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Jüdische Schulzeitung · 1929-12-15 · Heft 12 (15.12.1929) · page 4

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
5 (1929)
Issue
Heft 12 (15.12.1929)
Date
1929-12-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung. offen selbständigen Bilden von gedanklichen Verbindungen. Ist es ein bedeutender und schwieriger Sinngehalt. so wird er meine ganze Begrisfswelt in Bewegung sehen. Vertiefe ich mich wirklich in den Sinn, so beweist auch der. Erfolg, die Bereicherung meines Wissens, besonders an neuen Apperzeptionsformen, datz eine aktive Leistung stattgefunden hat. Wie das denkende Verstehen sich tatsächlich vollzieht, bleibt es übrigens nie bei der Wiedererzeügung des Sinns stehen. , Studiere ich ein Werk, so regt es in mir unmittelbar Ge» danken an. die in ihm gar nicht ausgesprochen und auch nicht von dem Verfasser gedacht waren, sofern ich mit anderen Apperzeptionsformen als er seiner Gedankenwelt gegenübertrete. Andere psychologische Vorgänge finden wir aber doch beim freien eigenen Knüpfen von Beziehungen, Suchen von Zwischengliedern. Folgerungen und dergleichen. Dieses Denken ist offen aktiv, seiner Absicht nach eigene Tätigkeit. Wir wollen es deshalb auch als aktiv (im engeren Sinne) bezeichnen. Das Erlebnis dieses Denkens ist noch viel schwerer zu beobachten. Seltsam, aber noch mannigfaltiger, mischen sich auch hier die seelischen Elemente, und zahlreiche Variationen gibt es hierbei, je nachdem ein Denkender vollkommen in seine Gedanken, d. h. in das Gedachte versunken ist, wie man sagt, oder von dem Gefühl des Denkerlebnisses selbst beschwingt wird. Die Seltsamkeit der Mischung aber besteht hier in dem Erleben eigener Aktivität, in der Art dieses Erlebens, das von Lust- bis zu Unlustgcfühlen variieren kann, in dem Erleben eines Zusammenhangs. ja. grober, umfassender Zusammenhänge, das mit Gefühlen und Empfindungen verbunden ist. mit körperlichen Ausdrucksbewegungen sich verbinden kann — mit Spanuungs- und Losungsbewegungen, sogar mit einem körperlichen Ringen, aber doch auf den Zusammenhang als einen sachlichen. gemeinten gerichtet ist. in welchem der an sich unanschauliche. unvorstellbare Sinn liegt und gedacht wird. Sofern dieses aktive Denken sich zur Aufgabe macht, sinnvolle Zusammenhänge herzustellen. strebt es nach Erkenntnis. Wir wollen nun untersuchen, welche Leistungen in dem' auf Erkenntnis gerichteten Denken enthalten sind, und wir beginnen mit dem Allereinfachsten. Nehmen wir einmal ganz naiv an. draußen ständen die Dinge, und wir wollten sie mit Hilfe des Denkens erkennen. Da steht ein Baum in Blüte. Ich kann dann als Erkenntnisse aussprechen: Der Baum blüht, steht im Garten, er ist ein Obst-, ein Apfelbaum, der Baum ist zehn Jahre alt, er hat die charakteristische Gestalt des Apfelbaums, er trägt rötliche Blüten, er bringt Früchte hervor und wird uns durch seine Früchte angenehm und nützlich sein. Was geschieht in diesen Aussagen? Ich unterscheide den Baum von seinen Eigenschaften und Zuständen. von seinen Beziehungen zur Zeit und zum Raum, ordne ihn verschiedenen Klassen ein. sage von ihm einen Zweck aus. für den er Mittel ist. setze ihn als Ursache für etwas, was von ihm selbst bewirkt wird usw. Immer unterscheide ich an ihm und setze doch zugleich das Unterschiedene in einen Zusamnrenhang. Es kann hier nicht untersucht werden, ob der Baum selbst in allen diesen unzähligen Zusammenhängen steht, ob man diese Zusammenhänge vielleicht einteilen kann in solche, in denen er wirklich steht, und in andere, die man nur im Denken herstellt. Gleichviel: von meiner Seele aus betrachtet, stiftet mein Denken Zusammenhänge mannigfaltigster Art. die sinnvoll sind, die auf Wahrheit Anspruch erheben, die ich anerkenne, deren Gegenteil ich verwerfe. Alle solche Aussagen aber nennt man Urteile, und im Urteilen haben wir die. Grundform alles Denkens. An unserem Beispiel haben wir zugleich einige wichtige Atrien oer Dezieyungen rennen gerernr, oie in oieien n» V!iirn 'iitjü.Uiuicil jst!crill. dt!' In!-!>>--!! m Nummer 12 teilen die verschiedenen Arten von Zusammenhängen bezeichnen — und schon früher sind uns solche, wie die Beziehungen von Mittel und Zweck, von Ursache und Wirkung, begegnet. Das Denken ist überall hierbei vom Vorstellen und Assoziieren abgehoben durch den Urteilscharakter, d. h. dadurch, datz alle diese Elemente in ihm beisammen sind: Unterscheiden und Aufeinanderbeziehen des Unterschiedenen vermittels der bestimmten Denkbeziehung. Anerkennung oder Verwerfung mit dem Anspruch auf Wahrheit. Je nach der Art der verwendeten Beziehungsformen, je nach der Art und Bestimmtheit ferner auch der Gegenstände, von denen Aussagen gemacht werden, können wir aber eine Fülle von Betätigungsweisen des Denkens beobachten. Diese erstrecken sich vom Denken des Alltags bis in alle Verzweigungen der Wissenschaft. So gibt es im tatsächlichen Seelenleben Abstufungen, durch die man von der Nähe des Vorstellungsmätzigen bis zum abstraktesten Denken aufsteigen kann. Setzen wir „Apfelbaum" und etwa „Blühen" in Beziehung, so kann Apfelbaum eine Vorstellung sein, das Blühen gleichfalls. Beide können daher auch bloß assoziiert sein. Die Formulierung dieser Assoziation in einem Urteil ist freilich schon ein Uebergang zum Denken, wobei aber doch das Vorstellungsmätzige noch stark überwiegt. Ich könnte aber auch als Botaniker den wissenschaftlichen Begriff des Apfelbaums als eines Kernobstgewächses, das zur .Familie der rosenartigen Gewächse gehört, denken, mit allen Merkmalen der Kernobstgewächse und den besonderen des Apfelbaums, und zwar derjenigen Art. die ich meine, und ich könnte das Blühen als Fortpflanzungsvorgang verstehen. Man sieht, hier entfernt man sich bereits durch das. was dem Begriff seinen Charakter gibt, von der Vorstellung: es werden abstrakte Elemente in den Begriff des Apfelbaums und des Blühens gebracht, beide selbst wurden dadurch abstrakter. Zugleich werden sie dadurch nun offen in einen weiten Zusammenhang mit vielen anderen eingestellt, und zwar in einen ganz geordneten, selbst Ordnung schaffenden, der nach festen Prinzipien bestimmt ist. Dagegen wäre kein wissenschaftlicher Begriff das, was Heine Kinder Vogel nennen, worunter sie ebenso sehr einen Schmetterling und eine Fliege als einen wirklichen Vogel verstehen, vielleicht auch ein Papierschnitzel/ das sich in der Luft bewegt, während sie das Huhn nicht dazu rechnen. In der Tat ist in diesem Falle beim Kind gar kein Begriff vorhanden, sondern nur eine ungeklärte Vorstellung, vermöge deren es alles Fliegende als etwas Gemeinsames nicht denkt, sondern wahrnimmt und Vogel nennt. Die Forschung, die auf Beobachtung. Unterscheidung, Vergleichung und anderen seelischen Handlungen beruht, zeigt, datz damit kein wissenschaftlicher Begriff gebildet werden kann.' Andere Wissenschaften, z. B. die Physik, entfernen sich nun aber viel weiter in ihren Begriffen von aller Vorstellung, als die beschreibenden Naturwissenschaften, denen wir ein primitives Beispiel entnähmen: sie bilden Vögriffe. an denen überhaupt nichts Vorstellbares ist. Diese Begriffe werden zwar im Hinblick auf Vorstellbares gebildet und stellen die Beziehung zwischen Vorstellbarem dar, aber >sie selbst beherrschen gerade dadurch, datz sie selbst keine Vorstellungen sind, das, was vorgestellt wird. Dennoch darf nicht übersehen werden, datz wir irgendeines sinnlichen Mittels bedürfen, um auch im abstraktesten Denken weiterzukommen. Ein solches Mittel ist die sprachliche Formulierung. ein anderes von uns selbst geschaffenes sind Zeichen wie die Zahlen. Es ist bemerkenswert, datz in der Mathematik nur durch zweckmäßige Zeichen, selbst Schöpfungen eines bedeutenden Denkens, die wichtigsten Fortschritte möglich geworden sind. Wir entwerfen ferner Figuren und Modelle, bei deren Anwendung ■ ober Betcachllüb :üiubti(?, (ifl IlklM ijnts ->

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