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Jüdische Schulzeitung · 1929-12-15 · Heft 12 (15.12.1929) · page 5

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
5 (1929)
Issue
Heft 12 (15.12.1929)
Date
1929-12-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nummer 12 Jüdische Schulzeitung. ' Seite 5 tmtg wir dann von allem absehen. „abstrahieren", was nicht der Allgemeinheit hes Begriffes entspricht. Das ist ja.-schon in der elementaren Mathematik der Fall: wir beweisen den Sah. dah die ' Winkelsumme im Dreieck zwei Rechte beträgt, indem wir ein beliebiges Dreieck zeichnen, ganz von feinen zufälligen, wahrnehmbaren Matzen, von der Dicke, der Breite der Linien absehen und in ihm eben das allgemeine Dreieck erblicken. Ueberall haben wir aber in den sinnlichen Mitteln nur Zeichen und Symbole für Sinnbeziehungen. auf die das Denken gerichtet ist. Doch um völlige Klarheit über das Problem des abstrakten Denkens zu geben, wäre nichts Geringeres zu untersuchen als die Grundlage sämtlicher Wissenschaften, denn die Wissenschaften sind ja Produkt und zugleich Produzieren des Denkens: in ihnen betätigt 65. sich am mannigfaltigsten Stoff, aber auch mit ganz verschiedenen Mitteln. Gemeinsam bleibt für das Denken in diesen seinen höchsten Leistungen aber dies: datz es weiteste Zusammenhänge nach bestimmten Ordnungsprinzipien herstellt, eine neue Welt, verglichen mit derjenigen, die wir wahrnehmen, wie auch gegenüber der. die als Kopie ein schattenhaftes Abbild der Wahrnehmungswelt wäre. Es ist ein über die Psychologie hinausgehendes Problem, in welcher Weise allgemein diese neue Welt oder diese neuen Welten gleichwohl sich auf die Welt der Wahrnehmung — in verschiedener Weise übrigens in den verschiedensten Wissenschaften — beziehen, über sie Klarheit verschaffen, aber auch sie umgestalten. Die vielfältigen Leistungen des Denkens, die wir hier nur flüchtig andeuteten. fetzen zahlreiche, in verschiedenen Kombinationen sich verbindende Anlagen und Fähigkeiten der Seele voraus. Diese sind, wie die alltäglichste Etfahrung lehrt, nicht in einem jeden Menschen gleichmätzig vorhanden: in ihren Denkanlagen und -fähigkeiten unterscheiden sich die Menschen sowohl der Art als dem Grade nach. Daraus ergibt sich nun die schwierige Aufgabe für die Psychologie, aus den zusammengesetzten Denkleistungen der Menschen sowohl ihre sie unterscheidenden Anlagen und Fähigkeiten als auch -die einzelnen, tatsächlich in ihnen wirkenden Funktionen des Denkens zu erschlietzen. Für praktische Zwecke jedoch ist mehr als eine Zergliederung eine Zusammenfassung bestimmter Fähigkeiten geboten — die Zusammenfassung von solchen, auf die es in der Schule und im Leben ankommt. Eine derartige Zusammenfassung enthält der Begriff der Intelligenz. Die bekannte Definition von William Stern erklärt ihn so: ..Die Intelligenz ist die allgemeine Fähigkeit eines Individuums, fein Denken bewutzt auf neue Forderungen einzustellen: sie ist die allgemeine geistige Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben und Bedingungen des Lebens." Wie viele besondere Fähigkeiten in dieser allgemeinen Fähigkeit des Denkens enthalten find, möge wenigstens durch ein Beispiel angedeutet werden: durch die Wiedergabe von ..Tests", auf Grund deren mit -sehr gutem Erfolg in Hamburg Kinder nach vierjährigem Besuch der Volksischule für Klassen mit fremdsprachlichem Unterricht ausgewählt wurden. Diese Aufgaben waren: Erklärungen von Begriffen wie Onkel oder Neide. Erschlietzen der Moral einer Fabel, Kritik von Sinnlosigkeiten, die in eine Erzählung eingestreut waren. Ergänzung von Bindewörtern in einem Tert, Bilden eines sinnvollen Satzes aus drei Wörtern, sinnvolle Anordnung von Begriffen. Erklärung zweier Bilder, die zwei Phasen eines Ereignisses darstellten, endlich noch eine Eedächtnisprüfung. Es werden also recht verschiedene Funktionen des Denkens, dazu noch des Gedächtnisses hier geprüft, wo es auf die vielseitigen, von der Schule geforderten Leistungen ankommt. Wichtiger für das Leben und den Beruf als für die Schule ist dann die Unterscheidung von Intelligenztypen in selbsttätige und reaktive, subjektive und objektive, analytische und synthetische, theoretische und praktische: sie besagen, datz die Intelligenzen der Menschen durch das Ueberwiegen der einen und der anderen Intelligenzarten bestimmt find.' Das eigentlich psychologische Problem der Intelligenz bleibt bei den Untersuchungen über die praktischen Anwendungen aber noch voller Rätsel. Beweis dafür ist das Problem der schöpferischen Intelligenz. Sind hier Arten des Denkens beteiligt, die der gewöhnlichen Intelligenz fehlen,, oder haben wir nur Steigerungen von Fähigkeiten, die auch in durchschnittlichen Intelligenzen zu finden sind? Wir müssen in jedem Falle versuchen, durch den Rück» gang auf das, was auch sonst an psychologischen Fähigkeiten zu beobachten ist. die schöpferische Intelligenz zu verstehen. In der Tat finden wir nun schöpferische Denkakte bei jedem normalen Menschen. Wir erkennen dies am Beispiel des Erfindens. Leistungen wie die des Menschen, der zum ersten Male einen Baumstamm über den Bach legte, um hinüberschreiten zu können, wiederholen sich bei jedem normalen Kinde. Es wird hier Getrenntes, bisher noch nie von dem Betreffenden als verbunden Erfahrenes fo zusammengedacht, datz sich etwas für ihn vollkommen Neues als etwas praktisch Wertvolles ergibt. Gerade bei der Erfindung zeigt sich aber auch die Macht der schöpferischen Phantasie. In unserem einfachen Fall könnte .diese sogar allein die Erfindung zustande gebracht haben. Wenn wir von schöpferischen Leistungen im eigentlichen Sinne sprechen, so meinen wir damit etwas, was über> Haupt noch nie von einem anderen Menschen erdacht oder erschaut worden ist. zugleich etwas, was einen besonders hohen Wert besitzt. Wie kommt dieses Autzergewöhnliche zustande? Es find bei den verschiedenen schöpferischen Persönlichkeiten — deren wichtigste Typen die wissenschaftliche, die künstlerische, die technisch-erfinderische sind — sehr verschiedene intellektuelle Funktionen nicht nur des Denkens und der Phantasie — sofern wir diese dam rechnen — sondern z. B. der Wahrnehmung, der Assoziation und Reproduktion in Aktion, durch die ihre Leistung möglich wird. Intellektuelle Funktionen allein aber sind es nicht. Es ist vor allem die Fähigkeit, von dem Gegenstand vollkommen ergriffen, durch ihn gefühlsmäßig gebunden. ..besessen" zu werden, und ferner ein Trieb zu dem bestimmten geistigen Schaffen, der zum bewutzten Eestaltungswillen wird. Auch hier gibt es. auf demselben Gebiet sogar, ganz verschiedene Typen. Am einfachsten nahezubringen sind vielleicht die seelischen Voraussetzungen des schöpferischen Künstlers, in dessen Schaffen sich schöpferisches Denken und schöpferische Phantasie vermahlen: tiefes Erleben. Fähigkeit, das Erlebnis auszudrücken, zu gestalten und umzugestalten und die Willensenergie. diese Gestaltung wirklich durchzuführen. Die höchsten Leistungen des Denkens und der Phantasie weisen uns so wieder über die intellektuelle Sphäre hinaus auf das Gefühls-, Trieb- und Willensleben. In dem Ganzen des Seelenlebens, das wir nur zerlegen, um es in feiner Kompliziertheit zu begreifen, wirken ja alle diese Sphären zusammen. Erziehung zum Frieden. Von 3. Raphael. Man erzählt heute keine besondere Neuigkeit mehr, wenn man feststellt, datz die Erziehung im Sinne des Friedensgedankens nun doch fo ziemlich Eingang in alle Unterrichtsanstalten gefunden hat, besonders nach dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund. Datz sich in dieser Hinsicht eines sichtbaren Fortschritts für die religiöse Be-

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