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Jüdische Schulzeitung · 1929-12-15 · Heft 12 (15.12.1929) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
5 (1929)
Issue
Heft 12 (15.12.1929)
Date
1929-12-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 12 _Jüdische Schulzeitung. Seite 3! wollte Zwecksetzungen bedienen sich des Denkens gegen Instinkte, die beim Tiere ruhig wallen. Die Vielheit der menschlichen Antriebe, die Kompliziertheit seines Seelenlebens sind der Grund dafür, daß das zweckmäßige Wirken des seiner Zwecke Unbewußten beim Menschen allenthalben durchkreuzt wird. Keineswegs wird hiermit die Macht, die das Instinktive auch beim Menschen besitzt, geleugnet. Ja. man kann den Begriff des Instinktes auf Leistungen anwenden, die den höchsten geistigen Sphären angehören. „Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen, wenn er sich schon dem Tode näher spinnt", lädt Goethe den Tasso von sich selbst sagen: der Dichter folgt dem Drang zu sckmffen. wie der spinnende Scidenwurm seinem Instinkt folgt; er schafft ein Kunstwerk, erfüllt damit einen über ihn hinausschreitenden Zweck, nicht so sehr, weil er diesen Zweck will,. sondern weil ilm etwas Uebermächtiges dazu zwingt. Ganz ohne Bewußtsein des Zweckes ist er freilich nicht, und komplizierte Gedankenarbeit ist bei keinem großen Werke zu entbehren. Aber jenes zweckmäßige, seines Zweckes nicht bewußte Tun bringt gerade die schöpferischen Gedanken hervor, die durch das zergliedernde, ans der Aufgabe die Mittel zu ihrer Lösung ablcitende. Schritt für Schritt vorwärtsgehende Denken zwar erst gestaltet werden müssen, aber durch diesen allein schwerlich hervorgebracht werden können. Den Begriff des Denkens bestimmten wir als eine Handlung der Seele, die etwas einzelnes in einen einheitlichen Sinnzusammenhang eingliedert oder im Hinblick auf solchen Sinnzusammenhamg betrachtet. Wir wissen aber noch nicht, was bei dem so charakterisierten Denken in der Seele vor sich geht. Wie das Denken nun tatsächlich verläuft, ist allerdings besonders schwer zu bestimmen. Hier gerade zeigt sich die Eigenart unseres Bewußtseins, die wir kennen lernten. Wir denken etwas, meinen eine Bedeutung: dabei sind wir auf den Gegenstand gerichtet. Suchen wir aber nun unser Denken selbst uns zum Gegenstand zu machen, so können wir uns schwer dem Zwang entziehen, es als etwas den gewöhnlichen Gegenständen Aehnliches anzusehen, nämlich als Vorstellungsbilder. Auch betätigt sich das Denken zumeist an Wahrnehmungen und Vorstellungen, es bedient sich zumeist der durch Gesicht und Gehör wahrnelMbaren Sprache — alles dahin wirkend, daß cs in seinem eigentlichen Wesen nicht erkannt wurde. Eine wichtige psychologische Einsicht hat hier erst die sogenannte Denkpsychologie angebahnt. Sie hat gezeigt, daß das Denken nicht aus Vorstellungen besteht, sondern Erfassen eines Sinns ist. Denken heißt immer einen Sinn denken, was für Vorstellungs- und Phantasiebilder auch das Denken begleiten mögen und wie schwierig es auch sein mag. anzugeben, was dieses Sinndenken eigentlich ist. Und zwar ist dieser Sinn etwas ganz Bestimmtes. Festes, Beständiges, gerade deshalb und dann, weil und wann er sich von allen begleitenden Bildern abhebt. Hierbei hat das Wort, der sprachliche Ausdruck, die merkwürdige Doppelgestalt einerseits ein lautliches Bild, anderseits Zeichen oder Symbol des bildlosen Sinns zu sein, auf den es im Denken allein ankömmt. Diese Bildlosigkeit und Sinnhastigkeit des Denkens leuchtet wohl ohne weiteres ein, wenn man sich an abstrakte wissenschaftliche Untersuchungen hält. Man nehme etwa die Begriffsbestimmung des Rechts, die Kant gegeben hat: : „Das Recht ist der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit vereinigt werden kann." Durch die Vielheit der Worte wird hier doch nur der Sinn des Rechts bezeichnet, welches niemand mit Augen oder Ohren wahrnehmen kann. Zwar wird ganz gewiß hier etwas gehört oder gesehen — oder von einem lesenden Blinden getastet —: die Worte als sinnliche Gebilde; es finden wohl auch bei den meisten Menschen leichte Bewegungen der inneren Sprachorgane statt; es können sich ferner eigentümliche Mischungen von wechselnden Gefühlen und sehr rasch verwehenden Vorstellungsbildern einstellen, die bei den verschiedenen Individuen ganz verschiedenen Inhalts fähig sind. Vielleicht schweben bei den Worten „Inbegriff der Bedingungen" ein Gesetzbuch mit seinen Paragraphen, bei „Willkür des einen mit der Willkür des anderen" zwei einander angreifende Menschen vor. stellt sich bei „Gesetz"' etwas wie ein Gefühl der Sicherheit und Ordnung, bei „Freiheit" ein Freiheitsgefühl, zum Schluß etwa eine Mischung des Gefühls der Beruhigung, der Harmonie, mit der ganz flüchtigen Vorstellung einer großen Zahl von friedlich arbeitenden, j-i schauenden, genießenden, denkenden Menschen ein. Aber wenn j all dies, was die eigentümliche Lebendigkeit des Seelenj lebens beweist, auch mktschwingt. so stößt doch das Denken - j j zu dem Sinn des Rechts, wie er hier bestimmt ist, hindurch. j i und erst in diesem bildlos gedachten Sinn, in dem Er> l i fassen der Bedeutung des Satzes, erreicht es fein Ziel, wobei P die Worte, der sprachliche Ausdruck, wunderbare Symbole | des Sinnes sind. j Aber auch wo die sprachliche Formulierung Worte verwendet. die selbst eine bildhafte Bedeutung haben, kann der Sinn eines ganzen Satzes und erst recht eines Satzzusammenhanges ganz unabhängig von diesen Bildern bestehen und als solcher erfaßt werden. In den Versen aus Goethes „Tasso": „Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom der Welt" sind „Stille" und „Strom" solche Worte mit Bildbedeutung. Der Sinn dieses Verses aber bleibt derselbe und wird genau als derselbe verstanden, wenn ich ihn ohne diese Bilder mit ganz anderen Worten formuliere. Ich kann ja diesen Sinn auf ganz verschiedene Weise angeben, etwa so: Im Reich der Gedanken und der Phantasie vermag einsame. weltabgeschiedene Arbeit ein hohes Ziel zu erreichen, ein Charakter kann nur durch die Wirkungen auf andere und ihre Gegenwirkung auf ihn selbst, im Kampfe mit den Mächten des Lebens, geformt werden.- Wenn in dieser Fassung andere Bilder austauchen und doch derselbe Sinn erfaßt wird, so ist damit der Beweis erbracht, daß diese Bilder unwesentlich sind, daß wesentlich nur der Sinn des Ganzen ist, den sie nur veranschaulichen, durch den sie die Phantasie beflügeln und den Gedanken der ganzen Seele nahebringen. So seltsam dies nun aber erscheint, daß gerade das, was man nicht sehen, hören, greifen kann, gedacht wird, so würde man doch vollkommen die Erkenntnis des höheren Seelenlebens des Menschen verfehlen, wenn man sich nicht' diese Tatsache zu klarem Bewußtsein bringen würde. Sinn und Bedeutung gehören zu den wichtigsten seelischen Erlebnissen — ohne sie zerfällt die Welt, die wir nur im Denken als ein Ganzes mit gegliederten Zusammenhängen fassen können, in ein Chaos, in ein tumultuarisches Wogen von Bildern. Mit Recht steht daher innerhalb der psychologischen Strömungen der Gegenwart das Problem des Sinns und der Bedeutung als etwas, was das höhere Seelenleben auszeichnet, und das Problem seiner Symbole im Mittelpunkt des Interesses. Offenbart uns so das denkende Verstehen von bereits geprägten Gedankenverläufen vor allem den Sinncharakter des Denkens, so dürfen wir doch nicht übersehen, daß auch in ihm seine Aktivität — wie in den vorschwebenden Vildern die der Phantasie — sich bewährt. Ich erzeuge ja hierbei den vorgedachten Sinn neu, mit eigenen Mitteln, sogar stets in anderer Weife als der Schöpfer des Gedankens. Die Denklei stung .kann hier sogar eine viel höhere sein als beim Ti;

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