Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 1 (15.1.1930)
- Date
- 1930-01-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 wieder dividieren. Durch diese Tätigkeit aber war in mir der Wunsch rege geworden. Volksschullehrer zu werden. Meine beiden Brüder waren damals in Berlin: sie waren Kürschner geworden. (Sie sind es beide nicht geblieben, der ältere wurde Kaufmann und betrieb in New Dort ein gutes Geschäft, der andere machte sich später als Erfinder einen Namen.) Als -sie von meinen Absichten hörten, lieben sie mich nach Berlin kommen, wo ein jüdisches Lehrer-Seminar existierte. Auf dem Frachtwagen eines Erobkaufmanns. der Wolle nach Berlin versandte, langte ich nach achttägiger Reise dort an. Ich suchte Dr. Zunz, der das Berliner Seminar damals leitete, auf, und bat ihn, mich in feine Anstalt aufzunehmen. Ich wurde abgewiesen. Als ich nach den Gründen fragte, sagte er mir: „Sie können ja nicht einmal richtig deutsch sprechen". Und zu meiner Beschämung mutz ich gestehen, daß ich nicht einmal wußte, daß man richtig und falsch sprechen könne. Was sollte ich nun tun? Sollte ich nach der Heimat zurückkehren? Mit Unterstützung meiner Brüder begann ich einen Hausierhandel. Etwa sechs Wochen trieb ich es -so und verdiente so viel, daß ich leben konnte. Da las ich eines Tages neben der Tür eines Hauses, in deni ich meine Waren anbieten wollte, ein Schild, auf dem stand: „Hausierern und Bettlern ist der Eintritt verboten". Da kam es mir zum Bewußtsein, daß ich mir etwas vergeben hatte. Mißmutig und ohne recht zu wissen, was ich nun beginnen sollte, kehrte ich in die Heimat zurück. Das war im Iahre 1848. Ich wurde wieder Hauslehrer, und auch dieses Mal bei einem Wirt auf einem Dorfe. Hier lernte ich einen tüchtigen Lehrer kennen. 2hm klagte ich mein Mißgeschick. Er verhieß, mich zu fördern. Er empfahl mir, Heyses deutsche Schulgrammatik durchzuarbeiten, und ein halbes Iahr später hätte Zunz mich nicht mehr wegen meines schlechten Deutsch zurückgewiesen. Ich schrieb Aufsätze, die der Lehrer korrigierte, und auch -sonst förderte er mich in jeder Weise. Nach zwei Iahren verließ ich den mir viel zu eng gewordenen Wirkungskreis, fand aber keinen besseren. Mit Widerwillen -suchte ich bei einem Zehngebotschreiber Schutz. Da schien eine günstige Wendung in meinem Schicksal einzutreten. Ein ehemaliger Schulkamerad, ein strebsamer und begabter Mensch, hatte gleich mir den Wunsch. Elementarlehrer zu werden. Er hatte mehr für -seine Weiterbildung getan als ich — er hieß Straßmann und wurde -später Lehrer in einer großen Gemeinde, und während ich von meinen: früheren Lehrer für die Aufnahme in ein Seminar vorbereitet wurde, reiste er nach Berlin, um uns bei Zunz zur Aufnahmeprüfung anzumelden. Vier Wochen vergingen, und noch hatte Straßmann nicht geschrieben. Endlich traf das ersehnte Schreiben ein. Es machte meinem schönen Traum ein jähes Ende. Das jüdische Seminar existiere nicht mehr, er selbst werde sich von seinem Bruder, der Lehrer war, für die Prüfung vorbereiten lassen. Was sollte ich nun beginnen? Noch gab ich meinen Plan nicht auf. mich durch den Besuch eiues Seminars auf den Lehrerberuf vorzubereiten. Ich wandte mich an den mir bekannten Rabbiner Löwyson in Preiskretscham, er möge sich dafür verwenden, daß ich in das dortige Lehrerseminar ausgenommen werde. Seine Bemühungen waren vergeblich: das Konsistorium in Breslau gab mir nicht die Erlaubnis zum Besuche des Seminars. Da blieb mir nichts anderes übrig, als wieder Zehngebotschreiber zu werden. Ich fand eine Stelle in Czarnikau bei einem recht gescheiten Manne, dem ich vieles zu verdanken habe. Es war der Vater des -später rühmlichst bekannten Direktors der physikalisch-technischen Reichsanstalt, Dr. Löwenherz. Als ich ihm von meinen fruchtlosen Versuchen, Lehrer zu werden, erzählte, stellte er mir die Schatten- Nummer 1 -seiten dieses Berufes so eindringlich dar. daß ich seinem Rate folgte, meine langgehegten Wünsche aufzugeben und dafür in meinem Heimatsorte das Zehngebotschreiben selbständig 3ii betreiben. Und wirklich schien es. als ob ich nun endlich zur Ruhe kommen sollte. Ein Kaufinann aus Hamburg kaufte mir meine Arbeiten ab. und ich fühlte mich in meiner neuen Lage ziemlich glücklich. Ich wohnte bei meiner Mutter. Meine Geschwister hatten das Haus längst verlassen, und ich war der Alternden eine willkommene Stütze. Meine Mußestunden verbrachte ich am liebsten mit dem Lesen von Büchern. Welche Freude gewährte mir damals die Lektüre der Bändchen von Meyers Groscheubibliothek der deutschen Klassiker! Da fand ich für wenig Geld einen dauernden Genuß. Herder. Lessing. Engel. Mendelssohn. Knigge u. a. m. wurden meine Lieblinge. Niemals kann ich vergessen, was ich diesen Eeisteshelden und dem Verlage, der -sie jedem für wenig Geld zugänglich machte, zu verdanken habe. Noch heute denke ich mit Rührung an die unscheinbaren Bändchen und bedauere, daß ich sie von einem nachlässigen Vetter, dem ich sie bei einem Umzuge zur Aufbewahrung gegeben hatte, nicht zurückbekominen habe. Die in demselben Verlage erschienene Volksbibliothek für Länder-, Völker- und Naturkunde ist noch jetzt mit ihren 60 Bünden in meinem Besitz. Auch ihnen verdanke ich reiche Belehrung. Mit einer gewissen Selbstzufriedenheit sah ich auf meine ehemaligen Schulkameraden herab, die ihre Zeit vertändelten, während ich mir ein geistiges Vergnügen zu verschaffen wußte. Bald -sollte ich aber aus dieser Ruhe aufgeschreckt werden. Das Rad meines Schicksals hatte nur ein wenig geruht, um zu neuer Unruhe Kraft zu gewinnen. Eineinhalb Iahre hatte ich mich dieses beglückenden Zu- . standes erfreut, als mein Hamburger die Beziehungen zu mir abbrach. Eine Partie Tephillin wurde mir zurückgeschickt. Meine Arbeit werde gegenwärtig nicht gesucht und sei überdies zu teuer, so hieß es in dem Begleitschreiben.. Ich stand wie vom Blitz getroffen. Was sollte ich nun beginnen? Da tauchten meine alten Pläne wieder auf. Ein Vetter, der im Mecklenburgischen eine Stelle als Kantor. Religionslehrer und Schächter gefunden hatte, machte gerade um die Zeit, da ich so mH aus meiner Ruhe aufgeschreckt worden war, einen Besuch in der Heimat und schilderte mir seine Lage in rosigen Farben. Außer chm hatten noch andere junge Männer aus meinem Geburtsorte ähnliche Stellungen in Mecklenburg-Schwerin gefunden. Ich erlernte in einigen Monaten das Schächten, reiste nach Berlin« wo ich von den Nnbbinat-assessoren Oettingsr und Nofenstein Kabbolo erhielt, und dann nach dem Mecklenburgischen, wo ich zunächst bei meinem Vetter Aufnahme fand. Ich erhielt sofort ein Engagement und unterzog mich auf Anordnung des Oberrates einem Eramen, durch das mir die Berechtigung zugesprochen wurde, in Mecklenburg- Schwerin als Kultusbeamter und Religionslehrer zu fungieren. So hatte ich endlich wenigstens teilweise erreicht, was ich so lange erstrebt hatte. Das war im Iahre 1852. Dreieinhalb Iahre blieb ich in Mecklenburg. Mein Amt ließ mir Zeit genug zu meiner Weiterbildung, der biedere Menschenschlag gefiel mir. Der Landrabbiner erlaubte mir. religiöse Vorträge in der Synagoge zu halten: mit den Kollegen verband mich aufrichtige Freundschaft. Ich mußte als Unverheirateter außerhalb des Hauses essen, und zwar abwechselnd bei den Mitgliedern der Gemeinde. Das hatte -seine Vorzüge: denn man gab sich sichtlich Mühe, das Beste - aufzutischen, wenn der Lehrer zu Gaste war. Es konnte aber auch Vorkommen, namentlich wenn ein bestimmtes Gericht -seine Saison hatte, daß ich mehrere Tage hinterein- Iüdische Schulzeitung.