Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 1 (15.1.1930)
- Date
- 1930-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 1 Jüdische Schulzeitung. Seite 3 Anderer Art war die Mutter. Klug und schlagfertig, gesund, mutvoll und gottesfürchtig, wußte sie sich auch dann unabhängig zu erhalten, als der Vater starb und -sie mit vier unmündigen Kindern zurückließ. Sie legte sich einen kleinen Handel zu und nahm -später außer von ihren erwachsenen Kindern von niemand eine Unterstützung an. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, als ich das Cheder zu besuchen anfing: ich mochte 4 Jahre alt sein. Aber daran erinnere ich mich noch, daß wir außer an den Feiertagen keine Ferien hatten, dafür aber an jedem Tag von L Uhr morgens bis abends 7 Uhr fast ohne Unterbrechung unterrichtet wurden, wenn man die hier geübte Art der Belehrung noch Unterricht nennen kann. Im Deutschen unterrichtete mich in dieser Zeit mein Vater. Das wurde anders, als ich 7 Jahre alt war. 1833 bekamen wir eine jüdische Volksschule: doch litt der Unterricht unter häufigem Lehrerwechsel. Nur einer, dessen die meisten Schüler mit der größten Achtung gedenken, verblieb ungefähr I Jahr. Sonst hatte die Jugend das Vergnügen, fast alle 4 Wochen einen Lehrer aus dem Tore begleiten zu können, und es ' hätte um meine Kenntnisse schlecht gestanden, wäre nicht mein Vater mit -seiner Nachhilfe da gewesen. Soweit ich mich zu erinnern weiß, konnte ich damals ziemlich richtig orthographisch schreiben, fließend lesen, hatte einige Kenntnisse in der Geographie, und selbst die mathematische Geographie, soweit sie in Elementarschulen gelehrt zu werden pflegt, war mir nicht fremd. In der deutschen Sprachilehre übertraf ich manchen weit alteren Schüler. Nach dem Unterricht und am Sabbath hatte ich besonderen Unterricht in rabbinischen Schriften bei einem Verwandten, der ein ziemlich umfassendes Wissen besaß. Ich gehörte nicht zu der weißen „Chewra", deren Mitglieder sich nach dem Unterricht und an Sabbaihen auf der Straße und in der Umgegend des Ortes umhertrieben. Endlich fand sich auch für die Schule wieder ein tüch- 'tiger Lehrer, der mir später sehr förderlich war, als ich als Erwachsener mehrere Jahre in der Heimat zubrachte, und dem ich bis auf den heutigen Tag ein dankbares Andenken bewahre. Seinen Unterricht genoß ich aber als Knabe nur kurze Zeit, denn ich war indessen fast 14 Jahre alt geworden und Mußte die Schule verlassen — mit weniger Wissen als Wissensdurst. Ich hätte am liebsten einen Beruf ergriffen, der mir Gelegenheit gegeben hätte, weiterzulernen, denn Lernen war meine Leidenschaft, aber ein solcher Beruf schien meinem Vater nicht aussichtsooll gemlg, und mein Wissen reichte nach seiner Ansicht wohl auch nicht aus. So „setzte man mich auf die Nadel", d. h. ich wurde Schneider und lemte bei meinem eigenen Vater. Am Sonntag wurde zu Hause gearbeitet, und an den Wochentagen begleitete ich ihn in die Bauernhäuser. Ich hatte es nicht schlecht. Die Bauernfrauen waren gutmütig und sorgten dafür, daß der immer hungrige Junge reichlich zu essen bekam, und am Freitag konnte ich oft einen Sack mit Kartoffeln nach Hause schleppen. Und war der Weg auch noch so weit und die Last noch so schwer: Die Mühe wurde mir durch den Gedanken an'die Freude der Mutter über die Eratiszugabe zum kärglichen Lohn des Vaters versüßt. Das ging so zwei Jahre. Da endlich erreichte ich es. daß mein Wunsch, einen Beruf zu ergreifen, der meinen Neigungen mehr entsprach, erfüllt wurde. Aber welcher Beruf sollte es sein? Ich wäre schon damals gern Lehrer geworden. Aber der Weg zu diesem Ziele war zu schwer und für einen armen Jungen fast ungangbar. Es gab damals schon jüdische Seminare, aber von ihrer Erislcnz wußte in meiner Heimat niemand. Mein letzter. Lehrer hatte das staatliche Seminar in Berlin besucht und nannte sich mit Stolz einen Schüler Diesterwegs. Aber ich hatte in Berlin weder Verwandte noch Bekannte, und so kam mir nicht einmal der Gedanke, mich um eine Aufnahme zu bemühen. So wurde ich denn Sofer, nicht Thorarollen-, sondern Zehngebot-Schreiber, wie man damals den nannte, der Tephillin und Mesusoth anfertigte. Zu diesem Entschlüsse kam ich, weil ich einen Onkel hatte, der auf diesem Gebiet Tüchtiges leistete, und weil ich hoffte, daß ich Zeit und Anlaß genug finden würde, zu lernen. In dieser Hoffnung sah ich mich nicht getäuscht. Ich kam zu dem Onkel in die Lehre. Er unterwies mich gewissenhaft in seinem Fache, versäumte aber auch nicht, mit mir zu „lernen". Meine besondere Liebe aber gehörte in jener Zeit der Bibel. Ich fühlte mich glücklich, wenn ich sie in den Feierabendstunden und am Sabbath zur Hand nehmen konnte. Mit aller Liebe hing mein Herz an ihren Helden. Von den Götzendienern aber wandte ich mich mit tiefem Abscheu ab und konnte nicht begreifen, daß denkende Wesen bei dem so sichtbaren Walten Gottes ihm zuwiderhandeln könnten. Dabei erfuhr ich auch, wie wenig ich bisher die Bibel gekannt hatte. Viele Legenden hatte ich nicht nur für wahr gehalten, sondern ich. hatte auch geglaubt, daß sie in der Bibel enthalten seien. Wie erstaunt war ich, als ich von der Erzählung, nach der Asmodai den König Salomo vom Throne gestoßen habe, dann aber von diesem vermöge seiner Klugheit entlarvt worden sei, nicht eine Spur in der Bibel fand. In dieser Zeit bekam ich auch Bredows Weltgeschichte in die Hand, die mir über manches nachzudenken Stoff gab. Während ich in der Lehre war. starb mein Vater, doch änderte sich darum in meinen Verhältnissen nichts. Nach dreijähriger Lehrzeit verließ ich das Haus meines Onkels und arbeitete bei mehreren Prinzipalen. Da traf mich ein schweres Unglück. Als Sofer mußte ich auch, die Pergamente Herstellen, die für die Schrift gebraucht wurden. Dabei zog ich mir eine Blutvergiftung zu, und ein Finger der rechten Hand mußte mir abgenommen werden. Das Schreiben fiel mir nun schwer. Ich war gezwungen, meinen Beruf zu wechseln, und wurde Hauslehrer. Ich nahm eine Stelle bei einem Wirte in einem kleinen Dorfe an, der Nomann hieß und dessen Charakter seinem Namen entsprach. Ich mußte ihm auch in der Schankstube helfen, und dabei wäre es mir einmal beinahe ans Leben gegangen. Ich hatte einem Holzhauer, der im Hofe arbeitete, einen Schnaps eingeschenkt und ihm, da er schon angetrunken war, statt eines zweiten, den er forderte. Wasser ins Glas gegossen. Er ging scheinbar ruhig hinaus, kehrte aber sofort mit -seiner Art zurück und wollte mich, der ich nichts Böses ahnte, erschlagen. Einer der Gäste fiel ihm in den Arm. und -so war ich gerettet. Wegen des rohen Benehmens meines Prinzipals verließ ich den Ort nach einiger Zeit, als ich hörte, daß in einem anderen Dorfe gleichfalls ein Wirt einen Hauslehrer suche. Ich bekam die Stelle, uttb der Unterricht der gutartigen Knaben und das Zusammenleben mit den freundlichen Eltern sagten mir zu. Die Kinder besuchten die Dorfschule, und ich sollte ihnen nicht nur Unterricht im Hebräischen geben, sondern auch bei der Anfertigung der Schularbeiten behilflich sein. Da sah ich erst, wie viel ich von dem wenigen, das ich in der Schule gelernt, wieder vergessen hatte. Ich sollte eines Tages den: ältesten meiner Schüler beim Dividieren helfen. Aber o weh. ich konnte es selbst nicht mehr. Wie sollte ich da helfen? Ich ging zu einem Knaben, von den: ich gehört hatte, daß er zu den besten Schülern gehöre, schämte mich aber, ihm meine Unwissenheit zu gestehen, und bat ihn. mir einmal zu zeigen, daß er wirklich so gut rechnen könne, wie man mir erzählt habe, und stellte ihm eine Divisionsaufgabe. Voller Stolz bewies er mir seine Kunst, und ich — konnte