Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 1 (15.1.1930)
- Date
- 1930-01-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer l Jüdische Schulzeitung. Seite 2 ait ihrem Wohnsitz keine Beratungsstelle und keine Vertrauten, haben. die Möglichkeit zu geben, sich schriftlich unter Chiffre an einen Berater zu wenden, der ihnen dann schriftlich Antwort erteilt. Gerade die Jüdische Jugendberatung stellt all die Berater gegenüber der-' nichtjüdischen ganz besondere Anforderungen. Sie erfordert neben der Kenntnis der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, einigen berufskundlichen Kenntnissen, neben Einfühlungsfähigkeit und Erfahrung in den notwendigsten psychologischen Grundvoraussetzungen des Iugendalters eine ganz besondere Kenntnis der Lage der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, wobei die Kenntnis der Verhältnisse bei den in Deutschland wohnenden Ostjuden eine besondere Nolle spielt. Gerade bei diesen Menschen, die, häufig enttäuscht, erwarten, das; man ihnen für ihre Schwierigkeiten eine fertige Lösung mit auf den Weg gibt, kontmt es darauf an, sie dazu zu erziehen, selbst ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und nicht sich von außen helfen zu lassen. Selbstverständlich bcschrättkt sich diese Bemerkung nicht nur auf unsere bei uns wohnenden Brüder aus dem Osten. Wie cs überhaupt das wichtigste Prinzip der Jugendberatung ist. sofern sie pädagogisch Sinn haben soll, das Verantwortungsgefühl in dem Ratsuchenden zu wecken oder zu stärken, keineswegs aber ihm die Verantwortung für sein Handeln abzunehmen. Dieser Gesichtspunkt ist bei jedem zur Beratung gestellten Konfliktsfall im Auge zu behalten und gilt auch für Fälle aus dem Schulleben. Es wäre also völlig verkehrt, zu befürchten, daß die Jugendberatung die Jugendlichen den Eltern oder Lehrern entfremden wolle. — Der Vollständigkeit halber sei noch hinzugefugt, daß es für erziehungsschwierige Kinder Beratungsstellen für die Eltern gibt (Erziehungsberatungsstellen), die nur gelegentlich von Jugendlichen allein aufgesucht werden, wie z. B. bie Beratungsstelle der Jüdischen Kinderhilfe in Berlin, wo eine Personalunion zwischen Beraterin undSchulpflegerin besteht. Eine andere solche Erziehungsberatung unterhält der Jüdische Frauenbund in Berlin-Wilmersdorf. HI. Nun mögen noch einige Daten aus der „Jüdischen Jugendberatung Hamburg" mitgeteilt werden: Im ganzen wurde die Beratungsstelle im ersten Halbjahr ihres Bestehens 39mal aufgesucht. Hinzu kommen noch schätzungsweise 15 Besuche, die bei Eltern gemacht wurden oder von ihnen empfangen wurden. 18 Besuche waren Wiederholungen des ersten. Im ganzen wurden wir von 18 Jugendlichen aufgesucht, ein Beweis, daß wir weniger Gewicht auf den Umfang als auf die Intensität der Anzahl der Beratungen legen. Den Hauptanteil an den zur Beratung gestellten Fällen nehmen Berufsfragen ein: es folgen häusliche Schwierigkeiten. und in einem Falle ganz besondere persönliche Schwierigkeiten, mitveranlatzt durch krankhafte Veranlagung, die dem Psychiater und von ihm der Heilanstalt überwiesen wurden. — Als besondere Schwierigkeit trat vor allen Dingen die Bedingung auf, daß wir Dritten, also auch Amtsstellen gegenüber, nur mit Zustimmung der Betreffenden von ihren Nöten sprechen durften. Dadurch ist die. Gefahr vorhanden, daß wir bereits angeordneten Matznahmen entgegen arbeiten. Praktisch hat sich diese Schwierigkeit bisher immer sehr leicht gelöst, indem in all diesen Fällen ohnehin eine Fühlungnahme der Jugendberatung mit der betreffenden Stelle nötig war. Ferner tauchten einige juristische Schwierigkeiten auf, die weiterhin pädagogisch von Bedeutung werden können. Es ist nämlich juristisch nicht einwandfrei zu erweisen, ob wir vor Gericht, wo wir möglicherweise bei Straffällen als Zeugen auftreten könnten, als Vertrauensstelle, die keiner Behörde angeschlossen ist, Zeugnisverweigerungsrecht haben. Wenn wir jetzt, um das in uns gesetzte Vertrauen nicht zu enttäuschen, dennoch das Zeugnis verweigern, tun wir etwas pädagogisch Falsches, indem wir selbst gegen die Rechtsordnung handeln. 3u der auch wir den Jugendlichen hinführen wollen. Wenn wir hingegen Zeugnis von uns anvertrauten Dingen ablegen. so haben wir. vom Jugendlichen aus gesehen, das Vertrauen gebrochen, was ihn über den Einzelfall hinaus, und besonders in der Stimmung, in der.er sich vor Gericht befindet, zum Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit und an dem Guten im Menschen bringen kann. IV. Es konnte nicht der Sinn dieses einführenden Aufsatzes sein, tiefer in die Organisation und die Probleme der 2ugendberatung einzuführen. Das mutz Einzelarbeiten Vorbehalten bleiben. Hier sollte lediglich mit der Existenz und mit dem Wesen und — oberflächlich auch — mit der Arbeit der Jugendberatung bekannt gemacht werden, denn hier, ebensowenig wie auf allen anderen Gebieten der modernen Erziehung, können wir der Mitarbeit unvoreingenommen arbeitender Pädagogen entraten. Und es handelt sich hier nicht um ein Spezialgebiet: jeder Lehrer, auch der beste, und ebenso jeder Erzieher überhaupt, kann sich veranlatzt sehen, einen Zögling auf die Jugendberatung aufmerksam zu machen. Dem soll hier vorgearbeitet werden. Literatur: Für eingehenderes Studium: die Leihmappe „Jugendberatung" des Deutschen Archivs für Jugendwohlfahrt in Berlin NW 4V. Moltkestratze 5. — An Einzelwerken vor allen Dingen das gnmdlegende Buch von Dr. Hugo Sauer „Jugendberatung. Idee und Praris 1914 bis 1923": ferner der Aufsatz von R. P. Frank „Jugendberatungsstellen" im Zentralblatt für Jugendrecht und Jugendwohlfahrt XX. .1. April 1928, S. 16. — S. auch den zusammenfassenden Aufsatz des Verfassers in den Mitteilungen des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände über „Jugendberatungsstellen". II, 2, Juli 1929. — Außerdem eMiert eine noch kleine Materialsammlung über dieses Gebiet bei dem Verfasser, das auszubauen er weiter bemüht ist. und für dessen Vervollständigung durch Zusendung von Zeitungsausschnitten. Aufsätzen. Plakaten. Flugblättern und dergleichen Dingen mit genauer Quellen-. Zeit- und Ortsangabe er stets dankbar ist. Aus den Erinnerungen eines allen Lehrers Meine Heimat ist ein Städtchen der Provinz Posen. 2m Jahre 1826 erblickte ich dort das Licht der Welt. Mein Vater war ein armer Schneider, ein stets kränkelnder Mann, den aber seine Gebrechlichkeit nicht hinderte, von Montag morgen bis Freitag nachmittag von Hause abwesend zu sein, um bei Bauersleuten auf den oft entfernten Dörfern für die Alten und Jungen neue Anzüge zu machen ttnd alte umzuändern und zu flicken. Selbstverständlich atz er nur. was einem frommen Juden zu essen erlaubt ist. So lebte er an den meisten Tagen von Kartoffeln, die er in dem eigenen Topfe kochte, von Eiern und Brot. Damit mochte es wohl auch Zusammenhängen, datz er immer von -schwankender Gesundheit war und im besten Mannesalter starb. Allerdings gehörte Fleisch damals noch nicht zu der Kost des Alltags, und auch in den Häusern der anderen kam es für gewöhnlich nur an Sabbathen und Feiertagen auf den Tisch. Er galt als ein gebildeter Mann, konnte er doch polnisch und deutsch lesen und schreiben, und oft genug mutzte er für die Nachbarn Briefe übersetzen und abfassen. Er besaß nicht unbedeutende Kenntnisse des biblischen und rabbinischen Schrifttums, galt aber nicht für einen Gelehrten. Wegen feines klugen Rates wurde er oft aufgesucht, doch hielt er sich am liebsten bescheiden zurück.