf die für meine Verhältnisse kostspielige Reise nach M. An einem Freitag nachmittag langte ich in Magdeburg an. Da ich vor Sabbath nicht mehr nach M. kommen konnte, blieb ich dort bis Sonntag morgen. Ich besuchte den Gottesdienst, und stellte mich nach dessen Beendigung dem dortigen Rabbiner Dr. Ludwig Philippson vor. Ich dankte ihm für die mannigfachen Belehrungen und Anregungen, die ich der von ihm herausgegebenen Zeitung des Judentums zu verdanken hätte, deren eifriger Leser ich seit vielen Jahren war, und wurde dann von ihm in sein Haus eingeladen. Dort verlebte ich eine anregende Stunde mit ihm in freundlichem Gespräch. Dieses Zusammensein mit dem damals schon sehr bekannten Rabbiner, dessen Zeitung einen heute kaum noch geahnten Einflutz auf das Geistesleben der deutschen Juden ausübte, gehört zu meinen angenehmsten Erinnenlngen. Sonntag gegen Abend langte ich in M. an. Mein erster Gang war zum Vorsteher. Ich fand bei ihm einen grotzen Teil der männlichen Erwachsenen der Gemeinde versammelt. Er hatte Iahrzeit und hielt in seiner Wohnung den Abendgottesdienst ab. Noch hatte der Gottesdienst nicht begonnen, und ich hatte noch Zeit, dem Vorsteher mitzuteilen, in welcher Absicht ich gekommen sei. Man forderte mich auf. den Gottesdienst zu versehen und zu „lernen". Beides tat ich. Ich gefiel, aber man bedauerte allgemein, mich nicht engagieren zu können, da man schon einen Lehrer gesunden und diesen soeben durch die Post von seinem Engagement benachrichtigt habe. Da kam jemand auf den Einsall. der Vorsteher möge -sich von dem ihm befreundeten Postmeister den Brief zurüägeben lassen. Das geschah. Noch an demselben Abend fand. eine Gemeindeversammlung statt. Seite 5 und ich war Bolksschullehrer, Kantor und Schochet von M. Mein nächster Vorgesetzter war der Landrabbiner von Hildesheim, Landsberg. An ihm fand ich einen autzeöordentlich wohlwollenden Förderer. Er machte es mir zur Pflicht, die Elementarlehrerprüfung abzulegen. Da ich hinreichend vorbereitet war, unterzog ich mich ihr nach kurzer Zeit. Ich legte sie vor einer von der Hannoverschen Regierung eigens für jüdische Lehrer eingesetzten Prüfungskommission ab. der auch Landsberg angehörte. So hatte ich endlich mein Ziel erreicht. Von da ab flotz mein Leben ruhig dahin, und ich hatte das Glück. 40 Jahre meines Amtes als Lehrer in drei Gemeinden des Westens zu walten, bis ich 1899 im Alter von 72 Jahren in den Ruhestand trat. Das Lehrziel des hebräischen Anlerrichks. Von H. Translateur. Rastatt. Je nach der Auffassung über das Wesen des Judentums wird das hebräische Lehrziel verschieden formuliert. 1. Ein eigentliches Lehrziel im pädagogischen Sinne gibt es für den orthodoxen Juden nicht, da für ihn die Bewältigung der ganzen Bibel und des ganzen Gebetbuches ' eine Mindestforderung aus religiösen Motiven heraus darstellt. Im Mittelpunkt des Unterrichts steht nicht der Schüler. sondern lediglich und ausschlietzlich der unwandelbare Lehrstoff. 2. Die jüdische Reförmgemeinde 'beschränkt sich auf die theoretische Forderung, datz die Jugend befähigt wird, sich am hebräischen Gottesdienst zu beteiligen, ohne die Art und den Umfang der Teilnahme näher zu. umschreiben. Für den liberalen Juden bedeutet das Zuhören, das rein rezeptive Aufnehmen, das „Besuchen" der Synagoge allein schon Religion. Wir müssen aber verlangen, datz unsere Jugend durch den hebräischen Unterricht befähigt wird, sich aktiv am Gottesdienst, am Gebet, und Eemeindegesang, an Thora- und Prophetenvorlesung zu beteiligen. Wir begnügen uns nicht mit einem rein passiven Verhalten, sondern verlangen ein lebendiges Mitschaffen, schöpferische Teilnahme mit allen seelischen Kräften, entsprechend der alten Forderung pl iriNl/13 lipVri' lasse uns teilhaben an deiner Thora. Dieses letztere Ziel kann aber bei einem Unterricht von 1—2 Wochenstunden unter keinen Umständen erreicht werden. Selbst die beste Methode, das beste Lehrbuch und der tüchtigste Pädagoge und Hebraist mutz zur Bewältigung der technischen Schwierigkeiten ein Mindestmatz an Zeit haben. Wir sind keine Hexenmeister und Zauberkünstler und können aus dem Felsengrunde von 1—2 Wochenstunden mit dem Mosesstabe unserer pädagogischen Weisheit kein lebenspendendes Quellwasser, d. h. kein lebendiges Sprachempfinden. ja nicht einmal sprachliches Wissen und Können vermitteln. Und selbst wenn wir die Grenzen so eng ziehen, wie es in den bekannten Hilfsbüchern von Abraham und Rothschild geschieht, so müssen wir ehrlich gestehen, datz ein tiefes Eindringen in sprachlicher Hinsicht bei dieser zeitlichen Begrenzung ein Ding der Unmöglichkeit ist. Don einem Erfassen der Gebete, die zur Kawanah. zu einer geistigen und seelischen. Konzentration hinsühren könnte, kann natürlich keine Rede sein. Kein einsichtiger Pädagoge und Psychologe darf sich über diese Erundtatsachen und Erfahrungen durch schöne Worte hinwegtäuschen. Wenn die Parole der liberalen Schulbehörden (vgl. die neuen Lehrpläne für Baden und Württemberg) dahin geht, daß das jüdische Schulkind nicht mehr belastet werden darf als das christliche Kind und eine Erweiterung über Jüdische Schulzeitung.